Der Jubel nach dem Treffer zum Durchmarsch: Helmut Rottler (Bildmitte) hat für die SpVgg Aidlingen zu Beginn der Schlussphase das 2:0 gegen die SpVgg Feuerbach erzielt und damit die zweite Meisterschaft in Folge eingetütet. Foto: Archiv
20 Vereine sind in 60 Jahren Fußballbezirk Böblingen/Calw zweimal nacheinander auf- oder abgestiegen. Ein Novum schaffte nun der FC Gärtringen mit dem dritten Abstieg in Folge.
Jürgen Renner
23.05.2025 - 16:58 Uhr
Der FC Gärtringen ist zum dritten Mal in Folge abgestiegen und jagt 25/26 in den Niederungen der Fußball-Kreisliga B dem runden Leder hinterher. Vor ihm schafften 19 Vereine einen Durchmarsch, der immerhin zwei Klassen nach oben oder unten.
SpVgg Aidlingen (1972 bis 1974)
Das junge Team um Spielertrainer Helmut Rottler wurde 72/73 Meister der A-Klasse. „Wir hatten einen starken Jahrgang 1952 und sind mit jedem Jahr besser geworden“, erinnert sich Ex-Spieler Manfred Vetter an eine Ungeschlagenserie von elf Spielen.
Eine Liga höher lieferten sich die Vogelherdle-Kicker in der 2. Amateurliga einen Dreikampf mit dem VfL Sindelfingen und dem FV Zuffenhausen. Mit fünf Siegen zum Auftakt waren die Gelb-Schwarzen in die Saison gestartet, danach fanden sie sich nach drei Niederlagen am Stück auf dem Boden der Tatsachen wieder. „Helmut konnte uns gut einschätzen. Deswegen war klar, dass wir nicht nur um den Klassenerhalt spielen würden“, so Vetter. Als es bis Mitte November wieder drei Niederlagen gab, dachte niemand an den Durchmarsch. Kurios: Die Aidlinger verloren je zweimal gegen das Schlusslicht und den Vorletzten.
„Wir haben jeden Donnerstag nach der Spielerversammlung die Tabelle studiert“, hatten Vetter und Co. Blut geleckt, als auch die Konkurrenz im April 1974 patzte. Am drittletzten Spieltag trennte sich die SpVgg von den Amateuren der Stuttgarter Kickers vor 2500 Zuschauern auf dem gefürchteten heimischen Hartplatz („niemand hat darauf gerne gespielt“) 1:1, gewann danach 4:2 in Winnenden und machte „in unseren gelben Kartoffelkäfer-Trikots“ mit einem 2:0 gegen die SportVg Feuerbach ihr Meisterstück mit einem Punkt Vorsprung vor den Sindelfingern und dreien vor den Zuffenhausern. „Mein Vater hat von dem entscheidenden Spiel einen Film gedreht“, erinnert sich Vetter nicht nur daran, sondern auch an den anschließenden Platzsturm.
Da ist das Ding: Wimpelübergabe an Aidlingens Kapitän Dieter Lange Foto: Archiv
Nach einem Jahr 1. Amateurliga ging es schnurstracks wieder nach unten. „Wir haben am oberen Limit gespielt und waren in der damals dritthöchsten Klasse überfordert“, gibt Manfred Vetter freimütig zu.
VfL Sindelfingen (1980 bis 1982)
80/81 gelang dem Team die Rückkehr in die Landesliga. Spielertrainer war seit 1979 der im Kreis bestens bekannte Bernd Hoffmann, der zuvor bei den Stuttgarter Kickers in der 2. Bundesliga gespielt hatte. Der heute 78-Jährige entschied sich damals, an der Sporthochschule Köln den Fußballlehrer zu machen, um Profiteams trainieren zu können. Dann aber kam der Anruf von VfL-Abteilungsleiter Rainer Hörmann. „Er wollte so schnell wie möglich rauf. Für einen Einstieg in Sindelfingen habe ich zur Bedingung gemacht, dass mir der Verein bei der Suche nach einer Arbeitsstelle behilflich ist“, erzählt Hoffmann, der später einen Job beim Daimler in der Personalabteilung erhielt.
