Die Saison in der Staffel 1 der Fußball-Kreisliga A Stuttgart/Böblingen ist beendet. 15 der 16 Teams sind in der Sommerpause. Die einzige Ausnahme: der TV Zazenhausen, der noch in der Relegation um den Klassenverbleib spielt. Ein Blick auf die großen und kleinen Geschichten der zurückliegenden Runde.
Das Titelduell
Gut Ding will Weile haben. Nach zuvor drei Spielzeiten als Abschlusszweiter und dem jeweils verpassten Sprung in die Bezirksliga hat sich der ASV Botnang endlich zum Meister gekürt. Dabei lag über weite Strecken der Saison ein Déjà-vu in der Luft. Auf der einen Seite der bis zum 23. Spieltag ungeschlagene Ligadominator Türkspor Stuttgart, auf der anderen das „Vizekusen“ der Staffel, einmal mehr auf dem zweiten Platz. Zur Jahreswende hatten die Botnanger nicht mehr wirklich mit dem Titel gerechnet, wie ihr Trainer Alexander Schweizer im Nachhinein zugibt. Zu groß war die Dominanz des Kontrahenten aus Bad Cannstatt, zu deutlich dessen 5:1-Triumph im Hinrundenduell. „Türkspor war unfassbar stark“, erinnert sich der Coach. Kein Wunder bei einem Hochkaräter-Kader mit Neuzugängen wie einem Ugur Capar und den Bosnjak-Brüdern.
Mit dem Rückspiel sollte sich der Wind an der Tabellenspitze aber drehen. Bei jenem 3:3 hatten die Botnanger den Gegner am Rande der Niederlage, ehe der zur Winterpause verpflichtete Ex-Landesliga-Torschützenkönig Fatih Özkahraman mit zwei späten Elfmetertreffern dessen erste Saisonpleite gerade noch abwendete. Diese erfolgte wenige Tage später im Bezirkspokal-Viertelfinale mit einem krachenden 0:7 beim TSV Kuppingen – für den Türkspor-Trainer Memik Erdogan ein Knackpunkt der Saison. „Mehrere wichtige Spieler haben sich verletzt, und im Torabschluss war danach der Wurm drin“, hadert der 41-Jährige. Ende April zerstörte schließlich ausgerechnet ein Kellerkind, der TV Zazenhausen, den Nimbus der Unbesiegbaren und gewann mit 3:1. Und fünf Spieltage vor Schluss war es dann so weit: Der ASV Botnang übernahm die Tabellenführung und kürte sich am Ende mit sieben Punkten Vorsprung zum Meister. Nach 15 Jahren ist der Verein damit zurück in der Bezirksliga. „Es fühlt sich historisch an“, schwärmt der Kapitän Mirlind Kamberi.
Der abgestürzte Ligaprimus Türkspor steht hingegen mit völlig leeren Händen da: Aufgrund zahlreicher verletzungsbedingter Ausfälle hat der letztlich Zweite entschieden, nicht zur Aufstiegsrelegation anzutreten. „Unterm Strich haben wir es selbst verbockt. Wir sind froh, dass die Saison jetzt vorbei ist“, sagt Erdogan und richtet sportliche Grüße an den Kontrahenten: „Glückwunsch an Botnang. Sie haben es sich verdient.“
Das Überraschungsteam
Nach der überraschenden Relegationsabsage von Türkspor hieß der lachende Dritte SSV Zuffenhausen – für den die bloße Teilnahme an den Aufstiegsspielen bereits einen tollen Erfolg darstellte. Ungeachtet dessen, dass am vergangenen Wochenende dann gleich in der ersten Runde Endstation war. Die Nord-Stuttgarter unterlagen dem Favoriten Türkischer SV Herrenberg in Bernhausen nach Verlängerung hart umkämpft mit 1:2.
