Fußball in Saudi-Arabien Fußball-Fieber für die Monarchie

Saudische Fußballfans zeigen sich enthusiastisch. Foto: /Power Sport Images/IVictor Fraile

Die Anfeuerungsrufe, die Choreografien, die Leuchtfackeln in der Menschenmenge: Fast alles müssen saudische Fußballfans mit den Klubs abstimmen. Das einst verschlossene Saudi-Arabien will sich öffnen – allerdings unter strenger Kontrolle.

Beim Fußballderby fällt auf, dass die große Mehrheit der Zuschauer kaum älter ist als dreißig. Nur wenige verfolgen das Spiel im traditionellen Thawb, im weißen, knöchellangen Gewand, das im Stadtbild von Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, sonst allgegenwärtig ist. Die Fans des Gastgebers Al-Hilal, die sich an der Ultra-Bewegung orientieren, bezeichnen sich als „Blue Power“. Sie stehen nicht hinterm Tor, sondern auf dem unteren Rang der Haupttribüne. Fußballfans in Saudi-Arabien sollten sich nicht als Ultras bezeichnen, denn das könnte für den Staat nach Auflehnung klingen. Aber sie wollen sich wie Ultras verhalten, auch vor Kurzem beim Derby in Riad zwischen Al-Hilal und Al-Nassr. Mehr als 50 000 Menschen sind ins König-Fahd-Stadion gekommen, um den Ersten gegen den Zweiten der Saudi Professional League spielen zu sehen, der höchsten Liga des Landes.

 

Al-Hilal, gegründet 1957, und Al-Nassr, Jahrgang 1955, prägen den Fußball in Saudi-Arabien seit bald sieben Jahrzehnten, doch internationale Aufmerksamkeit erhalten sie erst seit wenigen Monaten – seit der milliardenschweren Sportoffensive im Königreich. Nun zum Riad-Derby sind auch 45 Journalisten aus dem Ausland angereist. Sie wollen sehen, wie sich die neuen, hochbezahlten Spieler in der Wüste eingelebt haben: Cristiano Ronaldo und Sadio Mané bei Al-Nassr. Neymar bei Al-Hilal ist zurzeit verletzt.

Viele der Reporter bleiben nach dem Derby noch ein paar Tage im Land, denn bis Freitag, 22. Dezember, findet in der Hafenstadt Dschidda die Club-WM statt. Der europäische Teilnehmer Manchester City, Gewinner der Champions League, steigt an diesem Dienstag ins Turnier ein.

Die Fußballbegeisterung im Land ist groß, doch wie sieht es abseits der Stadien aus? Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30. Die Öleinnahmen werden sinken, und so kann die Monarchie nicht mehr allen Bürgern einen lukrativen Job im Staatswesen anbieten.

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 24 Prozent

Saudi-Arabien wird wohl ein wohlhabendes Land bleiben, doch laut Weltbank liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 24 Prozent. Die jüngere Generation kann mit den alten Eliten aus Religion und Stammesnetzwerken immer weniger anfangen. Die Jüngeren wollen sich freier entfalten. Aber wie viel Freizügigkeit wird ihnen das Königshaus gestatten? Doch zurück zu den Fans im Stadion von Riad: Vor der Tribüne ist ein Plateau aufgebaut. Darauf läuft der Anführer von „Blue Power“ energiegeladen hin und her. Er animiert zum Klatschen, stimmt Gesänge an, und Tausende folgen seinen Anweisungen. Dazwischen entzünden Fans Leuchtraketen. Rituale wie diese erinnern an die Ultras in Europa und Lateinamerika. Doch es gibt einen Unterschied, sagt Amer, Anhänger von Al-Hilal seit seiner Kindheit. „In Europa bilden die Ultras oft eine Opposition zu ihren Clubs. Bei uns wird Blue Power von der Vereinsführung finanziell und organisatorisch unterstützt.“ Die Anfeuerungsrufe, die Choreografien, die Leuchtfackeln in der Menschenmenge: Fast alles müssen die Fans mit den Clubs abstimmen. Das einst verschlossene Saudi-Arabien will sich öffnen – allerdings unter strenger Kontrolle.

