Eines steht vor dem Anpfiff der Landesliga-Runde an diesem Wochenende fest: Beim MTV Stuttgart werden die Spieler zur Kasse gebeten. Bei Gelb-Rot oder Rot wird es für sie fortan teuer – zumindest dann, wenn der Platzverweis „unnötig“ war, wegen Meckerns oder einer Tätlichkeit. Der jeweilige Übeltäter darf in diesem Fall auf die Post des Verbands warten und interessiert auf den Abschnitt „Geldstrafe“ schauen. „Wir haben uns darauf geeinigt, dass die Spieler ab dieser Runde die Verfahrenskosten selbst begleichen müssen“, sagt der Trainer Björn Lorer, der am Kräherwald in seine sechste Saison als Verantwortlicher geht.
Grund für diese Maßnahme: In der Fairnesstabelle landete der MTV zuletzt mit achtmal Gelb-Rot und drei Roten Karten (plus je eine für einen Offiziellen) auf dem vorletzten Rang. Nur der FV Neuhausen handelte sich noch mehr farbige Kartons ein. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass die Stuttgarter auf den Sportplätzen lange sozusagen auf Friedensmission unterwegs waren und Lorer oft anmahnte, seine Schützlinge seien viel zu brav. Grundsätzlich begrüßt der Coach die Wandlung. „Es zeigt, dass wir cleverer geworden sind und nun beispielsweise ein Foul ziehen, anstatt die Spieler wie früher üblich durchs Mittelfeld gewähren lassen“, sagt er. Nicht auszuschließen sei deshalb, dass es zu Hinausstellungen kommt, die man in beschriebenem Fall und auch in Bezug auf eine aggressivere Spielweise in Kauf nimmt. Eben aber nicht unnötige Undiszipliniertheiten, die das Team schwächen. Viele Platzverweise aus der Vorsaison hätten eine nachvollziehbare Vorgeschichte gehabt, manche aber nicht, und die wolle man auf die beschriebene Weise eindämmen.
Aus sportlicher Sicht liegt hinter dem MTV eine erstaunliche Entwicklung. Im Landesliga-Premierenjahr als Zwölfter gerade noch den Klassenverbleib gesichert, sprang zuletzt der vierte Tabellenplatz heraus. Und nun, bläst die Lorer-Truppe gar zur Titeljagd? Der Coach antwortet lachend: „Platz vier, klar da besteht ja noch Luft nach oben.“ Träumen sei erlaubt, zu fantasieren beginnt am Kräherwald aber niemand. Als Ziel wurden die Top fünf ausgegeben. Wie weit es dann nach vorne gehe, werde die Saison zeigen, sagt Lorer.
Personell gab es – wie häufig beim MTV – nur geringe Veränderungen. Der umtriebige Offensivspieler Emin Dougarmagi ist umgezogen und spielt nun für den FC Teiningen, die erfahrene Schaltzentrale Filip Primorac pausiert. Deshalb Kopfzerbrechen? Keineswegs, sagt Lorer, die Abgänge könne man kompensieren. Im Fall von Primorac ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, steigt dieser doch möglicherweise in der Rückrunde wieder ein. Er ist zum zweiten Mal Vater geworden und wolle sich nun erst mal um seine Familie kümmern und dann weitersehen. Wie gerufen ist Daniel Rudolph nach seinem halbjährigen studienbedingten Aufenthalt auf Malta wieder zurück und wird die Primorac-Rolle auf der Sechs übernehmen. „Er war vor seinem Abgang der Motor in unserem Spiel und wird es auch künftig sein“, sagt Lorer. Zudem bringe so mancher junge Spieler – unter anderem der Mittelfeldakteur Abdallah Trabelsi (A-Jugend SV Fellbach) – frischen Wind in die Truppe. Und ein Moritz Walz sorgt für zusätzliche defensive Stabilität. Letzterer ist nach Stuttgart gezogen, bringt mit seinen 28 Jahren viel Erfahrung mit, gehörte er zuletzt doch zur Stammbelegschaft des Landesligisten SC 04 Tuttlingen (Staffel 3).
