Fußball-EM in Stuttgart Vom Viertelfinale an wird Geld verdient

Von Simone Bürkle und  

In Stuttgart gibt es zur EM kein offizielles Public Viewing. Die Gastronomie füllt die Lücke. Die Wirte setzen auf eine starke deutsche Elf, ihre Investitionen sind hoch. Wer aber Spiele draußen übertragen will, bekommt Schwierigkeiten.

  Foto: Martin Stollberg
  Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - In zwei Tagen um 18 Uhr fällt der Startschuss zum Auftaktspiel der Fußball-Europameisterschaft im Nationalstadion in Warschau. Stuttgart ist rund 1200 Kilometer entfernt, aber auch hier laufen seit Monaten die Vorbereitungen. Ob Eckkneipe, Restaurant, kleine Bar oder Biergarten – die Wirte rüsten sich für den Ansturm der Fans. Denn, dass der zumindest in der Vorrunde kommt, steht außer Frage. Wo sollten die Fußballfans auch sonst hin?

Wie bei der Weltmeisterschaft 2010 wird es nämlich kein Public Viewing auf dem Schlossplatz geben, das hat die Stadt frühzeitig klargemacht. Auch wenn Deutschland es bis ins Finale schaffen sollte, werde sich daran nichts ändern, das stellt der Geschäftsführer der Veranstaltungsgesellschaft In Stuttgart, Andreas Kroll, gegenüber der StZ klar: „Es gibt keinen Plan B.“ Er ist sich aber sicher, dass die Gastronomen die Lücke wie 2010 gut füllen werden. Für sie sei die EM auch eine Chance, das Sommerloch zu überbrücken und neue Gäste zu gewinnen, sagt Kroll.

Tatsächlich birgt die EM die Chance auf große Gewinne, sie bedeutet aber auch ein nicht erhebliches ­finanzielles Risiko. „Das Halbfinale ist Pflicht“, sagt die Chefin des Biergartens im Schlossgarten, Sonja Merz, erst dann lohne es sich für sie. Allein die Miete für die große ihrer zwei LED-Leinwände koste immerhin 20 000 Euro, hinzu kämen Ausgaben für das Sicherheitspersonal und die Gema-Gebühren. In Sonja Merz’ Biergarten finden in Stuttgart die meisten Fans auf einen Schlag Platz, von den 2500 Sitzplätzen sind 1300 überdacht. Gerade wird das Zelt aufgebaut, es ist noch einmal größer als das von 2010. Merz will auch für schlechtes Wetter gerüstet sein.

Denn falls es drei Wochen lang regnet, gucken einige Wirte in die Röhre. Auch Vittorio Bellusci, einer der drei Geschäftsführer des Italieners La Piazza an der Charlottenstraße, hofft auf Sonnenschein und deutsche Tore – das Abschneiden der italienischen Mannschaft ist hingegen sekundär. Er lässt draußen eine Großbildleinwand aufbauen und bietet Sitzplätze für rund 500 Leute. „Es rentiert sich nur, wenn Deutschland weit kommt und wenn schönes Wetter ist“, sagt Bellusci, der sich für den Service Unterstützung vom Besen in Fellbach holt. Bei der WM 2010 sei der Ansturm so groß gewesen, dass es Engpässe gegeben habe. Diesmal baut man bei La Piazza vor – und hofft, dass die junge deutsche Mannschaft hält, was sie verspricht.

Fans auf der Theodor-Heuss-Straße

„Die EM ist extrem wichtig für uns“, sagt auch Lutz Metzger von der Szenebar Suite 212, seit Monaten ist er mit den Vorbereitungen beschäftigt. Bis zu 1000 Fans erwartet er in seiner „Nordkurve“ an der Theodor-Heuss-Straße. Fünf Leinwände wird er aufstellen, zwei davon drinnen in der Suite. Ein Drittel der Tribüne draußen lässt Metzger reservieren, gekoppelt an einen Mindestumsatz und an die Auflage, eine Dreiviertelstunde vor dem Spiel da zu sein. Der Gastronom ist sich sicher, dass die Stuttgarter bereits im EM-Fieber sind: Vor fünf Wochen hätten die Leute schon bei ihm angerufen, um zu reservieren. „Das ist früher als sonst“, berichtet Metzger. Fast alle Plätze seien inzwischen weg.Auch in der Suite 212 wird darauf gehofft, dass Deutschland möglichst ins Halbfinale kommt. „Ein Ausscheiden in der Vorrunde wäre ein wirtschaftlicher Misserfolg“, sagt der Szenegastronom. Er stockt sein Personal für die drei Wochen auf, auch die ­Getränkeausgabe hat er auf Hartplastik­becher umstellen lassen, um gerüstet zu sein, falls die Stadt ein Glasflaschenverbot für die Theodor-Heuss-Straße erlässt.

