Vor der Fußball-WM 2006 war die Stuttgarter Rathausspitze sichtlich nervös: Werden alle Großprojekte vor dem Anpfiff fertig? Davon gab es vor 18 Jahren reichlich. Doch die Baufirmen gaben Vollgas und zwei Wochen vor Beginn wurden neben dem Mercedes-Museum, der Porsche-Arena, dem Cannstatter Bahnhof auch der Pragsatteltunnel und die Leitstelle für Sicherheit und Mobilität fertig.
Nervös ist diesmal keiner, dennoch legen die Verantwortlichen der Landeshauptstadt, die jährlich rund 20 000 Baustellen „verarbeiten“ muss, auch vor der Fußball-EM 2024 größten Wert darauf, dass das internationale Fußballpublikum nicht an jeder Ecke mit einem Bauzaun oder Absperrschild konfrontiert wird. Die Bautätigkeit während des vierwöchigen Fußball-Spektakels wird deshalb auf ein Minimum reduziert, vor allem auf den wichtigen Zufahrtsstraßen.
Ausschreibung im Eilverfahren
„In der Arbeitsgruppe Mobilität für die Fußball-EM wurde ein Vorrangstraßennetz mit allen für die störungsfreie Verkehrsabwicklung relevanten Streckenzügen und Knotenpunkten definiert“, erklärt Stadtsprecher Oliver Hillinger. Die Straßenbaubehörden der Region wurden zudem gebeten, Maßnahmen und Vorhaben mit erheblichen Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit und Kapazität des Straßennetzes nach Möglichkeit zeitlich anzupassen.
Diese Vorgaben wurden erhört: Das für die Bundesstraßen zuständige Regierungspräsidium Stuttgart hat in den Pfingstferien die marode Rampe von der B 10 auf die B 14 in Fahrtrichtung Fellbach sanieren lassen. Die Ausschreibung erfolgte im Eilverfahren, da die Brückensanierung zwingend vor EM-Beginn fertig sein musste.
Wichtiger Abschnitt der Hauptradroute 1 fertig
Allgemein gilt die Devise: Was vor dem 14. Juni erledigt werden muss und kann, hat Priorität – wie etwa unlängst die Fahrbahnsanierung der Heilbronner Straße. Rechtzeitig fertig vor Beginn der EM wurde auch ein wichtiger Abschnitt der Hauptradroute 1, die im Bereich des Mineralbads Leuze endlich wieder für klare und sichere Verhältnisse zwischen Radfahrern und Passanten sorgt.
Eine Baustelle muss dagegen eine Zwangs-EM-Pause einlegen. Sie liegt in der Schwarenbergstraße, eine der wichtigsten Zufahrtsstraßen von den Fildern in den Stuttgarter Osten und weiter in den Neckarpark. Tiefbauamt, Netze BW und Stuttgart Netze sind mit den Arbeiten dort massiv in Verzug geraten. Keine Chance, noch vor EM-Beginn fertig zu werden, weshalb die Schwarenbergstraße während der EM wieder in beide Richtungen befahren werden kann.
Kein Baustopp für Mobility Hub
Unaufschiebbar waren dagegen die Abrissarbeiten des Breuninger-Parkhauses, die Mitte Mai begonnen haben. Auf dem 3000 Quadratmeter großen Gelände im Bohnenviertel soll bekanntlich ein Mobility Hub entstehen. Wegen der Sperrung eines Seitenstreifens der B 14 wird der Verkehr von der B-14-Rampe über den Leonhardsplatz über die Esslinger Straße umgeleitet – auch während der Fußball-EM.
Kein EM-Stopp auch für die Arbeiten für das künftige Haus des Tourismus sowie für den Umbau des Bletzinger-Gebäudes auf dem Stuttgarter Marktplatz, obwohl der eine von insgesamt vier Fanzonen in der Innenstadt sein wird. Den vielleicht größten Zeitdruck verspürt das Tiefbauamt am Cannstatter Bahnhof. er Vorplatz wird seit dem vergangenem Jahr für fast neun Millionen Euro umgebaut. Er wird nicht nur schöner, grüner und barrierefrei, künftig werden dort auch so gut wie keine Autos mehr unterwegs sein. „Die Arbeiten schreiten zügig voran – doch zu 100 Prozent wird das Projekt nicht bis zum 14. Juni fertig“, sagt Jürgen Mutz, der Chef des Stuttgarter Tiefbauamts. Leider kann laut Mutz auch die Fahrradgarage beim Imbisshäuschen noch nicht gebaut werden. „Der gesamte Platz wird sich jedoch in einem schönen Zustand den EM-Besuchern präsentieren“, verspricht Mutz. Und die Deutsche Bahn? Wegen Bauarbeiten an den Strecken, aber auch wegen des Einbaus einer neuen Sicherungstechnik ist das Netz der S-Bahn Stuttgart seit längerem stark beeinträchtigt, weshalb sich die Arbeiten das gesamte Jahr 2024 hinziehen werden. Lediglich während der Fußball-EM vom 14. Juni bis zum 14. Juli, so die Zusage der Bahn-Verantwortlichen, soll es eine Baupause geben.
Bahnhofsvorplatz und S-Bahn Stuttgart