In dem Auftritt der Seinen sah der Co-Trainer Nevzat Dursun „einen Bonus für eine sowieso überragende Saison“. „Wir haben letztes Jahr eine komplett neue Mannschaft aufgestellt. Ich hätte nie gedacht, dass wie zusammen so gut funktionieren“, sagt er. 26 Zugänge, 21 Abgänge – das waren die Eckdaten eines Mega-Umbruchs. Doch raufte sich die neu zusammengewürfelte Truppe rasch zusammen und stürmte auf den finalen dritten Tabellenrang. Allen voran der Topscorer Abdul Hakem Surasi Hamld (21 Tore, 14 Vorlagen) trug zum Erfolg bei. Allerdings verlässt der 22-Jährige den Verein nun in Richtung Landesliga zur SG Weinstadt.
Während der Punkterunde ließen sich die Zuffenhausener auch durch einen beruflich bedingten achtwöchigen China-Aufenthalt ihres Trainers Erhan Atici nicht aus der Spur bringen. In der Zwischenzeit übernahm Dursun die Verantwortung – bis zu Aticis Rückkehr punktgenau zur jetzigen Relegationszugabe. Kein schlechtes Timing des Coachs.
Der Abstiegskampf
Im Endspurt hat sich der TV Zazenhausen noch auf den Relegationsplatz gerettet. Nach zuvor teils desaströsen Leistungen sorgte auch die Rückkehr eines alten Bekannten an der Seitenlinie für die nötigen Impulse, namentlich Andreas Kulow (siehe auch Punkt „Die Trainerwechsel“). Für ihn und seine Mannschaft geht es nun am nächsten Sonntag in Münster gegen den Kreisliga-B-5-Vize FC Reka Stuttgart final um den Klassenverbleib.
Der erste Absteiger stand indes bereits am 25. Spieltag fest: der abgeschlagene Tabellenletzte und Quereinsteiger SV Sillenbuch II. Die Spitalwald-Kicker waren vor der Saison von der Zweier- in die Einser-Staffel gewechselt. Am Ende betrug ihr Rückstand zum Relegationsplatz und der damit möglichen Rettung satte 25 Zähler. Nach zwei Jahren in der Kreisliga A fortan also wieder Kreisliga B.
Im Direktverfahren kehrt dagegen der Aufsteiger MTV Stuttgart II in die unterste Spielklasse zurück. Der Co-Trainer David Forderer musste feststellen: „Es ist ein großer Unterschied im spielerischen Niveau. Vergangene Saison werden wir noch ungeschlagen Meister, und jetzt steigen wir direkt ab.“ Auch ein starker Schlussspurt mit 13 Punkten in den letzten sechs Saisonspielen und Unterstützung aus der eigenen „Ersten“ konnte das Aus nicht verhindern.
Noch bitterer trifft es die SG Untertürkheim. Erst im vergangenen waren die Neckarstädter als Liga-Urgestein aus der Bezirksliga Stuttgart abgestiegen. In deren 46-jähriger Geschichte hatten sie in 37 Spielzeiten zum Teilnehmerfeld gehört, und damit länger als jeder andere. Nun folgt der Totalabsturz. Eine weitere Nachricht mit Wiedererkennungswert: Hatte der Verein im vergangenen Sommer 15 Abgänge verkraften müssen, sind es heuer wieder bereits zehn. „Das ist der nächste Nackenschlag“, stöhnt der Trainer Christos Kolokotronis. Auch dessen gleichgestellter Kollege an der Seitenlinie, Alexander Erne, wird vorerst pausieren. Nach zwei Abstiegen in Folge seien die Batterien leer.
Beim vierten Absteiger im Bunde handelt es sich um die Negativüberraschung des Jahres: den PSV Stuttgart. Mehr hierzu siehe unter dem nächsten Punkt.