Nach dem Bezirksliga-Titel 1981 war der Plan in der Landesliga eigentlich der Klassenerhalt. Doch es lief wie geschmiert. „Als wir vorne mitspielten, habe ich gesagt: ,Wenn wir im Dezember immer noch an der Spitze stehen, können wir uns höhere Ziele setzen’“, so Hoffmann. Seine Truppe lieferte sich mit der SpVgg Aidlingen am Saisonende einen packenden Zweikampf. In den letzten beiden Spielen holte sie durch ein 9:3 bei der TSG Tübingen und ein 7:0 gegen den SV Nehren zwei Punkte und zwölf Tore auf. „Die Aidlinger waren danach stocksauer auf uns. Aber wir hatten einen Lauf.“ Der VfL war wieder eine Hausnummer und hatte nach der Verjüngungskur eine richtig starke Mannschaft. „Gerd Knoblauch war ein Riesentorwart“, zählt Hoffmann mit Klaus Rex, Thomas Carle und Klaus Widmann noch ein paar weitere Leute auf.
In der Verbandsliga angekommen, ging es nun tatsächlich um den Klassenerhalt, Sindelfingen stieg unglücklich als Fünftletzter mit einem fast ausgeglichenen Punkteverhältnis (35:37) ab. „Es ging da nicht mit rechten Dingen zu, die Konkurrenten haben Punkte gegen Gegner geholt, mit denen wir nicht gerechnet haben“, glaubt Hoffmann, der seine Elf 84/85 erneut zum Landesliga-Titel führte, ehe ihm das nach seinem Abgang auch beim VfL Nagold gelang.
VfL Herrenberg (1986 bis 1988)
Jochen Novodomsky (später Profi bei den Stuttgarter Kickers), Achim Leber, Markus Rühle, Gerd Kohler, Harald Kegreiß, Dirk Graf – um nur ein paar Namen zu nennen. Die Grün-Weißen schossen in der Bezirksliga-Saison 86/87 unter Spielertrainer Robert Piller alles in Grund und Boden. Nur ein Minuspunkt (1:1 gegen den TSV Ehningen) stand am Ende auf dem Konto, auch das Double mit dem Pokalsieg gelang. Auch eine Liga höher war der VfL obenauf, letztlich gelang mit 101 erzielten Treffern der Verbandsliga-Aufstieg.
Nach dem Aufstieg in die Landesliga gleich noch eins weiter rauf in die Verbandsliga: Der VfL Herrenberg feiert den Titel 1988. Foto: Archiv Déjà-Vu: Dirk Graf bekommt einen Wimpel – wie auch schon in der Saison davor Foto: Archiv
„Das war eine tolle Zeit, auch zwischenmenschlich hat es funktioniert“, sagt der 1981 von Freiburg nach Herrenberg umgezogene Graf. „Piller war der Mentor. Er ist vorausgegangen und hat alle mitgezogen. Es war der richtige Weg, auf die Jugend zu bauen und ihr eine Chance zu geben. Piller hat dies erkannt, und der Erfolg gab ihm Recht“, sagt der heutige Abteilungsleiter des SV Oberjesingen. „Eine unglaubliche Phase, die mich auch persönlich geprägt hat. Es waren ebenso die Momente nach den Spielen“, denkt er an so manch feuchtfröhliche Auswärtsfahrt mit dem Bus zurück. „Mit Robert Piller bin ich noch immer freundschaftlich verbunden, wir telefonieren regelmäßig“, betont Graf.
