Fußball im Zweiten Weltkrieg Wie Fritz Walter der Front entging – und später Weltmeister wurde

Die Nationalelf (Klingler links, Walter 4. von links) zeigt vor dem „Länderkampf“ gegen die Schweiz am 18. Oktober 1942 den Hitlergruß. Foto: Sammlung Harald Klingler

Der spätere Weltmeister Fritz Walter entgeht der Front, August Klingler hat nicht so viel Glück – auch wenn Nationaltrainer Sepp Herberger alles versucht, den Stürmer aus Karlsruhe davor zu bewahren.

Kaiserslautern/Karlsruhe - Fritz Walter, Kaiserslautern? Den kennt fast jeder. Kapitän der Weltmeister-Elf von 1954, Fußball-Legende und Symbolfigur für das „Wir sind wieder wer“-Gefühl nach dem Zweiten Weltkrieg, DFB-Ehrenspielführer und fleißiges, heimattreues Vorbild für die Wirtschaftswunder-Republik. Und August Klingler, Karlsruhe-Daxlanden? Der ist heute fast völlig unbekannt. Dabei war der schussgewaltige Stürmer mindestens genauso talentiert wie sein Nationalteam-Kollege und Freund Fritz.

 

Es ist der 15. Juli 1939, die zwei gelernten Bankkaufmänner laufen Seite an Seite in einem inoffiziellen Testspiel der deutschen Nationalelf auf. Reichstrainer Sepp Herberger testet die zwei Jungtalente gegen eine Bayern-Auswahl. Das Spiel ist der Höhepunkt des „Bayerischen Fests der Leibesübungen“ im Schweinfurter Willy-Sachs-Stadion. Es ist eine riesige Propaganda-Veranstaltung für die Nazipartei NSDAP. Alle wichtigen Parteigenossen aus der Region sind vor Ort.

Klingler spielt die gegnerischen Verteidiger schwindlig

Die Reichself siegt mit 6:5. Auffälligster Mann auf dem Feld: August Klingler. Der 21-Jährige spielt seinen direkten Gegenspieler, den erfahrenen Nationalverteidiger Andreas Kupfer, schwindlig und schießt drei Tore. Der 19-jährige Fritz Walter fällt dagegen kaum auf und erzielt nur einen Treffer. Am Tag nach dem Spiel wird Klingler in der Presse euphorisch gefeiert. „Bester Mann war der Karlsruher Klingler“, schreibt der „Kicker“. „Er scheut keine Arbeit, er holt sich die Bälle bei der eigenen Verteidigung, öffnet mit weiten Vorlagen das Spiel, reißt seine Kameraden mit vor, dribbelt elegant und geschickt, schießt schnell und scharf, erwischt alle Kopfbälle.“

Eines seiner Tore bezeichnet das Magazin gar als „Meisterstückchen“: Klingler hatte den Ball über den Torhüter hinweg gefühlvoll ins Netz gelupft. „Man war so konsterniert, dass so etwas überhaupt möglich ist“, schwärmt der „Kicker“, „dass die Zuschauer das Klatschen darob vergaßen. Diese Leistung war zu gekonnt und zu schön.“

Fritz Walter bekommt einen Rüffel

Für Fritz Walter hat der Berichterstatter dagegen nur einen mitleidigen Rüffel aus der Schublade „brotlose Kunst“ übrig: „Walter ist ein großer Ballkünstler, er muss aber Obacht geben, daß er nicht zu verspielt wird.“ Dennoch wird Fritz Walter Jahre später eine unsterbliche Legende – und August Klingler gerät in Vergessenheit. Warum?

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Dass sich die Lebensläufe dieser zwei Freunde aus dem Südwesten Deutschlands so extrem auseinanderentwickeln, hat mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte zu tun – und mit der schrecklichsten Phase des deutschen Fußballs. Zwischen 1939 und 1945 kämpfen die Fußballer nicht nur um Punkte, sondern auch um ihr Leben. Viele pendeln zwischen Schlachtfeld und Sportplatz, zwischen Luftschutzbunker und Umkleideraum, zwischen Leben und Tod. Walter und Klingler gehören jener Generation an, die von Nationalsozialismus und Krieg um die besten Jahre ihres Lebens gebracht wird. 40 Nationalspieler sterben in diesem Krieg.