Die größte Enttäuschung
Die Ambitionen waren groß. Nachdem der PSV Stuttgart die vorigen drei Spielzeiten jeweils als Dritter abgeschlossen hatte, sollte es wieder in diese Tabellenregion gehen – mindestens. Stattdessen gilt es nun mit dem sang- und klanglosen Abstieg klar zu kommen. Auch zweimal frischer Wind an der Seitenlinie konnte den Schiffbruch nicht verhindern (siehe „Die Trainerwechsel“). Am Ende herrscht bei den Verantwortlichen großes Rätselraten, zumal das Team nach der Winterpause wieder zu alter Stärke gefunden zu haben schien. Mit fünf Siegen in den ersten sechs Spielen starteten die Cannstatter ins neue Jahr. Doch danach lief nichts mehr zusammen: Neun Pleiten am Stück ließen den Verein vom zehnten Platz in den Staffelkeller abrutschen.
„Wir sind wieder komplett in die Muster der Hinrunde gefallen. Ich kann mir nicht erklären, warum“, grübelt Avdo Smajic, Trainer Nummer drei. Die bittere Saisonbilanz lautet: „Eigentlich wollten wir aufsteigen, stattdessen steigen wir ab. Das ist schwer zu verdauen.“
Die Trainerwechsel
Auch die zwei erwähnten Trainerwechsel konnten das Liga-Aus des PSV Stuttgart nicht verhindern. Bereits nach vier Nullrunden zum Saisonauftakt traf es Nikolai Pozorski. Ersetzt wurde er von einem alten Bekannten: Damian Nagler kehrte von einem viermonatigen Landesliga-Intermezzo beim TV Pflugfelden zurück, nachdem er zuvor bereits vier Jahre bei den Cannstattern tätig gewesen war. Seinen „Herzensverein“ führte er immerhin aus der direkten Abstiegszone, ehe er im Winter erneut den Hut nahm – nach nur elf Spielen. Seine Begründung damals: „Die Mentalität in Teilen der Mannschaft hat nicht gestimmt.“ Über die Jahreswende wurde schließlich Avdic engagiert, unter dem das erwähnte Wechselbad der Gefühle folgte. Erst hui, dann pfui. „Es gibt einen Grund, dass ich bereits der dritte Trainer in dieser Saison bin“, merkt der aktuelle Coach nachdenklich an.
Die einzige weitere Ablösung an der Seitenlinie geht auf das Konto des TV Zazenhausen und bedeutete das Ende einer Ära: Zehn Jahre lang war Armando Traini mit dem Verein verbandelt – erst als Spieler, dann als Trainer der zweiten Belegschaft, ehe er Ende 2023 Team eins übernahm. Nun war im März nach der 1:3-Niederlage gegen den TSV Mühlhausen und dem zu Buche stehenden 14. Tabellenrang Schluss für ihn. Als „Feuerwehrmann“ wurde Andreas Kulow aus dem Ruhestand geholt. Seine Mission: der Klassenverbleib. Teils eins ist erfüllt. Mit 15 Punkten aus zehn Spielen führte der 62-Jährige die Mannschaft auf den Relegationsplatz.
Die herausragenden Spieler
Nicht nur den Meistertitel, auch Platz eins in der Torschützenliste entriss Botnang dem großen Konkurrenten Türkspor kurz vor Saisonende. Lange Zeit führte Erdem Akcan das Ranking an, ehe Daniel Schweizer ihn dank sieben Toren in den letzten fünf Partien noch überflügelte. Seine Saisonbilanz: 28 Treffer in 25 Spielen, zudem 19 Assists – der jüngere Bruder des Meistercoachs Alexander Schweizer ist damit der Torschützenkönig und der Topscorer der Staffel.
Für einen anderen herausragenden Akteur, Daniel Bosnjak von Türkspor, nahm die Saison derweil ein doppelt bitteres Ende. Zum einen der aus der Hand gegebene Aufstieg – nachdem der 37-jährige Spielgestalter bemerkenswerte 29 Torvorlagen und sieben Treffer beigesteuert hatte. In der Winterpause hatten ihn die Trainer der Staffel nicht von ungefähr zum besten Spieler der Hinrunde gewählt, vor seinem Teamkollegen Ugur Capar und dem späteren Torschützenkönig Schweizer. Dann aber der Schock: Im Spiel gegen den TSV Uhlbach am 8. Mai zog Bosnjak sich einen Kreuzbandriss zu – zum anderen also auch noch eine persönliche Hiobsbotschaft. Der Routinier steht vor einer langen Fußballpause.