TV Altdorf (2004 bis 2006)
Unter Trainer Dietmar Brösamle setzte der TVA zum Höhenflug von der Kreisliga B in die Bezirksliga an. „Im dritten Jahr unter meiner Ägide waren wir eine richtig gute Mannschaft. Wir hatten einen breiten Kader und konnten dadurch auch ein, zwei Ausfälle kompensieren“, nickt der damalige Coach. Bernd Hauer und Joachim Dawidowski hatten das Team verstärkt, innerhalb der Truppe habe es gestimmt. „Das waren alles gute Typen, die zueinander gepasst haben.“ Jürgen Lohner ging als Kapitän voran, unvergessen sind die Gesangsabende nach dem Training mit Manfred Sontowski und dessen Ziehharmonika. „Wir hatten damals auch einen guten Vereinsheimwirt“, sagt Brösamle.
In der Kreisliga A konnte er auf die Dienste von Michael Lohner (TSV Hildrizhausen) und Matthias Kuhn (TSV Schönaich) bauen. „Wenn man einen hat, der Tore macht, ist das schon die halbe Miete. Aber Kuhn war auch ein mannschaftsdienlicher Spieler. Wir waren im Flow“, nennt Brösamle zwei Gründe für den Erfolg. Der 5:0-Auswärtssieg beim Dritten TV Gültstein sei ein Meilenstein gewesen. Beim Hinspiel habe das Altdorfer Flutlicht nicht getan, weswegen das Duell verschoben wurde. „Uns wurde damals Manipulation vorgeworfen“, schüttelt Brösamle den Kopf.
In der Bezirksliga hielt sich der TVA acht Jahre lang und spielte 08/09 sogar die Relegation zur Landesliga. Inzwischen kickt er wieder in der Kreisliga B, dürfte aber den Aufstieg schaffen – „unter Trainer Marcus Binder, einem Ziehsohn von mir“, betont Brösamle.
TSV Hildrizhausen (2013 bis 2017)
Fast hätte der TSV Hildrizhausen das gleiche Kunststück wie der FC Gärtringen geschafft. 2013/14 noch Landesligist, ging es mit dem ehemaligen Kickers-Profi Jochen Novodomsky und Dirk Graf als Abteilungsleiter im Eilzugtempo direkt in die Kreisliga A. Dort hielten sich die Hausemer 15/16 nur mit Ach und Krach, ehe 16/17 der freie Fall in die Kreisliga B durch ein 1:3 nach Verlängerung in der Relegation gegen den TSV Öschelbronn weiterging.
„Wir hatten keine Jugend mehr“, nennt der TSV-Ehrenvorsitzende Helmut Hörmann den Grund für die Abwärtsspirale. Ein weiterer sei die Fluktuation nach dem ersten Abstieg gewesen. „Als wir 92/93 aus der Bezirksliga runter sind, haben die Spieler Charakter gezeigt und sind geblieben. In der Saison darauf sind wir gleich wieder rauf“, schildert Hörmann.
Beim freien Fall vor rund zehn Jahren trug mit Marc Schrade ein einziger echter Hildrizhauser das TSV-Trikot, inzwischen sieht es wieder besser aus. Deshalb ist der Mitte Juni 85 Jahre alt werdende Hörmann guter Dinge, dass er noch einen Aufstieg seines TSV miterlebt. „Das ist eine gute Truppe, und die Einstellung stimmt“, ist er weiterhin treuer Zuschauer.
Fortuna Böblingen (2013 bis 2015)
Gökhan Akyüz ballerte die Fortunen mit seinen 42 Treffern 13/14 erst zur Kreisliga-B-Meisterschaft und legt ein Jahr später 53 Buden in der Kreisliga A nach. „Es waren mehr Tore, die Schützen wurden aber damals nicht immer richtig und vollständig gemeldet“, sagt der aktuelle Stürmer des TSV Ehningen, der damals von der Verbandsliga in die Niederungen gewechselt war. „Ich habe geschichtet und bin Vater geworden“, begründet der heute 38-Jährige. „Ich habe bei Fortuna mit vielen Freunden aus meiner Zeit bei der SV Böblingen zusammengespielt“, nennt er da beispielsweise Patrick Bäuerlein. Adamo Zizzo zog im Hintergrund die Fäden.
