Fußball Eine neue Dimension der Gewaltbereitschaft

In München war ein Großaufgebot an Polizeikräften notwendig, um die Lage zu sichern. Foto: dpa
In München war ein Großaufgebot an Polizeikräften notwendig, um die Lage zu sichern. Foto: dpa

Dass im Fußball die Emotionen hochkochen, ist nicht neu. Die Gewaltbereitschaft hat in den vergangenen Wochen aber neue Dimensionen angenommen. Maßnahmen, die dies verhindern sollen, gibt es viele.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Man darf den Mut und die Entschlossenheit von Philipp Pentke, 32, durchaus lobend erwähnen. „Ich hatte mit dem Schiri die klare Absprache: Solange ich nicht getroffen werde, soll ich dafür sorgen, dass alles wieder vom Platz wegkommt“, berichtete der Torhüter des SSV Jahn Regensburg nach dem Relegationsrückspiel, das sein Team beim TSV 1860 München 2:0 gewonnen hatte. Der Jahn spielt künftig also in der zweiten Liga, die Löwen sind abgestiegen, der Frust entlud sich bei einem kleinen Teil der Fans bereits während der Partie. Es flogen Sitzschalen und Stangen in den Strafraum der Regensburger. Pentke räumte, geschützt von Polizisten in schwerer Montur, immer wieder auf. So wurde die Partie dann doch noch zu Ende gespielt.

Die Polizei nennt das am Tag danach ein „deeskalierendes Vorgehen“, Pentke hat es mit ermöglicht – doch seine Haltung offenbart auch die entscheidende Frage in einer aktuellen Diskussion: Muss erst etwas Schlimmes passieren, bevor wieder Vernunft einkehrt? Die außersportliche Bilanz des bitteren Münchner Fußballabends liest sich jedenfalls nicht wie die einer Sportveranstaltung. Zehn Polizisten wurden leicht verletzt, zehn vermeintliche Fans festgenommen, eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. Wie gesagt: Eigentlich ging es um Fußball.

Große Emotionen in der Relegation

Gut, es war Relegation. Für viele Vereine ist sie ein Kampf um die sportliche und wirtschaftliche Existenz, für viele Fans ein emotional hoch aufgeladenes Spektakel – das aufgrund der Vorkommnisse in dieser Woche infrage gestellt wird. Schon vor dem Eklat in München hatten am Montag Anhänger von Eintracht Braunschweig nach dem Scheitern ihres Teams gegen den VfL Wolfsburg den Rasen gestürmt, Böller gezündet und Gästefans provoziert. „Mit Blick auf die Vermarktung des Fußballs ist da eine ganze Menge Zynismus im Spiel“, sagt Michael Gabriel, der Leiter der Frankfurter Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), „wenn man zur besseren Vermarktung die Emotionen auf die Spitze treibt und sich hinterher beschwert, dass die Fans ihre Emotionen nicht im Griff hatten.“ Doch ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt: Allein die Relegation taugt nicht als Auslöser der Randale in einer neuen Dimension.

Vor einem Jahr erlebte Frankreich bei der EM eine bittere Renaissance der Hooligan-Problematik. In Deutschland schlug die Ablehnung von RB Leipzig um in Hass und Gewalt. Anhänger des Karlsruher SC warfen in Stuttgart Feuerwerkskörper auf den Rasen und verletzten beinahe die eigenen Spieler. Dresdner Fans marschierten im Militärlook zum Spiel in Karlsruhe, erklärten dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) den „Krieg“, plünderten Imbissbuden und stürmten den Eingangsbereich. Die Spieler des 1. FC Kaiserslautern wurden in Aue von den eigenen Supportern mit Stangen und Bierbechern attackiert. Beim Pokalfinale zündeten Fans beider Lager Pyrotechnik und gingen den DFB auf Spruchbändern an. In Stuttgart und zuletzt in Braunschweig standen Wasserwerfer bereit, Eintracht-Fans trafen einen Ordner mit einem Böller. Dann folgte München.

„Kein rechtsfreier Raum“

„Das hat eine neue Qualität“, sagte Gewaltforscher Andreas Zick nach den Vorkommnissen in Karlsruhe. Bundesinnenminister Thomas de Maizière meinte: „Wer Ordner und Polizisten attackiert, ist in Wahrheit kein Fußballfan und gehört nicht ins Stadion, sondern hinter Schloss und Riegel.“ In Braunschweig sah Eintracht-Präsident Sebastian Ebel „eine unglaubliche Sauerei“. KSC-Chef Ingo Wellenreuther entschuldigte sich für das Benehmen der badischen Randalierer nach dem Spiel in Stuttgart und betonte: „Wir sprechen hier über Straftäter.“ Das ist die Erkenntnis. Die Frage ist: Was nun?

Stadionverbote, personalisierte Tickets, Reduzierung des Gästekartenkontingents, Einsatz von hochauflösenden Kameras zur Identifizierung, mehr Prävention durch Fanprojekte und Fanbetreuer – es gibt viele Ansätze, es sind viele Stunden, Tage und Wochen investiert worden. Am 10. Juli wird in Baden-Württemberg auf dem Sicherheitsgipfel um weitere Lösungen gerungen. „Wir nehmen nicht hin, dass Chaoten das Spiel kaputt machen und fußballbegeisterte Zuschauer, Ordnungskräfte, Polizisten und auch Spieler in Gefahr bringen“, sagt Innenminister Thomas Strobl, „in Baden-Württemberg dulde ich keine rechtsfreien Räume, nicht in irgendwelchen Stadtvierteln, auch nicht um und in Fußballstadien.“

Die große Polizeipräsenz ist erforderlich

Die Auseinandersetzung zwischen Fans und Verbänden zur fortschreitenden Kommerzialisierung, zum Thema Pyrotechnik und zu Faninteressen allgemein verläuft mitunter auch konstruktiv und meist friedlich, zuletzt wurde der Ton aber schärfer. Und eine gewaltbereite Minderheit, die oft auch im eigenen Fanlager umstritten ist, ist noch lange nicht unter Kontrolle. Die nötige Präsenz von Polizei und Ordnungsdienst, um für einen geregelten Ablauf der Spiele zu sorgen, ist daher nach wie vor enorm. Für Ingo Wellenreuther war daher schon nach den Geschehnissen mit den Dynamo-Anhängern in Karlsruhe klar: „Da müssen wir ein Stoppsignal zeigen. So kann es nicht weitergehen.“ Ganz egal, wie hart gesotten mancher Torhüter unter Sitzschalen-Beschuss auch ist.




Unsere Empfehlung für Sie