Erst gab es aufbauende Worte für die Mannschaft, dann war Zeit für die verbale Abrechnung. Mit funkelnden Augen und bebender Stimme erhob Francesco Di Frisco Anklage. Die Beschuldigten: der Verband und dessen Schiedsrichter. „Es wird immer auffälliger, was da gegen uns läuft“, zürnte der Trainer. Und: „Es ist offensichtlich: Die wollen uns ausländischen Vereine klein kriegen.“
Peng. Danach erst einmal hinsetzen und tief Luft holen. Das war starker Tobak. Doch Frust und Enttäuschung brauchten wohl ein Ventil. Zu bitter war dieser Abend für die Verbandsliga-Fußballer von Calcio Leinfelden-Echterdingen verlaufen. Nicht nur, dass Di Friscos Kicker gegen den Titelfavoriten FC Holzhausen trotz ihrer besten Saisonleistung am Ende dramatisch noch mit 1:2 verloren. Hinzu kamen für die Gastgeber zwei Platzverweise, insgesamt bereits der vierte und fünfte in Pflichtspielen des noch jungen Wettbewerbsjahrs. Und, als wäre es damit immer noch nicht genug: Raus ist inzwischen auch ein Urteil des Sportgerichts. Demzufolge verliert Calcio den einen Punkt aus der Partie gegen den VfB Friedrichshafen am grünen Tisch. Aus dem 1:1 vom 24. August wird ein 0:3. Der Grund: Die Echterdinger hatten in Qlirim Zekaj einen Spieler eingesetzt, dessen Namen versehentlich nicht auf dem Aufstellungsbogen stand.
Ziemlich viel also, was an Frustpotenzial zusammenkam. So viel, dass der aktuell durchaus löbliche Teil beinahe übertüncht wurde. „Die Jungs haben ein tolles Spiel gemacht“, konstatierte Di Frisco und ergänzte: „Sie haben in dieser Begegnung so viel geliefert und investiert, danach haben sie ein solches Ergebnis einfach nicht verdient.“ Immerhin in diesem Aspekt konnte ihm keiner ernsthaft widersprechen.
Ja, Calcio gegen Holzhausen, der Oberliga-Absteiger gegen den amtierenden Vizemeister – dieses intensiv geführte Duell hielt überhaupt viel von dem, was der bloße Status der Kontrahenten versprach. Und das lag nicht zuletzt an den Echterdingern. Jene pressten von Beginn an hoch, ließen ihrem Gegner beim Spielaufbau wenig Luft. Über die Außenpositionen stellten die flinken Casian-Matei Ulici und Emilio Amenta belebende Elemente dar. Letzterer war es auch, der bei seinem Comeback nach einer Kopfballvorlage von Jovan Djermanovic zur frühen Führung einnetzte (7.). Genesen von einer hartnäckigen Adduktorenverletzung, gehörte der 21-Jährige erstmals seit März wieder zur Startformation. Und als dann zudem das Djermanovic-Brüderduell ein vorzeitiges Ende fand, weil der jüngere der beiden, Vorname Vladan, auf Holzhausener Seite wegen wiederholten Foulspiels Gelb-Rot sah (45.+4), schienen die Trümpfe auf der Echterdinger Hand.
Aus Echterdinger Überzahl wird Unterzahl
Dennoch aber kippte die Partie in Hälfte zwei. Die beiden Schlüsselszenen, aus denen sich Di Friscos Gewitterstimmung vor allem speiste: In seinem Team ereilte schließlich sogar zwei Spieler der schiedsrichterliche Marschbefehl. Glatt Rot für Julian Unger, Ampelkarte für Dan Constantinescu. Aus kurzzeitiger Über- wurde somit Unterzahl. Im Fall von Unger ahndete der Referee David Modro (Schiedsrichtergruppe Leonberg) einen Schubser gegen den frei durchgebrochenen Torjäger Janik Michel mit Elfmeter plus Platzverweis. Eine Doppelbestrafung, die Di Frisco „die Welt nicht mehr verstehen“ ließ, die tatsächlich aber regelkonform war. Bei einem sogenannten nicht-ballorientierten Foul zur Verhinderung einer klaren Torchance sehen die Statuten exakt dieses Strafmaß vor.