Goalgetter Gökhan Akyüz schoss in der Kreisliga B und A alles kurz und klein. Foto: Archiv
Mit 131 erzielten Kisten ging es in die Kreisliga A, wo 109 nachgelegt wurden. „Es war lange Zeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem SV Nufringen. Aber nach dem 5:1-Heimsieg gegen diesen haben alle gesagt, dass wir den Durchmarsch schaffen.“ Die Meisterschaft mit 14 Punkten Vorsprung stand bereits frühzeitig fest, vor dem letzten Saisonspiel wurde kräftig gefeiert. „Wir sind danach direkt zu Absteiger SV Magstadt gefahren und haben 10:3 gewonnen, obwohl manche kaum laufen konnten.“ Akyüz selbst scheinbar schon, denn er netzte sechsmal ein. Der Goalgetter blieb schließlich bis 2018 .
TSV Öschelbronn: Zwischen 1966 und 1968 schaffte der Gäufeldener Ortsverein den Durchmarsch von der B-Klasse, Staffel I, mit vielen Schwarzwaldvereinen bis in die 2. Amateurliga. 40 Jahre später das Gegenteil: Zwischen 2006 und 2008 wurde der TSV sowohl in der Bezirks- als auch in der Kreisliga A als zu leicht befunden und fand sich schon bald in der Sicherheitsliga wieder.
TSV Döffingen: Der TSV Döffingen stieg 1971 aus der A- in die B-Klasse ab, ein Jahr später ging es noch eine weitere Etage tiefer in die C-Klasse. Gleiches widerfuhr dem Verein als TSV Grafenau zwischen 2010 und 2012. Nach dem Bezirksliga-Abstieg gab es einen Freifahrtschein direkt in die Kreisliga B durch eine 1:2-Niederlage im Relegationsspiel gegen den SV Magstadt.
TV Altdorf: Der TVA verkraftete den Bezirksliga-Abstieg 83/84 nicht und bekam auch 84/85 kaum ein Bein auf den Boden. Gleiches passierte zwischen 2013 und 2015, als der TVA von der Bezirksliga in die Kreisliga B durchgereicht wurde .
SV Nufringen: Bis 1991 ist die Fußballwelt im Gäu noch in Ordnung. Nach dem Bezirksliga-Abstieg 1992 geht der Negativlauf in der Kreisliga A weiter, weswegen 1993 der Abstieg in die unterste Klasse anstand.
SV Deckenpfronn: Von 1992 und 1994 schwamm der SVD auf der Erfolgswelle und sagte sowohl der Kreisliga A als auch der Bezirksliga nach nur einem Jahr servus, fiel aber nach vielen Jahren Landesliga dorthin zurück. Als 07/08 der nächste Landesliga-Abstieg nicht verhindert werden konnte, fand Deckenpfronn in der Bezirksliga nicht in die Spur und löste 08/09 unfreiwillig das Ticket für die Kreisliga A.
VfL Herrenberg: Nach dem Abstieg aus der Verbandsliga 94/95 fiel das Team auseinander. Eine Verlegenheitself war in der Landesliga 95/96 nur Kanonenfutter. Mit nur drei Punkten, 161 Gegentoren und ohne Sieg stieg die Truppe, in der 46 (!) verschiedene Spieler eingesetzt worden waren, in die Bezirksliga ab.
Türk SV Herrenberg: Zwischen 2000 und 2002 nahm der Klub richtig Fahrt auf. Nach der Kreisliga-B-Meisterschaft wurde die Kreisliga A nur als Durchgangsstation betrachtet
VfL Sindelfingen II: Die Reserve kickte tatsächlich mal in der Bezirksliga. Als aber 04/05 der Abstieg anstand, mühte sie sich auch in der Kreisliga A vergebens – Abstieg nach dem 2:4 nach Verlängerung gegen den SV Oberjesingen in der Relegation.
SV Bondorf: 2017 gab es noch Bezirksliga-Fußball in Bondorf zu bestaunen, 2019 war die Herrlichkeit vorbei und die Realität heißt seitdem Kreisliga B.