Zu viel Ehrgeiz? Eltern-Ausraster und Kontrollverlust an der Seitenlinie

Mitfiebern ist gut, aber es kann auch zu viel werden. Foto: imago//Markus Weissenfels

Im Sport zeigen Eltern häufig größeren Ehrgeiz als ihre Kinder. Sie können den Nachwuchs zu Erfolgen antreiben. Doch Niederlagen belasten sie emotional um so mehr – mit üblen Folgen für alle Beteiligten. Was eine Psychologin rät.

Es ist in München passiert. Aber es hätte auch in Stuttgart, Wanne-Eickel oder Greifswald passieren können. Juli 2023. Ein Fußballturnier in der Nähe des Schlosses Nymphenburg. Acht- und neunjährige Kinder kämpfen darum, ein Turnier zu gewinnen – das niemand mehr gewinnen wird. Denn nach dem Halbfinale zwischen Eintracht Karlsfeld und Freie Turnerschaft Gern prügeln Eltern aufeinander ein, der Organisator bricht das Turnier ab. Kein Sieger.

 

Bei der Schlägerei fliegen Fäuste und es gibt Watschen. Zwei Väter sind verletzt, der Schiedsrichter bekommt auch eins ab, blutige Lippe. Eltern lassen innerhalb von zwanzig Sekunden Frust ab, der sich in einem zehnminütigen Spiel angestaut hatte.

Sport-Stars mit ehrgeizigen Eltern

Sind Eltern wirklich so schlimm? Meldungen legen das nahe: „Spielabbruch in der C-Jugend: Fußball-Vater ohrfeigt Schiri (15)“, „Vater prügelt auf 16-jährigen Spieler ein“, „Vater (54) attackiert Schiedsrichter“, „Vater stürmte vor lauter Ärger auf den Platz und schlug zu“, „Vater schlägt Gegenspieler seines Sohnes“.

Manchmal zeigen Eltern größeren Ehrgeiz als ihre Kinder. Sie wissen genau, was die in diesem oder jenem Alter können sollten und übernehmen die Trainerposition. Sie provozieren deshalb Streit mit dem Kind – und dem richtigen Trainer. Auf der anderen Seite motivieren Eltern ihre Kinder, überhaupt Sport zu treiben, besser zu werden, fahren nach einem langen Arbeitstag noch zum Auswärtsspiel, feuern positiv an, waschen Trikots, backen Kuchen. „Ohne sie läuft gar nichts“, hat mal ein Tennis-Bundestrainer gesagt. Viele Eltern helfen, dass ihre Kinder Profi werden. Beispiele sind David Beckham, Alexander Zverev, Dirk Nowitzki, Venus und Serena Williams.

Steffen Dobler brennt als Vater für den Sport seines Sohnes. Er befand sich bei der Schlägerei in München mittendrin, löste sie sogar mit aus. Sein Sohn spielte an jenem Tag für die FT Gern, die im Halbfinale verlor. Heute, ein Jahr später, sagt Steffen Dobler: „Das darf nicht passieren, gerade vor so kleinen Kindern, man sollte sich nicht provozieren lassen. Ich bereue das sehr.“ Er heißt eigentlich anders, möchte aber verhindern, dass er in einen Meinungskampf über den Ablauf der Schlägerei gerät.

Steffen Doblers Sohn ist neun Jahre alt und gehört zu den talentierteren Spielern der Mannschaft, sagt der Trainer. Auch Doblers älterer Sohn spielt Fußball. Der Vater träumt davon, dass einer seiner beiden Söhne irgendwann professionell Fußball spielt. Das sei früher auch sein eigener Traum gewesen. „Du siehst, dass dein Kind Talent hat, ins Leistungszentrum muss, Profi werden kann, aber zu neunundneunzig Prozent klappt das nicht.“

80 Kilometer zum Training im Papa-Taxi

In den vergangenen Jahren wandte Steffen Dobler trotzdem viel auf. Ein Nachwuchsleistungszentrum fand er für den älteren Sohn, 14, in Augsburg, investierte 15 000 Euro in zwei Jahren, kaufte Kickschuhe für 300 Euro. Dreimal die Woche fuhr er seinen Sohn von München aus zum Training, achtzig Kilometer ein Weg. An Wochenenden begleitete Steffen Dobler seinen Sohn zu Heim- und Auswärtsspielen in ganz Bayern, sah fünfzig Partien in zwei Jahren. Wenn dann auch der jüngere Sohn ein Spiel hatte, ging fast das ganze Wochenende drauf, nach einer Fünfzig-Stunden-Woche als Kellner. „Für deine Kinder tust du schon alles.“