Die saudische Fankultur ist frei von Aggression

Amer, Anfang 30, möchte seinen richtigen Namen nicht nennen. Er arbeitet bei einem staatsnahen Unternehmen, sagt er, der Fußball sei für ihn Stressbewältigung. Amer hat wie etliche seiner Freunde in den USA studiert, sie sind in der Welt herumgekommen und könnten auch einen Job in New York oder London antreten. Aber sie möchten die Transformation von Saudi-Arabien mitbestimmen. Die neue Stärke im Fußball fördere den saudischen Patriotismus, sagt Amer: „Wir machen das doch nicht nur, um den Westen zu beeindrucken. Wir machen das vor allem für unsere Gesellschaft.“

Amer steht auf der Tribüne und schwenkt seinen blau-weißen Schal von Al-Hilal. Wenn beim Gegner Al-Nassr Cristiano Ronaldo am Ball ist, dann rufen die Al-Hilal-Fans „Messi, Messi“. Viel mehr an Provokation ist nicht zu hören. Die saudische Fankultur sei frei von Gewalt, Aggressionen und Rassismus, sagt Amer. Auch Polizisten in Uniformen sieht man rund um das König-Fahd-Stadion kaum.

Die zentrale Figur ist Kronprinz Mohammed bin Salman

Was Amer nicht erwähnt: In Saudi-Arabien sind im vergangenen Jahr 196 Menschen hingerichtet worden, die höchste Zahl in drei Jahrzehnten. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Saudi-Arabien von 180 bewerteten Staaten auf Platz 170. Dieses System schreckt ab und führt dazu, dass die Kriminalität niedrig ist, auch im Fußball.

Die zentrale Figur ist der Kronprinz und De-facto-Herrscher Mohammed bin Salman. Im Westen gilt er als brutaler Herrscher, der Drahtzieher hinter der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi sein soll. In Saudi-Arabien beschreiben ihn viele jüngere Menschen als Reformer, der den erzkonservativen Klerus zurückdrängt und die einst mächtige Religionspolizei entmachtet hat.

Amira zum Beispiel ging für das Studium nach Japan, weil sie den psychischen Druck nicht mehr ertragen konnte. Auch sie möchte ihren richtigen Namen nicht nennen Amira, Mitte dreißig, berichtet über ihre Jugend in den nuller Jahren: Kinos und Konzerte waren in Saudi-Arabien untersagt. Frauen durften kein Auto fahren, mussten separate Eingänge benutzen und benötigten für viele Anliegen die Erlaubnis eines männlichen Vormunds. „Immer wieder wurde ich von der Religionspolizei angehalten und darauf hingewiesen, dass mein Kopftuch verrutscht war“, sagt sie. „Wir haben nicht mal davon geträumt, als Sportlerinnen für unser Land anzutreten.“

Viele junge Menschen wollen den Wandel miterleben

Nun, Anfang Dezember, nimmt Amira in einem Kampfsport zum zweiten Mal an den „Saudi Games“ teil, einem großen Sportfestival, das an mehreren Orten in Riad stattfindet. „Der Alltag unserer Mütter und Großmütter spielte sich in geschlossenen Räumen ab“, sagt Amira. „Ich bin froh, dass es jetzt anders ist und ich diesen Wandel miterleben kann.“

Amira hat auf Instagram mehr als 5000 Follower. Sie zeigt sich auf Fotos beim Krafttraining, vor ihrem Spiegel oder beim Cafébesuch mit ihrem Hund. Auf keinem davon trägt sie die Abaya, das traditionelle, schwarze Überkleid, das in Saudi-Arabien nicht mehr Pflicht ist, aber noch von vielen Frauen getragen wird. 1990 waren elf Prozent der Frauen in Saudi-Arabien erwerbstätig. 2019, nach der Aufhebung des Fahrverbots für Frauen, sollen es 18 Prozent gewesen sein, mittlerweile 35 Prozent. Auch der saudische Fußballverband hat inzwischen Frauenteams und eine Vizepräsidentin.

In den kommenden zehn Jahren könnte die Bevölkerung von Saudi-Arabien von 36 auf 41 Millionen wachsen. Zur „Saudi Vision 2030“ gehören milliardenschwere Investitionen in Fußballer, Golfprofis oder Formel-1-Rennen, schreibt der Islamwissenschaftler Sebastian Sons in seinem Buch „Die neuen Herrscher am Golf“. Überdies will „die saudische Regierung eine einheimische Sportindustrie aufbauen, die Jobs für junge Menschen schafft und neue Attraktionen bietet“. Bei der Planung von Städten und Tourismuszentren sollen Sportanlagen eine wichtige Rolle spielen. Dieses Wachstum könnte den Wohlstand sichern – und damit auch die Stabilität der Monarchie.

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