Sepp Herberger und die Operation Soldatenklau

Wie viele von ihnen hätten das Zeug zum Weltmeister 1954 gehabt? Man weiß es nicht, von manchen werden nicht einmal die sterblichen Überreste gefunden. Zwar versucht der damalige Reichstrainer Sepp Herberger mit allen Mitteln, seine Akteure vor dem Marsch an die Front zu bewahren. Als gewiefter Netzwerker startet er eine abenteuerliche „Operation Soldatenklau“, mit der er seine besten Männer über den Krieg retten will. Herberger, der Trainer und Schutzengel. Er manipuliert und lügt, dass sich die Balken biegen. Mit Erfolg: Viele Spieler überleben den Krieg und können neun Jahre nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes mit ihm an der Seitenlinie den Weltmeister-Titel feiern. Das Wunder von Bern 1954.

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Aber bei August Klingler scheitert die Operation Soldatenklau. Herberger hat zwar schon eingefädelt, dass Klingler zur Luftwaffen-Mannschaft „Rote Jäger“ versetzt wird, bei der der fußballfanatische Major Hermann Graf gute Spieler aus dem gesamten Reich um sich sammelt und von der Front fernhält. Fritz Walter ist schon länger für die „Roten Jäger“ aktiv. Mit ihnen tingelt er durchs Reich, um die Menschen für 90 Minuten auf andere Gedanken zu bringen. Spielfeld statt Schlachtfeld.

Herbergers „Wanderzirkus“ ist den Nazis ein Dorn im Auge

Klingler hat weniger Glück. Den strammen Nazis im Oberkommando der Wehrmacht ist Herbergers „Wanderzirkus“ ein Dorn im Auge. Sie ignorieren den Marschbefehl für Klingler, schicken ihn nicht unter die sicheren Fittiche der „Roten Jäger“, sondern in die Fänge der Roten Armee. Wenige Wochen nach der Geburt seines Sohnes Harald wird Klingler 1944 an die Ostfront versetzt. Dort gerät er in die Kesselschlacht von Kischinew, bei der Hunderttausende deutsche Soldaten sterben oder in Gefangenschaft geraten. August Klingler gilt jahrelang als vermisst. Seine Ehefrau Erna wartet zu Hause auf die Rückkehr ihres Mannes. Vergeblich.

Am 31. Oktober 2020 wäre Fritz Walter 100 Jahre alt geworden. Über seine Karriere und sein Leben wurde vor und nach seinem Tod im Jahr 2002 unendlich viel geschrieben. Was viele aber nicht wissen: Den Krieg hat er nur mit viel, viel Glück überlebt: Er muss dank Herbergers „Operation Soldatenklau“ nie an der Front kämpfen. Im Mai 1942 etwa wird er angesichts eines Marschbefehls kurzerhand krankgeschrieben und ins Lazarett gebracht. Wegen „Magenbeschwerden“.

Zu krank für die Front, aber fit genug für das Finale

Während er offiziell in der Klinik liegt, spielt er für den 1. FC Kaiserslautern munter um die deutsche Meisterschaft. Vor 35 000 Augenzeugen verliert er beim FC Schalke 04 mit 3:9. Walter schießt zwei Tore. Nicht schlecht für einen Patienten, der wegen Krankheit nicht an die Front kann.

Trotz derartiger grotesker Aktionen gerät Walter in der Endphase des Krieges mehrmals in Lebensgefahr. Und springt dem Tod jeweils im letzten Moment von der Schippe. Er erlebt etliche Bombenangriffe hautnah mit – einmal völlig schutzlos im Fußballtrikot auf dem Spielfeld. Und als kurz vor Kriegsende alle Soldaten seines Fliegerhorstes ausgeflogen werden, werden die meisten Maschinen von den Alliierten abgeschossen. Seine nicht.

Am Ende entscheidet der Zufall

Das Glück und der Fußball mit seinen mächtigen Funktionären haben Fritz Walter das Leben gerettet. Nicht einmal und nicht zweimal. Fünf Jahre lang, Sonntag für Sonntag. „Eine gnädige Hand“, sagt er nach dem Krieg, „hat mich gerettet.“ Und August Klingler, der bessere Stürmer aus Karlsruhe-Daxlanden? Sein Schicksal zeigt: Der Zufall konnte entscheiden, ob elf Männer am nächsten Sonntag auf dem Fußballplatz stehen oder auf dem Schlachtfeld.

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Unser Autor Stefan Mayr-Uhlmann war bis Ende September Stuttgart-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“. Am 13. Oktober erschien im Riva-Verlag sein Buch „Unter Bombern. Fritz Walter, der Krieg und die Macht des Fußballs“, in dem er den Überlebenskampf deutscher Fußballer während des Zweiten Weltkriegs anhand der Schicksale von Fritz Walter und August Klingler rekonstruiert.

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