Fußball-EM und Jazz Open in Stuttgart Streit um Schlossplatz geht weiter: Stadt lehnt Kompromiss ab

Bis zu 50 000 Menschen kamen bei der WM 2006 auf den Schlossplatz zum Public Viewing. Foto: imago/Sportfoto Rudel/imago sportfotodienst

Fünf Spiele der Fußball-EM finden 2024 auch in Stuttgart statt. Das ist Fakt. Beim Streit um die Nutzung des Schlossplatzes – Fanfest oder Jazz Open – hat das Land einen Kompromiss vorgeschlagen. Die Stadt lehnt diesen aber ab. Und nun?

Für ihn ist die Sache klar. Armin Dellnitz ist als Chef von Stuttgarter Marketing dafür verantwortlich, die Stadt so zu vermarkten, dass möglichst viele Menschen hierher kommen und Geld ausgeben. Ein Fanfest auf dem Schlossplatz während der Fußball-EM, bei dem man auf halb fertige Tribünen und eine Bühne im Bau schaut, ist für ihn „undenkbar“. Es ist dennoch kein unrealistisches Szenario.

 

Die Bilder der WM 2006 haben im Ausland für positive Resonanz gesorgt

Noch immer ist unklar, ob der Schlossplatz während der Europameisterschaft im nächsten Jahr in Gänze für ein Fanfest zur Verfügung steht, oder der Ehrenhof bereits für den Aufbau der Jazz Open genutzt wird. Die Konzerte sollen am 16. Juli beginnen, der Aufbau müsste zehn Tage vorher starten. Dellnitz hat dazu eine klare Meinung: „Um die Wirkung zu erzielen, die wir wollen und brauchen, brauchen wir den gesamten Schlossplatz samt Ehrenhof.“ Wann immer er im Ausland sei und für Stuttgart werbe, zeige er die Bilder von der Fußball-WM 2006, von den Festen auf dem Schlossplatz. Und sei erstaunt, auf wie viel positive Resonanz er stoße. „Man kann schon sagen, dass sich diese Bilder von Stuttgart weltweit verbreitet und das Image der Stadt geprägt haben.“ Es gehe bei der EM ja nicht nur darum, einige Fußballspiele zu veranstalten, sondern die Stadt auf bestmögliche Weise zu präsentieren.

Der Cannstatter Wasen kann nicht genutzt werden

Das Konzept für das Fanfest soll die Stadt 38,4 Millionen Euro kosten und wurde vom Gemeinderat abgesegnet und gelobt. Es sieht vor, dass sich das Fanfest bis zum Ende der EM am 14. Juli durch die Innenstadt zieht, örtliche Vereine, Veranstalter und Künstler einbezogen sind. In Stuttgart sind fünf Partien. Am Sonntag, 16. Juni, ist ein Gruppenspiel, am Mittwoch, 19. Juni, spielt ganz sicher Deutschland sein Gruppenspiel in der Mercedes-Benz-Arena, am Sonntag, 23. Juni, und am Mittwoch, 26. Juni, sind Gruppenspiele, am Freitag, 5. Juli, ist ein Viertelfinale in Stuttgart. Deshalb wird der Cannstatter Wasen benötigt, als Parkplatz und für die Logistik.

Dorthin ist also kein Ausweichen möglich. Nun gehört aber der Schlossplatz dem Land und wird vom Finanzministerium verwaltet. Dort möchte man gerne beide Veranstaltungen ermöglichen und hat deshalb einen Kompromiss vorgeschlagen. Der sieht vor, dass Bühne und Tribüne für die Jazz Open früher errichtet und bereits fürs Fanfest genutzt werden. Man würde also den Platz in zwei Bereiche teilen, Leinwände kämen vors Schloss und an die Rückseite der Tribüne.

Die Stadt lässt dazu verlauten, dass dieser „bereits bekannte Vorschlag“ nicht praktikabel sei. Oberbürgermeister Frank Nopper sagt: „Jetzt muss definitiv ein Gespräch mit allen Beteiligten stattfinden – einschließlich OB, Finanzminister, Veranstalter der Jazz Open und städtischer Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart. Wenn keine Einigung herbeigeführt werden sollte und wenn das Finanzministerium tatsächlich mit den Jazz Open schon eine Nutzungsvereinbarung für den Schlossplatz unterzeichnet haben sollte, die einen Aufbau ab der zweiten Juli-Woche vorsieht, dann dürfte das Public Viewing in Stuttgart mit dem Viertelfinale der Europameisterschaft enden. Das wäre ein Trauerspiel.“

Wohin mit 20 000 Fans, die keinen Einlass bekommen?

