Geisterspiele in der Corona-Krise Die unliebsamen Nebengeräusche in leeren Stadien

Von  

Die Corona-Zwangspause ist vorbei, in der Bundesliga rollt wieder der Ball. Bei den Geisterspielen in den gespenstisch leeren Stadien ist allerdings mehr zu hören, als den Fußballern lieb ist. Eine Glosse.

Ein im Hinspiel gegen Holstein Kiel  eingefangener O-Ton bescherte  Holger Badstuber eine Geldstrafe. (Archivbild) Foto: Baumann
Ein im Hinspiel gegen Holstein Kiel eingefangener O-Ton bescherte Holger Badstuber eine Geldstrafe. (Archivbild) Foto: Baumann

Stuttgart - Es war einmal der Fußball. 22 Männer jagten sorglos einem Ball hinterher, fluchten auf dem Platz so unverblümt über den Schiedsrichter wie die vielen Tausend Fans auf den Stadiontribünen und beleidigten hie und da mal im Getöse auch den Gegenspieler so kraftvoll, wie man das sonst nur von Bierkutschern und Kesselflickern kannte. Dann kam Corona.

Weil die Spiele zu Geisterspielen wurden, muss jeder Fußballer plötzlich aufpassen, was er zu den blinden Bratwürsten um ihn herum sagt. Denn überall lauert ja ein TV-Außenmikrofon, das in den gespenstisch leeren Stadien fast alles einfängt, was gesprochen wird – der Schleier des Zuschauerlärms ist gefallen, die Abhörsicherheit dahin.

Für Luis Enrique, den spanischen Nationaltrainer, ist das nicht mehr das Spiel, das er kannte und so innig liebte. „Das ist trauriger als mit deiner eigenen Schwester zu tanzen“, sagte der 50-Jährige dem spanischen Sender „Colgados del Aro“: „Ich habe deutschen Fußball gesehen, und es ist bedauerlich. Wir hören die Beleidigungen, wir verlieren in wichtigen Momenten die Intimität.“

Wohin mit den Mikrofonen?

Holger Badstuber kann ein Lied davon singen. Der 31-jährige Ex-Nationalspieler vom VfB Stuttgart, das muss man dazu wissen, beschwerte sich im Oktober im Hinspiel gegen den nächsten Gegner Holstein Kiel nach einem Platzverweis beim Schiedsrichter ziemlich plump über dessen sture Regeltreue: „Ihr seid richtige Muschis geworden, Muschis.“ Dieser O-Ton wurde – damals noch eher zufällig – eingefangen, eine Geldstrafe von 8000 Euro und ein Spiel Sperre brachte ihm das ein.

Badstuber entschuldigte sich, aber befand auch: „Ich möchte auf dem Platz meine Emotionen ausleben können. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, die Mikrofone etwas weiter hinten aufzustellen.“ Und: „Ich möchte nicht immer auf dem Platz daran denken müssen, dass jedes Wort von mir aufgenommen und bewertet wird.“ Dieser Geisterfußball ist ganz sicher auch nicht sein Fußball. Doch Alternativen gibt es für die wortgewandten Helden in kurzen Hosen ja kaum – die Jobs als Bierkutscher und Kesselflicker sind rar gesät.