Ministerpräsident Winfried Kretschmann und OB Frank Nopper werden demnächst eine Mail erhalten. Unterschrieben von Ex-Nationalspieler Philipp Lahm, Chef des Organisationskomitees der Fußball-Europameisterschaft 2024. Besorgt fragt er nach, warum Stuttgart mit den Plänen für ein Fanfest nicht voran komme, warum das gemeinsam besprochene und abgesegnete Konzept nicht umgesetzt werde.
Besorgte Nachfrage von Philipp Lahm
Der Streit um die Nutzung des Schlossplatzes während der Fußball-EM 2024 hat nicht nur das Organisationskomitee erreicht, auch aus der Bundesregierung kamen bereits Nachfragen. Ist doch die EM als Veranstaltung von „nationalem Interesse“ Teil des Koalitionsvertrags. In den neun anderen Gastgeberstädten geht es voran, in Stuttgart scheint das Chaos rund um den Schlossplatz schwerer zu lösen zu sein als die Wirren ums Heizungsgesetz.
Was ist der Vorschlag?
Bei einem Gespräch am Mittwoch saßen Vertreter der Stadt, des Landes und von Opus, dem Veranstalter der Jazz Open, beieinander und suchten nach einer Lösung. Die Stadt braucht Schlossplatz und Ehrenhof für das Fanfest und gemeinsame Fußballschauen während der EM vom 14. Juni bis 14. Juli. Am 18. Juli wollen die Jazz Open auf den Schlossplatz, brauchen aber zehn Tage Vorlauf für den Aufbau ihrer Tribüne. Nun gab es den Vorschlag des Landes, die Tribüne vor dem Fanfest aufzubauen. Was bedeutet, man teilt den Schlossplatz, hat ein Public Viewing im Ehrenhof und eines hinter der Tribüne.
Die Stadt hat dies geprüft, kommt aber zum Schluss, dass dies nicht möglich sei. Statt 40 000 Menschen dürften nur 25 000 kommen, „und wir wollen dieses Erlebnis für viele Menschen ermöglichen“, sagt Nopper, „für die Einheimischen aber auch für unsere Gäste aus ganz Europa“. Zumal es Nachfragen von Fanorganisationen aus zahlreichen Ländern gibt, die ankündigen mit Zehntausenden Menschen kommen zu wollen und sich erkundigen, wie und was geplant ist. Der holländische Ansturm mit mehr als 50 000 Fans während der WM 2006 und der Marsch vom Schlossplatz zum Stadion wirkt offenbar stilbildend. Die Holländer haben es erfunden, viele wollen es nachmachen.
Was ist mit den Fluchtwegen?
Die Tribüne verringert nicht nur die Kapazität. Wie man Fluchtwege gestaltet, ist unklar. Von den Sicherheitsbehörden heißt es, man könne unmöglich eine Veranstaltung in eine Veranstaltung entfluchten. Als Konsequenz müsste auch die Königstraße abgesperrt werden, um dort bereits die Menschen davon abzuhalten auf den Schlossplatz zu kommen. Damit dort der Andrang nicht zu groß wird. Dies alles würde bis zu einer Million Euro mehr kosten, die die Stadt nicht bereit ist zu tragen. Jürgen Schlensog, Geschäftsführer von Opus, spricht hingegen von maximal 400 000 Euro Mehrkosten.
Stadt zeigt Kante
Selten sind Nopper und der Gemeinderat einer Meinung, aber wer mit Stadträten gleich welcher Fraktion spricht, bekommt die Auskunft, dass es nicht einzusehen sei, die zusätzlichen Kosten für diese Lösung mit Steuergeld zu bezahlen, gleichzeitig werde damit die kostenlose Nutzung des Schlossplatzes für alle geschränkt.
Die Stadt hat eine klare Position bezogen. Man habe Opus angeboten, die Bühne so bauen zu lassen, dass sie für das Fanfest und die Jazz Open genutzt werden könne. Aber man braucht den gesamten Schlossplatz samt Ehrenhof für das Fanfest. Ohne Tribüne dazwischen. Wird das Land als Eigentümer des Schlossplatzes die Jazz Open von Anfang Juli an für den Aufbau in den Ehrenhof lassen, wird das Fanfest mit dem Viertelfinale am 6. Juli enden. „Wir werden dann abbauen“, sagt Nopper, „so schade das ist“.
Land ist verwundert
Beim Land ist man erstaunt. „Es ist niemandem mehr zu vermitteln, warum es immer noch keine Lösung gibt“, sagt Sprecher Sebastian Engelmann, „das Fanfest könnte die komplette EM über auf dem Schlossplatz stattfinden. Nach dem Viertelfinale würde parallel die Tribüne für die Jazz Open aufgebaut werden. Dadurch müsste die Fläche des Fanfests nur minimal verkleinert werden“. Beides könnte stattfinden.
Schlensog sagt: „Wir können und werden mit beiden Alternativen leben. Wir haben verpflichtende Verträge mit Künstlern im Zeitraum von 18. bis 23. Juli geschlossen.“ Damit habe man sich bereits zwei Tage nach hinten bewegt, mehr gehe nicht, „um uns mit dem technischen Ausrüsten der Bühne für die Jazz Open nicht in zeitliche Not zu bringen. An uns werden somit beide Kompromisslösungen nicht scheitern“.
Kommt Mbappé nach Stuttgart?
Weiter in den Vorbereitungen sind Delegationen aus Italien, England und Frankreich, die in Stuttgart waren. Je nach Auslosung werden sie während der gesamten EM hier Quartier beziehen, übernachten und trainieren. Im Gefolge viele Journalisten und Fans. Das könnte also heißen, Superstar Kylian Mbappé kommt für mehrere Wochen nach Stuttgart. Und bricht von hier aus zu einem Halbfinale auf, das in Stuttgart nicht mehr auf dem Schlossplatz zu sehen sein wird. Oder doch? Finanzminister Danyal Bayaz hat sich bisher herausgehalten. Nun lädt er für nächsten Mittwoch zur nächsten Runde ein.