Fußball Landesliga TSV Heimerdingen Sportpsychologe warnt: „Man darf sich nie zu sicher sein“

Davon träumen alle Fans des TSV Heimerdingen: Die Fußballer sollen am Samstag gegen 17.15 Uhr den Aufstieg feiern. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Der TSV Heimerdingen steht vor dem Aufstieg in die Verbandsliga und hat in Absteiger TSV Pfedelbach einen scheinbar leichten Gegner. Der Sportpsychologe Henry Markus kennt die mentale Last bei Fußball-Amateuren und warnt.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Der TSV Heimerdingen kann am Samstag (15.30 Uhr) im Saisonfinale gegen den TSV Pfedelbach den Aufstieg in die Verbandsliga klarmachen und ist Favorit gegen den Absteiger. Doch es kommt im Fußball immer wieder vor, dass Außenseiter trotz aller Vorzeichen den vermeintlich Großen das Fell über die Ohren ziehen. Sportpsychologe Henry Markus (67) vom Olympiastützpunkt Stuttgart kennt die mentale Belastung der Favoriten und die Fehler, die Amateur-Fußballer vor und in einer solchen Partie machen können. „Man darf sich nie zu sicher sein“, sagt der Diplom-Psychologe, der in Stuttgart eine eigene Praxis betreibt.

 

Herr Markus, wie bereitet man sich auf ein entscheidendes Spiel mental vor?

Es gilt, anzuknüpfen an Spiele, die erfolgreich waren. Alles, was in Richtung Misserfolg tendiert, sollte man abhaken, nicht drüber sprechen und nicht vertiefen – der Trainer sollte die Stärken immer wieder thematisieren. Zudem handelt es sich um eine Mannschaftssportart, wo jeder Einzelne zum Erfolg beiträgt und dafür verantwortlich ist – er sich – ich sage das in Gänsefüßchen –, professionell verhält vor diesem Spiel und alles vermeidet, was ablenken könnte. Wichtig sind gute Ernährung, Regeneration, Schlaf – und dann ist noch wichtig, mit Freude, Spaß und Lockerheit ins Spiel zu gehen.

Ganz nach Franz Beckenbauer: Geht’s raus und spielt’s Fußball!

Sozusagen, das nährt gleichzeitig die Hoffnung auf Erfolg. Sonst ist man zu sehr verkopft, es spielen viele psychologische Aspekte rein, es starten gefährliche Mechanismen wie die Furcht vor Misserfolg. Dann beginnt eine negative Eigendynamik, nach dem Muster „nimm ihn du, ich hab ihn sicher“. Wir haben das gesehen beim Bundesliga-Relegationsspiel Fortuna Düsseldorf gegen VfL Bochum ...

... als die Fortuna einen 3:0-Vorsprung aus dem Hinspiel aus der Hand gegeben hat. Wie geht man damit um, wenn man als Favorit ins entscheidende Spiel geht?

Da müssen das Trainerteam und die Stützen in der Mannschaft viel kommunizieren, um alles, was in Ansätzen eine Schludrigkeit oder Nachlässigkeit darstellt, zu unterdrücken. Gerade wenn manche Spieler sich vielleicht etwas unsicher fühlen, dann gilt es da mutig zu agieren und eher auf die Spieler zu setzen, die eine gewisse mentale Stärke besitzen und die in solchen Situationen zeigen, was möglich ist.

Die Gefahr: Die Angst zu versagen

Die erfahrenen, routinierten Spieler sind also besonders gefragt.

Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Aber auch die Trainer profitieren von ihrem Erfahrungsschatz – die dürfen ruhig mal aus dem Nähkästchen plaudern und den Spielern erzählen, wie sie mit solchen Situationen umgegangen sind. Das schafft eine gewisse Vertrauensbasis, und der Glaube an den Erfolg bleibt bestehen. Da gibt’s ja schöne Beispiele in den letzten Wochen. Der Trainer des 1. FC Kaiserslautern (Friedhelm Funkel, d. Red.) hat vor dem DFB-Pokalfinale gegen die Übermannschaft Bayer Leverkusen ähnlich kommuniziert – und der Drittligist hat ausgesprochen gut performt, damit hätte auch nicht jeder gerechnet (Gut mitgespielt und nur 0:1 verloren, d. Red.).

