Fußballfans haben die Bilder sicher noch vor Augen. Das Sommermärchen 2006 hat auch in Stuttgart einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Während der Weltmeisterschaft herrschte in der Innenstadt eine tolle Stimmung. Regelmäßig verfolgten bis zu 50 000 Menschen die Spiele beim Public Viewing auf dem Schlossplatz.
Zur WM 2006 fand auch der bislang letzte verkaufsoffene Sonntag in der Stuttgarter Innenstadt statt. Nun, 18 Jahre später, steigt die nächste große Fußballparty in Deutschland. Die Heim-Europameisterschaft steht zwischen dem 14. Juni und 14. Juli an. Und auch in Stuttgart werden fünf Partien ausgetragen. Rund um die Fußballspiele in der MHP-Arena soll „im Herzen Stuttgarts ein Fußballfest der Freude und Begeisterung“ gefeiert werden, wie es auf der Internetseite der Stadt Stuttgart heißt.
Ob beim Public Viewing auf dem Schlossplatz, mit Sport- und Kinderaktivitäten auf dem Marktplatz, kulturellen Angeboten auf dem Karlsplatz oder einem vielfältigen Gastronomieangebot von veganen, vegetarischen und regionalen Speisen und Getränken auf dem Schillerplatz – gemeinsam mit den Stuttgarterinnen und Stuttgartern soll die ganze Stadt zum Stadion werden. „Wir geben der Fußball-Europameisterschaft das Zuhause, die es verdient: vielfältig, weltoffen, innovativ und voller Begeisterung.“
Der 23. Juni wurde schon im Vorfeld abgelehnt
Zu diesem Anlass möchte sich auch der Handel von seiner besten Seite zeigen. Deshalb hat die City-Initiative Stuttgart zwei verkaufsoffene Sonntage für dieses Jahr beantragt, die im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft stattfinden sollen – am 16. und 23. Juni. „Der Handel soll und wird an diesen Tagen natürlich nicht im Vordergrund stehen. Aber die Händlerinnen und Händler möchten ihren Teil zu einem gelungenen Fest beitragen und mit dafür sorgen, dass die Gäste Stuttgart in guter Erinnerung behalten“, sagt Citymanager Sven Hahn. Allerdings steht jetzt schon fest, dass es maximal einen verkaufsoffenen Sonntag 2024 in der Innenstadt geben wird. „Wir prüfen alle Anträge immer sehr genau und umfangreich“, sagt Martin Treutler, Leiter der Dienststelle Gewerbe- und Gaststättenrecht im Ordnungsamt. Am Ende der Prüfung kam seine Behörde zu dem Schluss, dass der 23. Juni nicht genehmigt wird. „Für einen positiven Bescheid braucht es immer eine Basisveranstaltung“, betont Treutler. Und am 23. Juni gebe es den ganzen Tag kein EM-Spiel, also auch kein Public Viewing. Erst um 21 Uhr werde angepfiffen. Das sei allerdings zu spät für einen verkaufsoffenen Sonntag, der ausschließlich an fünf Stunden zwischen 11 und 18 Uhr stattfinden dürfe.
Anders sieht das für den 16. Juni aus. „Hier sehen wir die Voraussetzungen für gegeben an“, erklärt Treutler. Deshalb habe man den Termin als Allgemeinverfügung erlassen. Es gebe eine Fan-Zone in der Innenstadt, Public Viewing mit Übertragung einer Partie der Niederländer um 15 Uhr und die Partie Slowenien gegen Dänemark in Stuttgart um 18 Uhr. „Da werden sicherlich sehr viele Menschen den ganzen Tag in der Stadt sein und die Angebote nutzen“, sagt Treutler. Deshalb habe man erlaubt, dass die Händler im Bereich zwischen Wolfram-, Heilbronner, Friedrich-, Theodor-Heuss, Rotebühl-, Paulinen-, Hauptstätter, Konrad-Adenauer, Willy-Brandt, Cannstatter und Wolframstraße sowie am Neckartor ihre Läden von 13 bis 18 Uhr öffnen dürfen.
18 verkaufsoffene Sonntage in den Außenstadtbezirken
Doch die Gewerkschaft Verdi hat da etwas dagegen: „Bei uns ist der Widerspruch gegen die von uns erlassene Allgemeinverfügung eingegangen“, sagt Treutler. Der von Verdi beauftragte Anwalt habe erste Gründe für die Ablehnung des verkaufsoffenen Sonntags am 16. Juni genannt und Akteneinsicht gefordert. „Wir haben schon damit gerechnet“, sagt Hahn. Im Vorfeld der Beantragung habe man mit Verdi-Verantwortlichen zusammengesessen und gehofft, zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. Das sei aber am Ende nicht zustande gekommen. „Wir sind grundsätzlich dagegen, dass Läden sonntags geöffnet werden“, betont Jasmin Ahmed, die stellvertretende Verdi-Geschäftsführerin des Bezirks Stuttgart. Seit einigen Jahren setze man sich regelmäßig mit der Stadt zusammen, um über die beantragten verkaufsoffenen Sonntage zu sprechen. Viele in den Außenstadtbezirken würden im Zuge von traditionellen und gewachsenen Veranstaltungen stattfinden. Da habe man keine Chance, dagegen vorzugehen. 18 Feste samt verkaufsoffenem Sonntag sind für dieses Jahr in den Außenstadtbezirken geplant und genehmigt. Los geht es im April in Bad Cannstatt zu „Musik und Wein“. Die letzten verkaufsoffenen Sonntage sind im November in Sillenbuch und Bad Cannstatt mit den Martinimärkten.
Die katholische Kirche geht nicht gegen den 16. Juni vor
Wie groß die Chancen sind, den verkaufsoffenen Sonntag in der Innenstadt noch zu verhindern, kann Ahmed derzeit nicht sagen: „Aber unser Anwalt prüft die Möglichkeiten.“ Verdi möchte mit diesem Vorgehen die Beschäftigten im Handel schützen. Es gebe viele Alleinerziehende, die nicht wüssten, wie sie ihre Kinder an so einem Tag betreuen können. Zudem fehle ein weiterer Tag Freizeit, der lieber mit der Familie genutzt werden sollte.
Auch die katholische Kirche steht verkaufsoffenen Sonntagen grundsätzlich skeptisch gegenüber. „Wir sehen die Belastungen, die verkaufsoffene Sonntage für die Familien und die Beschäftigten mit sich bringen. Gegen die geplanten und schon lange beantragten, verkaufsoffenen Sonntage im Juni erheben wir dennoch keine Einwände“, sagt Johannes Reich, Leiter der Geschäftsstelle des Katholischen Stadtdekanats Stuttgart. „Mit der Fußball-EM ist ein Anlass gegeben, wie es das Gesetz über die Ladenöffnung vorsieht. Es handelt sich um ein besonderes und einmaliges Ereignis für Stuttgart.“
Ähnlich sieht es die evangelische Kirche: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Aufgrund des internationalen Ranges und der überregionalen Bedeutung des Sportereignisses haben wir ausnahmsweise von unseren Bedenken Abstand genommen. Wir sehen die Situation der Mitarbeitenden, verstehen dies aber als eine besondere Ausnahme“, sagt Dekan Eckart Schultz-Berg.