Der ältere Sohn spielt mittlerweile nicht mehr im Leistungszentrum, er kam bei Meisterschaftsspielen kaum zum Einsatz. „Ich hätte ihn weiter unterstützt, wenn er mehr Spielpraxis bekommen hätte“, sagt Steffen Dobler und gibt zu, dass er zu ehrgeizig war. Bei Spielen rief er schon mal „Wach auf jetzt“ rein, motivierte seinen Sohn, auch in den Ferien zu trainieren. „Dabei ist es besser, auch mal zehn Tage nichts zu machen und den Kindern Freiheiten zu lassen.“

Der 14-jährige Sohn verfolgt den Weg zum Profi erst mal nicht mehr, spielt wieder in einem ganz normalen Verein in München. Und der Vater ist nach eigener Aussage nun viel entspannter, weil der Sohn mit guter Laune nach dem Training nach Hause kommt.

Was Eltern besonders stresst

Wie Eltern die Emotionen ihrer Kinder während eines Spiels miterleben, haben Forscher herausgearbeitet. Die Sportpsychologin Valeria Eckardt, 30, hat zu diesem Thema an der deutschen Sporthochschule Köln promoviert. Ihr Fokus lag auf Erfahrungen, die Eltern mit Stress am Spielfeldrand und in Zusammenarbeit mit Trainern machen. Vergangenes Jahr publizierte sie einen Beitrag mit dem Titel: „Meine Tochter wurde ausgewechselt und ich fühlte mich selbst aus dem Spiel genommen“. Darin beschreiben 90 Mütter und Väter Situationen, die sie während Fußballspielen als stressig erlebten.

Die meisten davon entfallen auf Situationen, an denen das eigene Kind beteiligt ist: 32 Prozent. Besonders fühlen sich Eltern gestresst, wenn das eigene Kind gefoult und verletzt wird. Sie betonen, dass es sich dabei nicht um kleinere Verletzungen handelt, sondern um gravierende Schäden mit einem Krankenhausaufenthalt oder dem Ausfall für das nächste Spiel. Die Eltern fühlten sich in diesen Momenten hilflos, machten sich Sorgen und stellten das Fußballspielen ganz in Frage. Ein Vater sagte: „Man muss sich zusammenreißen, dann nichts zu sagen oder dem Kind zu Hilfe zu eilen. Es tut einem selber weh, wenn dem eigenen Kind Schmerzen zugefügt werden und man fragt sich, ob es das wert ist.“

Sportpsychologin Valeria Eckardt kann erklären, warum sich Eltern immer wieder daneben benehmen. Dafür müsse man verstehen, welche Ziele die Eltern für ihr Kind haben. „Je höher die Ansprüche an den Erfolg des Kindes, desto größer ist der Frust, wenn diese Ziele nicht erreicht werden.“ Die Ziele bestimmten über das Verhalten, beeinflussten das emotionale Erleben.

„Beobachten statt bewerten!“

Valeria Eckardt, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke arbeitet, plädiert dafür, Eltern vorzubereiten, wie sie ihr Kind am besten begleiten können. Sie hat an einer Broschüre der Deutschen Fußball-Liga und des Deutschen Fußball-Bundes für Eltern mit Kindern im Leistungszentrum mitgearbeitet. Darin gibt sie Tipps: „Schenken Sie ihrem Kind ein offenes Ohr, versuchen Sie zu beobachten, anstatt direkt zu bewerten, seien Sie kein übertriebener Fan oder Sportreporter, ermutigen und motivieren Sie, trösten Sie.“

Eltern könnten nur dann ausreichend für ihre Kinder da sein, wenn sie ihre eigenen Emotionen im Griff haben. Um das zu erreichen, sei es hilfreich, sich am Spielfeldrand mit anderen Eltern – oder einem Begleiter – über die eigenen Erfahrungen auszutauschen. Wenn es dann mal zu spannend ist: fünfmal tief durchatmen oder fünf Dinge aufzählen, die man sehen oder hören kann. „Wenn man ein spannendes Spiel gar nicht aushält, dürften Eltern weggehen. Sie sollten davor jedoch mit ihrem Kind sprechen und es auf diesen Fall vorbereiten. Damit das Kind nicht denkt, es liegt an ihm.“