Das sind Profis, im Amateurbereich reicht der Arm des Trainers aber meist nicht so weit. Da ist viel mehr Eigenverantwortung der Spieler gefragt.

Sie sagen es. Dabei ist wirklich jeder Spieler in der Pflicht und alle müssen ernsthaft fragen, ob das so reicht oder ob er in den Tagen davor noch eine Schippe Engagement drauflegen sollten.

In einem Team laufen auch interne Gruppenprozesse – da braucht es dann doch auch Leitwölfe, die vorangehen und sagen: Hey, so geht’s Jungs!

Absolut. Die Kommunikationskanäle müssen offen sein und diese Spieler müssen die Ansprache geben. Es gibt aber auch Teams, die sind ganz ruhig, da gibt’s niemanden, der das große Wort führt. Wichtig ist, bis zum Schluss zu agieren und das Beste aus einer Situation zu machen. Ein schönes Beispiel ist die Regionalliga mit den Stuttgarter Kickers und dem VfB Stuttgart II. (Die Kickers verspielten in den letzten Partien einen großen Punktevorsprung und verpassten so den Aufstieg, d. Red.) Da spielte unbewusst das Thema Furcht vor Misserfolg aus meiner Sicht eine Rolle bei den Kickers, als Außenstehender kann ich das aber nur vermuten. Auf der anderen Seite entwickeln manche Teams plötzlich Stärken, sie sind im Flow und dann geht es voran bis ans große Ziel.

Das Vorbild heißt Bayer Leverkusen

Wie groß ist aus Ihrer Sicht der Einflussfaktor der Fans? Es sind im Amateurbereich nicht so viele wie in den Profiligen, doch sie sind in viel nährem Kontakt zu den Spielern auf den Sportplätzen.

Auch im Kleinen spielen die sozialen Aspekte eine Rolle, die Unterstützung der Fans, der Betreuer, selbst die der Angehörigen und der Familie. Das kann im Kleinen genauso etwas mehr oder weniger bewirken. Gute Unterstützung ist immer hilfreich und auch in Phasen, wo es mal nicht so glatt läuft. Gerade bei Rückschlägen oder einem Rückstand hilft es, wenn man weiter getragen wird.

Noch eine plakative Frage: Welcher wäre der größte Fehler, den man vor einem entscheidenden Spiel bei den Fußball-Amateuren machen kann?

Hmm, da habe ich nicht nur eines, sondern zwei Dinge im Kopf. Also zum einen: Man darf sich niemals zu sicher sein! Das richtet sich an die Favoriten und solche, die meinen, die Dinge schon im Sack zu haben. Man muss, so möchte ich es nennen, seine Hausaufgaben machen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn das jeder in der Mannschaft befolgt, ist schon sehr viel erreicht. Und umgekehrt für die, die nach vielen Nackenschläge und Rückschlägen den Kopf hängen lassen: Hinfallen kann man schon, aber man muss wieder aufstehen – man muss, wenn man mal in Rückstand gerät, immer die Chance im Blick haben.

Stets an sich glauben, egal, was passiert.

Ein gutes Beispiel ist Bayer Leverkusen. Alle Welt hat sich zuletzt gefragt: Wie kann es sein, dass eine Mannschaft so auf den Punkt eingestellt ist, dass sie selbst nach 90 Minuten in der Nachspielzeit häufig ein Spiel gedreht oder zumindest ein Unentschieden erzielt hat. Das ist aus meiner Sicht schon nicht mehr zufällig, sondern hat System – daran erkennt man, dass es sich stets lohnt, bis zum Schluss zu kämpfen und dran zu bleiben.

Weitere Themen