Die Personalien auf dem Feld passen, zwischen den Pfosten gibt es aber eine Baustelle. Carl-Anders Zimmermann, für Lorer „der beste Schlussmann der Liga“, mag nicht mehr. Der 38-Jährige steht aber noch als Co- und Torwarttrainer zur Verfügung. Seine Aufgabe: Khalil Lalo für die Anforderungen der Landesliga fit zu machen. Der 1,97 Meter große und 103 Kilogramm schwere Schlussmann hat in der vergangenen Runde gerade einmal drei Partien für den mittlerweile aufgelösten Landesliga-Club Croatia Bietigheim absolviert. Die Folge: Es fehlt ihm an Spielpraxis. Aber die „lange Latte“, wie Lorer seinen neuen Schlussmann bezeichnet, komme immer besser in Form. Da der 25-Jährige schon von der Statur ein anderer Torhüter ist als der eher kleine Zimmermann, „müssen wir unser Aufbauspiel etwas anders gestalten“. Dies und das Einüben taktischer Variabilität waren auch Inhalt der Vorbereitung.
Mit welcher Grundordnung Lorer seine Mannschaft am Sonntag (15 Uhr) zum Auftakt zuhause gegen den Aufsteiger TSV Plattenhardt aufs Feld schickt, verrät er nicht. Jedoch: „Zuhause sind wir stark; wir wollen mit einem Sieg starten“. Um dann durch einen weiteren Dreier in Eislingen gerüstet zu sein für das nächste Derby gegen den TSV Bernhausen. Diesen, den Vorjahres-Vize SV Waldhausen und den VfL Sindelfingen hält der MTV-Coach für die Meisterschaftsfavoriten.
Bleibt noch die Frage nach Gelb-Rot oder Rot für den Coach wegen Meckerns – in der Vorsaison blieb Lorer am Spielfeldrand auch nicht ohne Fehl und Tadel. „Au Backe“, sagt er und lacht, „das könnte hart für mich werden, ich zahle doppelt.“
Zugänge: Moritz Walz (FC Tuttlingen), Daniel Rudolph (zurück von Auslandssemester), Julian Hug (Wiedereinstieg nach Verletzungspause), Junis Al-Tayeh (FSV 08 Bietigheim-Bissingen II), Khalil Lalo (pausierte/zuletzt NK Croatia Bietigheim), Abdallah Trabelsi (Junioren SV Fellbach), Georgios Chelidonopoulos (eigene Junioren). Abgänge: Carl-Anders Zimmermann (Karriereende/nur noch Co-Trainer und Torwarttrainer), Emin Dougarmagi (FC Teiningen), Filip Primorac, Enes Türköz, Dominik Schulz (bei allen Fußballpause), Tilo Haist (Studium außerhalb von Stuttgart), Julius Jipp (Spvgg Wallstadt/studienbedingter Umzug), Paolo Carbone (Umzug nach Italien). Kader Tor: Heiner Kaschner, Khalil Lalo; Abwehr: Götz Gaiser, Julian Hug, Lion Janzen, Daniel Mägerle, Sebastian Oehme, Din Redzic, Egzon Sufaj, Moritz Walz, Philipp Weippert, Stephan Wiese; Mittelfeld: Junis Al-Tayeh, Fabio Baldi, Georgios Chelidonopoulos, Denzel Debrah, Till Flach, Joel-Noah Graham, Daniel Henschke, Dominik Hug, Daniel Rudolph, Abdallah Trabelsi, Michel-Angelo Triantafillou; Angriff: Raphael Hahn, Vanja Lukic, Mertcan Özocak. Trainer: Björn Lorer (seit Juli 2021) Saisonziel: ein Platz unter den ersten fünf Mannschaften (Platzierung in der vergangenen Saison: 4.). Meistertipp: TSV Bernhausen.