Fußball-Nationalmannschaft Ist Manuel Neuer wieder der Alte?

Von Marco Seliger 

Der Bayern-Torhüter Manuel Neuer muss sich nach einem Jahr voller Probleme neu beweisen – im DFB-Team lauert der Herausforderer Marc-André ter Stegen auf seine Chance. Ein offenes Rennen?

Der breitschultrige Manuel Neuer und der Ball – diese  gewachsene Symbiose  soll auch in der DFB-Elf  wieder zu sehen sein. Foto: Getty
Der breitschultrige Manuel Neuer und der Ball – diese gewachsene Symbiose soll auch in der DFB-Elf wieder zu sehen sein. Foto: Getty

Venlo - Manuel Neuer (33) ist wieder da – was dank seiner großen und kräftigen Erscheinung auch kaum zu übersehen ist im Kreis der Nationalelf. Allerdings: es ist auch zu hören. Nicht stimmlich, denn der Kapitän war noch nie ein Lautsprecher, auf dem Platz nicht und daneben noch weniger. Der Torhüter setzt andere Zeichen, am liebsten die mit Hand und Fuß.

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Wer in diesen Tagen das Aufwärmprogramm der Nationaltorhüter im Trainingslager von Venlo verfolgt, bekommt ein Schauspiel für sich. Wenn sich die Keeper die Bälle zupassen, wird es immer dann laut, wenn Neuer die Kugel trifft. Noch immer ist er der Inbegriff des fußballerisch starken, des mitspielenden, des passsicheren Torhüters. Manu, der Libero, dieser Begriff wurde rund um die WM 2014 ja nicht nur aufgrund der mutigen Klärungsausflüge außerhalb des Sechzehners geschaffen. Manu, der Libero, die Namensgebung kam auch aufgrund der geschnitten scharfen Pässe zustande – die er jetzt wieder zeigt vor den beiden EM-Qualifikationsspielen in Weißrussland (Samstag, 20.45 Uhr) und gegen Estland (Dienstag, 20.45 Uhr).

Neuer ist und bleibt der Platzhirsch

Neuer lässt es krachen, seine lauten, schallenden Flachpässe im Training könnten glatt als knallharte Torschüsse durchgehen. Alles also scheint wie immer – wenn da nur nicht dieser andere Typ wäre, der im Grunde genauso gut kicken kann wie Neuer und nebenher auch noch auf Weltklasseniveau hält. Marc-André ter Stegen ist aufgrund von Patellasehnenproblemen gerade nicht dabei im Tross der Nationalelf, aber der Torhüter des FC Barcelona ist doch irgendwie präsent. Auch, als der Platzhirsch zwischen zwei Trainingseinheiten aufs Pressepodium schreitet.

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Neuer gegen ter Stegen, dieses Duell um die Nummer eins im deutschen Tor ruft ja längst nicht mehr nur der Boulevard aus – auch der Bundestrainer tat es, zumindest indirekt. Einige Chancen werde es geben für ter Stegen in der EM-Qualifikation, sagte Joachim Löw. Chancen also, um sich zu empfehlen nach konstant starken bis überragenden Leistungen in Barcelona – und damit auch Chancen, Neuer aus dem Tor zu verdrängen.

Als es losgeht mit der Fragerunde dauert es nicht lange, bis Neuer, na klar, nach seinem Herausforderer gefragt wird. „Ich spüre keinen heißen Atem“, sagt er dann dazu – was bei dem Mann, der gerne betont, keine Kampfansagen zu machen, dann doch als ziemliche Kampfansage durchgeht.

Das Pokalfinale als Erweckungserlebnis

Neuer tritt betont freundlich auf, er wirkt gelassen – aber auch bestimmt. Er habe noch lange nicht genug, sagt er, weder auf Vereinsebene noch in der Nationalelf: „Ich liebe meinen Beruf und liebe es, auf dem Platz zu stehen. Ich möchte so lange spielen, wie mein Körper funktioniert und es Spaß macht.“ Aktuell hat er wieder Spaß, dieser Manuel Neuer, an diesem Samstag in Borissow wird er spielen gegen Weißrussland – zwei Wochen, nachdem er so etwas wie sein Erweckungserlebnis hatte.

Das DFB-Pokalfinale in Berlin gegen RB Leipzig (3:0) war nicht nur Neuers Comeback nach mehrwöchiger Pause aufgrund eines Muskelfaserrisses in der Wade. Es war auch ein Statement. Neuer gab den Neuer – und zwar den mit dem gewohnten Nimbus des Unüberwindbaren. Er spielte so, als hätte es seine Krisensaison nicht gegeben. „Ich hatte nicht unbedingt das Glück in der Saison“, sagte er jetzt, „aber es war eine gute Saison.“

Nun, über diese Aussagen lässt sich streiten – denn Neuer hat zweifellos schon bessere Spielzeiten als die gerade abgelaufene hinter sich. Geschwächt ging er in die Runde, nachdem er schon in der alten lange verletzt gewesen war und zur WM 2018 in Russland gerade noch so fit wurde. Bundestrainer Joachim Löw schenkte seinem Kapitän ohne große Spielpraxis das Vertrauen und brüskierte damit den Herausforderer Marc-André ter Stegen, der schon da Ansprüche stellte – die qua seiner überragenden Leistungen nicht gerade unberechtigt waren.

Hat er seine Verletzungsprobleme überwunden?

Neuer startete dann nach dem WM-Desaster geschwächt in die Saison – und er machte Fehler. Nicht viele. Aber einige, die zu Gegentoren führten. Der lange Unfehlbare wurde so plötzlich zum Verwundeten, der Kapitän stand mit seiner Formdelle im Herbst gleichermaßen für einen damals taumelnden FC Bayern und eine angeschlagene Nationalmannschaft. Dazu kamen wieder Verletzungssorgen.

Erst setzte ihn eine Daumenblessur außer Gefecht, es folgten Wadenprobleme in den letzten Wochen der Saison. Ganz am Ende aber stand die Note eins mit Sternchen im Pokalfinale – und damit auch der letzte Eindruck, den Neuer nun in der Nationalelf bestätigen will. Oder besser: muss. Denn der Weltklassemann aus Barcelona sitzt ihm im Nacken. Auch wenn Neuer den Atem noch nicht spürt.