Das Schiri-Kuriosum
Für ein offizielles Fußballspiel braucht es gemeinhin vier Komponenten: einen Ball, zwei Mannschaften, ein Spielfeld und einen Schiedsrichter. An letzterem, beziehungsweise dessen Fehlen, drohte die Partie zwischen Türkspor und der SG Weilimdorf Ende Mai zu scheitern. „Zehn, fünfzehn Minuten vor Anpfiff haben wir uns gefragt: Wo ist der Schiri?“, erzählt Memik Erdogan, Trainer der Gastgeber. Auch eine telefonische Rücksprache brachte keine Erklärung, also wurde einvernehmlich entschieden, einen Zuschauer und Türkspor-Vereinskollegen pfeifen zu lassen. „Er hatte, glaube ich, nicht mal Karten, die hat er aber auch nicht gebraucht“, sagt der Weilimdorfer Coach Philip Baltsios, denn alles lief friedlich ab. Am Ende siegte Türkspor mit 4:2. Erdogans Zeugnis für den Aushilfsschiri aus den eigenen Reihen: „Note 1-2. Er lag nur bei zwei Abseitspfiffen falsch.“
Der Super-Joker
Manchmal sind es die kleinen Geschichten, die den Fußball zur schönsten Nebensache der Welt machen. Die Chancen, dass Alexander Radebach vom SV Prag Stuttgart am elften Spieltag eine ebensolche schreiben würde, waren denkbar schlecht. Vor der Partie gegen den TV Zazenhausen hatte der Mittelfeldspieler seinem Trainer Frederik Bruder eigentlich abgesagt, weil er es nicht rechtzeitig zum Spiel schaffen würde und, wenn überhaupt, dann nur als Zuschauer. Doch es kam anders. Tatsächlich traf Radebach exakt zum Anpfiff ein, schnappte sich die Schuhe vom verletzten Keeper und die Hose des Trainers der zweiten Mannschaft. Und: In der 62. Minute eingewechselt, erzielte Radebach prompt seine beiden ersten Saisontore, womit er den Seinen einen 3:2-Sieg sicherte. Vom Ausfall-Kandidaten zum Super-Joker, wie er im Buche steht.
Das Freistoß-Ass mit Makel
Der ominöse ruhende Ball: Nachdem Jannik Hinz von der SG Untertürkheim am neunten Spieltag gegen Türkspor gleich doppelt getroffen hatte, jeweils per direktem Freistoß, schien der Elfmeter in der 86. Minute zu den einfacheren Aufgaben des Nachmittags zu gehören. Jedoch: Das feine Füßchen scheiterte am Keeper Hüsrev Kop. War plötzlich die Ehrfurcht vor dem übermächtigen Gegner zu groß? Der Trainer Christos Kolokotronis sah es jedenfalls gelassen: „Nach den zwei Freistößen kann ich ihm keinen Vorwurf machen.“ Der Endstand war übrigens ein 2:4 aus Untertürkheimer Sicht.
Die höchsten Siege
Beide Male stand der SV Sillenbuch II auf der falschen Seite des Offensivfeuerwerks. Im November ließ ein vor Selbstvertrauen strotzendes Türkspor die Muskeln spielen und fegte mit 10:1 durch den Spitalwald. Erdem Akcan traf vierfach, während Ugur Capar drei Tore und drei Vorlagen beisteuerte. Im Anschluss überraschte Erdogan mit der Aussage: „Spielerisch war Sillenbuch gar nicht so schlecht.“ Im neuen Jahr wurde der Tabellenletzte dann von der SG Weilimdorf mit einem krachenden 9:0 willkommen geheißen. Beide Schützenfeste markieren die höchsten Siege der Saison.