Constantinescu wiederum wurde ein Handspiel zum eigentlich unstrittigen Verhängnis – was für ihn persönlich eine spezielle Tragik beinhaltete. Über weite Strecken hatte der Calcio-Abwehrchef in einer anspruchsvollen Sonderaufgabe Fleißarbeit verrichtet. Sein Coach hatte ihn zum Manndecker für das Schreckgespenst Michel bestimmt. Besonderer Gegner, besondere Maßnahme. Constantinescus Leistung: gut. Und trotzdem musste er zuletzt ohnmächtig mit anschauen, wie eben der Holzhausener Liga-Rekordballermann einmal mehr zum Matchwinner avancierte.
Michel verwandelte den von ihm herausgeholten Strafstoß zum 1:1 (47.). Und Michel war es auch, der den Echterdingern dann mit seinem bereits neunten Saisontreffer bei einem Konter den späten Knock-out versetzte (86.). Zuvor hatte ein weiterhin mutig agierendes Gästeteam seinerseits durch Amenta und den stürmenden Aushilfsinnenverteidiger Pero Mamic Großchancen zur eigenen erneuten Führung vergeben.
So steht in der Calcio-Statistik nun: drei Heimspiele, drei Niederlagen. In einem zunehmend unausgewogenen Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag hält das Warten auf den zweiten Saisonsieg an. Doch war dies ein Thema, das Di Friscos Pulsschlag direkt nach dem Abpfiff dann gleich erneut in die Höhe trieb. Seine finale Botschaft an die Journaille lautete: „Schreiben Sie über Verband und Schiedsrichter ruhig alles, was ich gesagt habe. Ist mir völlig egal, wenn ich dafür gesperrt werde.“ Die Tabelle? Die interessiere ihn derzeit nullkommanull.
Calcio-„Spieler des Spiels“
Ali Bozatziolou (Nominierungen: 1). Glanzparaden gegen Michel, dem er den Ball vom Fuß pflückte (15.), sowie den eingewechselten Leon Hayer (90.+5). Auch sonst durchgängig konzentriert zur Stelle. Der Mann im Tor zeigte, dass sich auf ihn zurecht wieder als Nummer eins bauen lässt, nachdem er diesen Status für die vergangene Oberliga-Saison verloren hatte.
Calcio Leinfelden-Echterdingen: Bozatziolou – Andrei-Lucian Ulici (46. Schlotterbeck), Constantinescu, Unger, Zweigle – Philipp Seemann – Casian-Matei Ulici (63. Aziz, 80. Patrik Seemann), Mamic, Vieira (70. Isik), Amenta – Jovan Djermanovic.
FC Holzhausen: Schwenk – Huss (46. Steinhilber), Konz, Leitao Gurgel, Müller – Schäuffele – Seeger (87. Haug), Vladan Djermanovic, Kurz (46. Grathwol), Zogu (79. Vogt) – Michel (90.+3 Hayer).
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Das nächste Spiel
Schwäbisch Hall – Calcio
Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht. Weiter geht es für Calcio schon an diesem Samstag (14 Uhr) mit einem Auswärtsspiel bei den Sportfreunden Schwäbisch Hall. Auch für den Gegner läuft es bislang nicht rund. Nach einer 2:3-Niederlage am Mittwochabend beim Aufsteiger Waiblingen steht er nur drei Punkte vor den Echterdingern auf Tabellenplatz elf. In der Offensive ragen die Namen Benjamin Kurz und Günter Schmidt heraus – beide Akteure mit ausgeprägtem Torriecher.
Personalsituation
Nach den Platzverweisen für Julian Unger und Dan Constantinescu brauchen die Echterdinger eine neue Innenverteidigung. Die möglichen Optionen: Lukas Zweigle, Patrik Seemann und Nick Olteanu. Der am Mittwoch zuletzt aushilfsweise in der Abwehrzentrale eingesetzte Allrounder Pero Mamic dürfte eher wieder auf seine Spielgestalterposition im Mittelfeld zurückkehren.