Fußball-EM 2016 Der Vorführer

Der Fehlschuss von Belgrad Foto: AP
Der Fehlschuss von Belgrad Foto: AP

Die EM-Geschichte wurde vielfach geprägt von deutschen Lichtgestalten. Einer von ihnen: Uli Hoeneß. Er war die Gebrauchsanweisung dafür, wie man nicht schießen darf – und fortan haben wir Deutschen alle Elfmeterschießen gewonnen. Teil zwei der EM-Serie.

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Stuttgart - Wir Deutschen sind pfiffige Tüftler. Als der Rest der Welt noch mit dem Üben des aufrechten Gangs beschäftigt war, sind wir schon Auto gefahren, wir haben das Röntgen und die Raketen erfunden, das Fernsehen, den Computer, den Geigerzähler, das Backpulver und den Butterkeks – und am Ende auch vollends das Grausamste, was ein Mensch sich ausdenken kann: das Elfmeterschießen.

Karl Wald ist schuld. Er war Schiedsrichter im bayrischen Penzberg, aber auch Friseur, und beim Haareschneiden ist ihm anno 70 diese haarsträubende Idee gekommen, die der Weltfußball dann prompt übernommen hat: nach der Verlängerung nicht mehr eine Münze zu werfen – ­sondern die Sache unter Männern auszuschießen, mit schier menschenverachtender Gnadenlosigkeit.

„Es ist“, hat der Oscar-Preisträger Sir Peter Ustinov über das Elfmeterschießen einmal gesagt, „als ob man einen Krieg beendet mit einer Partie russischem Roulette zwischen ausgewählten Gefreiten auf beiden Seiten.“ Jeder Schuss ist ein Himmelfahrtskommando, mindestens aber ein Psychokrieg, und wir können nur ahnen, was in Uli Hoeneß vorging, als er bei der ­Uraufführung dieser grässlichen Neuerung zu ihrem ersten Opfer wurde.

Belgrad, 20. Juni 1976, das EM-Finale. Nach der Verlängerung steht es zwischen der CSSR und den deutschen Titelverteidigern 2:2, und auch im Elfmeterschießen ist nichts entschieden, als Uli Hoeneß an der Reihe ist. Als Vorletzter. Danach kommt nur noch Panenka, ein als kaltschnäuzig verrufener Prager, der Ulmer Lockenkopf muss also sicherheitshalber treffen. Schon vor dem Anlauf sieht er im ­­Ge­sicht etwas fahl aus – es ist diese fürchter­liche Blässe, die man Jahre später in einem TV-Werbespot ­wieder sehen wird: Auch da tritt einer an zum Elfmeter, aber als er Olli Kahn vor sich im Kasten sieht, dreht er mitten im Anlauf mit schlotternden Beinen um und macht sich aus dem Staub.




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