Fußball-Bundesliga Wie der FC Bayern im neuen Konstrukt alte Ansprüche erfüllen will

Julian Nagelsmann (oben) ist nun für die Stars des FC Bayern als Cheftrainer zuständig. Foto: dpa/Matthias Balk

Beim FC Bayern ist der Umbruch auf mehreren Ebenen vollzogen. Das birgt – neben den finanziellen Einbußen – Gefahren. Dennoch bleibt Europas Spitze das Ziel. Ist das realistisch?

München - Jahrelang war vom bevorstehenden Umbruch die Rede gewesen, und als er vollzogen wurde, flossen Tränen. Beim damaligen Präsidenten Uli Hoeneß zum Beispiel, der nicht mehr an sich halten konnte, als Franck Ribéry nach seinen typischen Haken in seinem letzten Bundesligaspiel für den FC Bayern noch ein Tor gelungen war. Kurz darauf traf Arjen Robben zum 5:1-Endstand gegen Eintracht Frankfurt beim fast schon kitschigen Ausklang einer Ära am 18. Mai 2019.

 

An diesem Freitagabend steht der Bundesligaauftakt zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FC Bayern an, und wieder schwingt dabei auch die übergeordnete Frage mit, wie gut die Münchner ihren nächsten Umbruch bewältigen werden. Es soll ja der Beginn einer neuen Ära werden, der des neuen Vorstandsvorsitzenden Oliver Kahn, 52, und des neuen Trainers Julian Nagelsmann, 34. Diesmal ist die Herausforderung allerdings viel größer als bei Ribéry und Robben. Denn nun geht es nicht nur um eine Flügelzange, die als Robbéry eine Dekade lang die Mannschaft, Bundesliga und Champions League geprägt hatte, besonders 2013, als das erste Triple der Vereinsgeschichte gewonnen wurde. Nun geht es ums große Ganze.

Größter Umbruch der Geschichte?

Etwas überhöht ließe sich sagen: Der FC Bayern hat sich im größten Umbruch seiner Geschichte insgesamt neu aufgestellt – und keiner schert sich so wirklich darum, anders als bei Robbéry. Als der Franzose Ribéry und der Niederländer Robben auf Mitte 30 zugingen, fürchteten nicht wenige Fans, der Umbruch werde nicht gelingen. Die Granden gaben sich zwar stets betont zuversichtlich, aber auch sie konnten sich nicht sicher sein. „Uli und ich haben regelmäßig Umbrüche erlebt“, sagte der damalige Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ein halbes Jahr vorm Robbéry-Abschied. „Sie können uns vertrauen, dass wir das auch diesmal hinbekommen.“ Sechs Monate später befand Hoeneß stolz: „Wenn wir selbst im Umbruch Meister werden, muss es einem um den FC Bayern nicht bange werden.“

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Dass die folgende Saison, die erste ohne Robbéry, die erfolgreichste des Vereins werden sollte, übertraf allerdings die kühnsten Erwartungen. Unter Trainer Hansi Flick gelang 2020 das zweite Triple. Hinzu kamen noch drei weitere Titel. Und jetzt, bei diesem Umbruch?

150 Millionen Euro Einbußen

Diesmal gibt es Neuerungen auf vielen Ebenen. Erstmals seit 1979 führen andere den FC Bayern als Hoeneß oder Rummenigge, nachdem Letzterer im Juli an Kahn übergeben hat. Vollzogen ist damit der Umbruch an der Vereinsspitze, der im November 2019 mit Präsident Herbert Hainer als Nachfolger von Hoeneß begonnen hatte. Hinzu kommen die Umbrüche auf den Hierarchieebenen darunter. Statt Flick soll nun Nagelsmann jene Ära erfolgreich gestalten, die man sich mit seinem Vorgänger vorgenommen hatte, ehe es diesen zum DFB zog – als Nachfolger von Bundestrainer Joachim Löw. Statt David Alaba und Jérôme Boateng wird es nun ein neues Duo in der Innenverteidigung geben, zu dem neben Dayot Upamecano entweder Tanguy Nianzou oder Niklas Süle zählen wird, zumindest bis Lucas Hernández nach seiner Meniskus-Operation voll belastbar ist.

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Als wären das nicht schon Veränderungen genug, fallen die personellen Umbrüche in Vorstand, Trainerstab und Abwehr auch noch mitten hinein in die neuen Umstände durch die Pandemie. Von bisher rund 150 Millionen Euro Einbußen beim Umsatz sprechen die Münchner. Und während anderswo geklotzt wird, wie bei Paris Saint-Germain oder den finanzstärksten der ohnehin finanzstarken Clubs der englischen Premier League, sehen sich die Bayern zu einer neuen Bescheidenheit gezwungen, jedenfalls vergleichsweise.

Dayot Upamecano ist der Königstransfer

Zwar überwies der deutsche Branchenführer für Königstransfer Upamecano 42,5 Millionen Euro nach Leipzig. Zudem sollen für Nagelsmann bis zu 23 Millionen Euro fällig werden. Doch abgesehen davon muss der neue Trainer mit einer knappen Kalkulation klarkommen, auch bei der Kadergröße. Geholt wurden als Back-ups Linksverteidiger Omar Richards und Torwart Sven Ulreich, jeweils ablösefrei aus einer zweiten Liga. Teil der neuen Strategie ist, dass Nagelsmann auch zum Wertschöpfer werden soll, indem er Talente bei den Profis erfolgreich einbaut.

Am Anspruch, in allen Wettbewerben um den Titel zu spielen, ändert die neue Vorsicht aber nichts. „Wir wollen weiterhin zu den Top drei in Europa gehören“, sagte Kahn. Dafür werde man an Bewährtem festhalten, aber auch neue Wege beschreiten, kündigte er an. Neu ist bereits, dass Kahn für Fußballverhältnisse sehr langfristig plant. Als erster Bayern-Trainer erhielt Nagelsmann einen Fünfjahresvertrag. Und das, obwohl er als Trainer noch keinen Profititel gewonnen hat.

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Nagelsmann weiß, was von ihm erwartet wird, trotz des größten Umbruchs der Clubgeschichte. Es sei ein schönes Gefühl, Cheftrainer des FCB zu sein. „Aber wohlig und warm wird es erst, wenn ich Titel gewinne. Erst dann bin ich wirklich beim FC Bayern angekommen“, sagte er zuletzt. „Bis es so weit ist, ist es ein unvollendetes Gefühl“.

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