Tatsächlich kündigt der Leiter der Gaststättenbehörde, Martin Treutler, an, dass entlang der üblichen Autokorso-Route für das Eröffnungsspiel am Freitag und das Deutschlandspiel am Samstag ein Glas­flaschenverbot gilt, um der Verletzungsgefahr vorzubeugen. „Es geht dabei um die Sicherheit“, sagt Treutler.

Trotzdem werde seine Behörde während der EM die Kontrollen nicht verschärfen. Dabei befinde man sich während dieser Zeit „in einem Spagat“ – nicht nur bei der Flaschenproblematik. Eigentlich gilt ein Beschallungsverbot für die Außenbewirtschaftung. Das wird jedoch quasi kollektiv ignoriert. Von sich aus werde die Stadt hier nicht aktiv, so Treutler. Gebe es aber Beschwerden von Anwohnern, so werde man einschreiten, erklärt der Behördenchef die Vorgehensweise. Er appelliert vor allem an die Wirte in Wohngebieten, ihrer Eigenverantwortung gerecht zu werden.

Das Nachsehen hat die evangelische Gemeinde in Sillenbuch, die ihr Public Viewing verlegen muss. Dabei wollte Markus Pflugfelder vom Kirchengemeinderat alles richtig machen. Wie bei den großen Fußballturnieren in den vergangenen Jahren wollte er wieder eine Leinwand im Garten des Äckerwaldzentrums aufstellen und beantragte dies beim Ordnungsamt. „Ich habe keine Genehmigung für das Public Viewing bekommen“, sagt Pflugfelder. Der Grund dafür ist eine Entscheidung der Bundesregierung, die so gravierende Auswirkungen hat, dass sie bis in die Stuttgarter Kirchengemeinden hineinreicht. Im Gegensatz zu den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie der EM 2008 hat die Bundesregierung zur EM in diesem Jahr keine Ausnahmeregelung für den Lärmschutz erlassen.

Von 22 Uhr an muss leise gefeiert werden

Die machte es bisher möglich, dass Fußballfans auch spätabends im Freien laut jubeln und feiern durften. Nicht so dieses Mal. „Die Landesregierungen haben keinen Bedarf angemeldet, also hat die Bundesregierung keine entsprechende Regelung beschlossen“, sagt eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums.Für das städtische Ordnungsamt bedeutet das, „dass wir die übliche Freizeitlärmrichtlinie anwenden müssen“, sagt Regina Berndt, die bei der Behörde für Großveranstaltungen zuständig ist. Diese Richtlinie sieht in den Nachtstunden von 22 Uhr an rigorose Einschränkungen für Feierlichkeiten vor. In Wohngebieten gilt eine Obergrenze von 40 Dezibel. „Das entspricht etwa der Lautstärke eines Gesprächs zwischen Erwachsenen“, erklärt Berndt. Weil in Pflugfelders Fall das Public Viewing mitten im Wohngebiet stattfinden würde, wären diese Werte schnell überschritten. Deshalb hat das Ordnungsamt die Genehmigung verweigert – wenn auch mit Bedauern, wie Berndt versichert: „Wir sind ja auch daran interessiert, dass Stuttgart sich als lebendige Stadt präsentiert.“

Wer trotzdem ein Public Viewing veranstalten wolle, müsse streng genommen sogar eine sogenannte Immissionsprognose von einem Fachingenieurbüro erstellen lassen, sagt Berndt. Das kommt für Markus Pflugfelder nicht infrage. Der Sillenbucher ist enttäuscht: „Wir wollten etwas abseits vom Kommerz anbieten und uns als Kirche der Gesellschaft öffnen. Und dann bekommen wir solche Steine in den Weg gelegt.“ In der Konsequenz bleibt ihm nur eines: sein Public Viewing wird im Saal des Gemeindezentrums stattfinden.