Die Stadt erwartet auf dem Schlossplatz bis zu 40 000 Menschen. Die Hälfte der Gäste wird wohl aus dem Ausland kommen. „Man kann den Platz für diese Menschen nicht einfach nach Belieben reduzieren, es sei denn, man weiß, wohin man die 20 000 Fans schickt, die dann keinen Einlass auf dem Schlossplatz fänden. Dies ist auch eine sicherheitsrelevante Frage“, sagt der zuständige Bürgermeister für Wirtschaft, Finanzen und Beteiligungen, Thomas Fuhrmann.

Das Fassungsvermögen des Schlossplatzes kam 2006 teilweise an seine Grenzen

Über exakt diese sicherheitsrelevante Frage wurde erst vor wenigen Tagen geredet – unter anderem mit Vertretern von Polizei, Feuerwehr und DRK. Dabei stellte die in.Stuttgart das Konzept vor, das sie umsetzen möchte. In dem Papier, das unserer Zeitung vorliegt, heißt es, dass wie bei der WM 2006 alle Spiele gezeigt und an spielfreien Tagen die Gäste mit einem„bunten Rahmenprogramm“ unterhalten werden sollen. „Ebenso war der Schlossplatz damals eingezäunt und es fanden Zugangskontrollen statt. Die Anordnung der Infrastruktur mit Bühne, Gastronomieständen, LED-Wänden etc. war der aktuellen Planung ähnlich beziehungsweise nahezu gleich“, heißt es in dem Papier.

Das Interesse am Fanfest sei 2006 bei einigen Spielen so groß gewesen, dass der Schlossplatz nahezu überrannt worden sei. Das Fassungsvermögen der abgesperrten Fläche sei bei diesen Spielen eine halbe Stunde vor Anpfiff erreicht gewesen. „Dies war mit enormem Druck auf Zugangsschleusen und Ordnungsdienst verbunden. Die Situation konnte jeweils nur mit der Unterstützung durch die Polizei entschärft beziehungsweise bereinigt werden.“ Einige Fans hätten sich daraufhin durch das Abreißen von Bannern einen Blick auf die LED-Wände verschaffen wollen oder hätten sich einen erhöhten Platz in der Umgebung gesucht.

Die Kapazität soll von 50 000 auf 30 000 Menschen reduziert werden

Bei der WM 2006 verfolgten bis zu 50 000 Menschen die Spiele beim Public Viewing auf dem Schlossplatz. „2024 wollen wir die Kapazität auf 30 000 Personen festlegen“, heißt es im Konzept. Digital gezählt werden sollen die Gäste an den „jetzt geplanten vier Zugängen zum Stuttgarter Schlossplatz für das Public Viewing“: Planie Zufahrt / Ehrenhof; Königstraße / Planie; König- / Bolzstraße; Bolz- / Staufenbergstraße.

Von außen soll der Blick auf die Leinwände fast unmöglich sein

Damit die Attraktivität des Public Viewing außerhalb der dafür vorgesehenen Fläche stark leidet, soll die Sicht der Zaungäste auf die LED-Wände „massiv gestört“ werden. Dazu sollen an den beiden Zugängen von der Königsstraße bebannerte Traversen oder Gerüste stehen. Und: „Auf Höhe des Musikpavillons beziehungsweise jeweils rechts und links davon, soll eine Sitzplatztribüne gebaut werden. Dadurch würde man von der Freitreppe des Königsbaues nicht mehr auf die LED-Wände sehen können.“ Die Rede ist von 20 Meter hohen Tribünen, auf denen insgesamt 2000 Leute Platz finden sollen. „Acht Wochen lang hätten wir einen eingehausten Käfig mitten in der Stadt. Das Stuttgarter Kolosseum. Ein Albtraum“, ärgert sich einer, der die Planung kennt, namentlich aber nicht genannt werden möchte.

Auch für die Einzelhändler rund um den Schlossplatz hört sich das nicht nach einer Lösung an, die Begeisterung hervorruft. Citymanager Sven Hahn könnte verstehen, wenn 20 Meter hohe Tribünen an dieser Stelle für Unmut sorgen würden. „Wir waren bislang aber immer in sehr guten Gesprächen mit in.Stuttgart. Wir finden am Ende sicher eine Lösung.“

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