Aus Befragungen von Kindern weiß Valeria Eckardt: Ihnen ist wichtig, dass ihre Eltern sie vor dem Spiel und während des Spiels unterstützen. Das heißt: Tasche packen, pünktlich sein, anfeuern – und zwar die ganze Mannschaft. „Die Eltern sollten ihren Fokus auf das Bemühen des Kindes legen und weniger auf das Endergebnis. Darüber kann die langfristige Freude am Sport gefördert werden.“ Leichter gesagt als getan. Eltern, die viel Zeit und Geld in ihre Kinder investieren, erwarteten ein Return of Investment, wie eine Studie aus den Vereinigten Staaten herausgefunden hat.

Thomas Schmidt, 57, trainiert seit zwölf Jahren Kinder, die zwischen fünf und zehn Jahre alt sind, derzeit die F-Jugend der FT Gern. Der Verein also, dessen Spielereltern in die Schlägerei involviert waren.

„Eltern meinen, wir spielen hier Champions League“

Thomas Schmidt rügte nachher Vater Steffen Dobler. Man dürfe nicht anfangen zu schubsen, sondern müsse „weghören, weggehen“. Der ehrenamtliche Trainer, von Beruf Informatiker, hat selbst drei Kinder und sagt: In jeder Mannschaft gibt es zwei, drei ehrgeizige Väter und Mütter. Die riefen Sprüche rein wie „Haut sie um!“. Die Eltern seien „so drin, so auf ihr Kind fokussiert, meinen, wir spielten Champions League“. Einmal, bei einem Spiel, stand plötzlich ein Vater direkt hinter Thomas Schmidt – anstatt das Spiel von hinter der Bande aus zu verfolgen. Der Vater meinte, dass sein Sohn hier spiele, er müsse Anweisungen geben.

Jugendtrainer Schmidt: „Während des Spiels sind Eltern nur Zuschauer!“ Foto: Nicci Schmieder

Ein anderes Mal rechnete ein Vater vor, dass sein Kind nur 15 Minuten, andere Kinder aber 17 Minuten auf dem Feld gestanden haben. Komme öfter vor. Der Trainer führt extra eine Liste mit den Einsatzzeiten, um sich rechtfertigen zu können. Einen Spieler wechselte Thomas Schmidt hingegen bewusst vorzeitig aus. Er sollte zu seinem Vater laufen, weil der immer wieder Kommandos hineinrief und seinen Sohn ablenkte: „Nach vorne laufen, dribbeln, schieß“. Vater und Sohn sollten das dann außerhalb des Spielfelds klären.

Verhaltenskodex für Eltern

Spiele müssen Eltern in Bayern seit ein paar Jahren einige Meter entfernt von den Trainerbänken verfolgen – sie stehen in Fan-Zonen. Das Konzept habe sich bewährt, sagt Thomas Schmidt, die Atmosphäre ist besser, Eltern greifen seltener ein. Auf manchen Sportplätzen schauen Eltern dann sogar von hinter dem Zaun der Anlage aus zu. „Das finde ich gar nicht so schlecht.“

Wenn Eltern ihre Kinder bei der FT Gern anmelden, lässt Thomas Schmidt einen „Verhaltenskodex“ unterschreiben. Darin heißt es: „Alle Erwachsenen haben eine Vorbildfunktion“, „Sportliche Anweisungen kommen ausschließlich vom Trainer.“ Hervorgehoben ist der Satz: „Während des Spiels sind Eltern nur Zuschauer!“ Sie versichern mit der Unterschrift, sich respektvoll gegenüber Gegner und Schiedsrichter zu verhalten, nur positiv anzufeuern, keine Kritik gegenüber der eigenen Mannschaft zu üben. Bei Elternabenden legt Thomas Schmidt den Eltern den Verhaltenskodex erneut vor. Damit die sich erinnern, was sie mal unterschrieben haben.

Dieser Artikel erschien erstmals im Juli 2025 und wurde am 21. November aktualisiert.

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