Bundestrainer Joachim Löw muss seinen EM-Kader bis zum 29. Mai von 27 auf 23 Spieler verkleinern. Ein „Streichkandidat“ ist Julian Draxler.
Tourettes - Es läuft nicht besonders gut für Julian Draxler. Auf Sardinien ist er beim Kajakrennen gekentert; hier in Südfrankreich hat er sowohl an der Tischtennisplatte als auch am Billardtisch gegen seinen Schalker Vereinskollegen Benedikt Höwedes verloren. Und ganz knapp verpasste er auch den Jackpot im Champions-League-Tippspiel der deutschen Nationalmannschaft: Der 18-Jährige hatte sich auf einen 1:0-Sieg der Bayern festgelegt. Trotzdem sagt Julian Draxler: „Es ist für mich ein Traum, hier dabei sein zu dürfen.“
Auf dem Schulhof hatte der Schüler vor zwei Wochen die Mailboxnachricht des Bundestrainers abgehört und so erfahren, dass er zum erweiterten Kader für die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) zählt. Er ist die große Überraschung gewesen, schließlich war er zuvor nie für die DFB-Auswahl berufen worden. Mit großen Augen sitzt Draxler seither jeden Tag beim Mittagessen und schaut, „wer diesmal neben mir sitzt“. Fraglich jedoch ist, wie lange er noch mit den Idolen seiner Kindheit speisen darf. Denn Draxler gilt als womöglich sicherster Streichkandidat, wenn es gilt den Kader auf EM-Größe zu reduzieren.
23 Spieler des Vertrauens
Bis zum 29. Mai, dem offiziellen Meldeschluss der Uefa, hat Joachim Löw Zeit, aus 27 Mann jene 23 Spieler seines Vertrauens herauszufiltern, die anschließend mit nach Osteuropa fahren. Der Selektionsprozess ist unter ihm fester Bestandteil geworden – auch vor den vergangenen beiden Turnieren hatte sich der Bundestrainer dafür entschieden, mit zu vielen Spielern in die Vorbereitung zu gehen. Franz Beckenbauer war vor der Weltmeisterschaft 1986 genauso vorgegangen, während anschließend Berti Vogts, Erich Ribbeck, Rudi Völler und Jürgen Klinsmann auf diese Art der Castingshow verzichteten.
Nach den Tagen auf Sardinien geht die Vorbereitung seit Freitag in der Provence in die heiße Phase – und mit ihr das Rennen um die EM-Plätze. „Jetzt baut sich der Konkurrenzkampf auf“, sagt Löw und sieht vorerst „keine Notwendigkeit“, darüber zu spekulieren, wer womöglich vorzeitig in den Urlaub verabschiedet wird. Allen Spielern macht Löw Hoffnung, auch Julian Draxler, den er für „enorm entwicklungsfähig“ sowie für „technisch und fußballerisch voll belastbar“ hält. Er habe einen guten Zug zum Tor, sagt Löw, „und wird dauerhaft seinen Weg im Nationalteam machen“.
„Sehr enttäuschend“
Allerdings wird Löw auch Draxler meinen, wenn er davon spricht, dass er sich schon von der bloßen Nominierung „einen weiteren Schub“ für einzelne Spieler erhoffe. Dazu zählen auch Draxlers Mittelfeldkollegen Ilkay Gündogan (21) sowie die Zwillinge Sven und Lars Bender (23). Auch sie haben bisher noch kein Turnier bestritten, auch sie sind gewissermaßen im letzten Moment auf den Zug aufgesprungen – und gehören nun zu den größten Wackelkandidaten. „Ich werde alles daransetzen, im endgültigen Kader zu stehen“, sagt Gündogan. Er befasst sich aber auch schon mit dem Umstand, dass es trotzdem nicht reichen könnte: „Das wäre sehr enttäuschend, weil man hier so viel investiert.“
Sollte nichts Unvorhergesehenes passieren, dürfte es drei Mittelfeldspieler treffen. In der Abwehr hat Löw mit sieben Nominierten ebenso knapp kalkuliert wie im Sturm, in dem nur drei Spieler auf der Liste stehen. Deshalb muss der Stuttgarter Cacau, dritter Mann hinter Mario Gomez und Miroslav Klose, kaum befürchten, noch aussortiert zu werden. Ein Überangebot gibt es lediglich im Mittelfeld sowie im Tor, wo Tim Wiese, Marc-André ter Stegen und Ron-Robin Zieler um die beiden Plätze hinter Manuel Neuer rangeln.
Den Spielern wehtun
Joachim Löw fürchtet sich schon ein wenig vor dem Moment, in dem er den Betroffen mitteilen muss, dass es Zeit ist, die Koffer zu packen. „Ich weiß, dass ich den Spielern dann wehtun muss.“ Und er weiß auch, dass in der Vergangenheit einzelne Spieler von der Ausbootung „einen Knacks davongetragen haben“. So bleibt dem Bundestrainer nur die Hoffnung, dass diesmal der gegenteilige Effekt eintritt: „Wenn man die Dinge richtig einordnet, wird man davon profitieren, drei Wochen bei der Nationalmannschaft dabei gewesen zu sein.“
Für Julian Draxler, das steht fest, wird die Welt nicht untergehen, wenn die EM ohne ihn stattfindet. Denn für einen 18-Jährigen wäre das kein Beinbruch, auf ihn warten noch viele andere Turniere. Und als Profiteurin einer vorzeitigen Abreise bliebe ja auch noch seine Freundin. Nachdem er von der Nominierung erfahren hatte, so berichtet Draxler, habe er ihr „sehr einfühlsam“ beibringen müssen, dass sich der gemeinsame Urlaub verschieben würde.