Erst kürzlich hat Rudi Völler wieder getan, was er eigentlich am liebsten macht: eine Reise in die Vergangenheit. In diesem Fall war es ein Besuch auf dem Sportplatz seines Jugendvereins TSV 1860 Hanau, der definitiv schon bessere Zeiten erlebt hat. Aber wenn der Volksheld vorbeischaut, und das ist der in Ehren ergraute Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) definitiv noch, dann strömen die Menschen herbei. Also haben ihn in der hessischen Kleinstadt vor allem die jüngeren Fans umringt, als würde der 63-Jährige noch immer geschwind durch gegnerische Abwehrreihen dribbeln und für Deutschland Tore schießen.
Einerseits genoss Völler die Aufregung, andererseits hätte er sich vielleicht auch gewünscht, dass ein aktueller Nationalspieler mal solchen Rummel auslöst. Nur das passiert nicht mehr. Ein Jahr vor der Heim-EM ist die Stimmung rund um die A-Nationalmannschaft ziemlich im Keller. Und es muss offen konstatiert werden: Daran hat bislang auch Völlers Verpflichtung infolge einer auf allen Ebenen vermasselten WM 2022 in Katar nicht viel geändert. Statt Aufbruchsstimmung herrscht Krisenstimmung. Auf allen Ebenen.
Das Aushängeschild des deutschen Fußballs hat nach grottenschlechten Länderspielen im Juni gegen die Ukraine (3:3), Polen (0:1) und Kolumbien (0:2) das letzte Vertrauen mit Füßen getreten. Die wirre Versuchsreihe von Hansi Flick funktionierte hinten und vorn nicht, bei der letzten Partie auf Schalke konnte das Publikum gar nicht laut genug pfeifen. Zuschauer unkten beim Abgang, dass Deutschland die nächste EM nur ausrichte, damit seine Mannschaft nicht durch die Qualifikation müsse, weil sie es sonst gar nicht mehr unter die besten 24 in Europa schaffen würde.
Keine Experimente in den Testspielen
Dass der Bundestrainer weiterhin geblieben ist, hat er Völler zu verdanken. Der frustrierte Flick („Ich habe keinen Bock mehr darauf, Spiele zu verlieren, es kotzt mich an“) hat versprochen, die nächsten Testpartien gegen Japan in Wolfsburg (9. September) und Frankreich in Dortmund (13. September) endlich mit einer Art Stammelf zu bestreiten. Aber ob’s dann besser wird? Zweifel sind erlaubt. Eigentlich hätte die ÄraJoachim Löw eher beendet werden müssen, und auch der Bonus für Flick kann hinterfragt werden.
Aber dem Quereinsteiger Bernd Neuendorf als DFB-Präsident fehlt fußballerische Fachkompetenz, um ganz tief in die Fehleranalyse einzusteigen. Der 62-Jährige genießt auf dem neuen DFB-Campus zwar einen guten Ruf, weil er kein Wichtigtuer ist, aber seine Eignung als Krisenmanager scheint begrenzt. Die nach der WM einberufene Taskforce war ein Gremium, in dem der über die Liga zu viel Einfluss gelangte Strippenzieher Hans-Joachim Watzke seine Macht ausspielte: Der Boss von Borussia Dortmund schlug spontan als erstes Völler als Notretter vor. Neuendorf nickte.
Jetzt hat der Verband einen „gebrauchten Sommer“ hinter sich. Diesen Begriff hat der Sportliche Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, benutzt, als er im australischen Kaff namens Wyong über das komplette Enttäuschen der fußballerischen Aushängeschilder sprach.
Der um seinen Posten bangende Fachmann war dabei, als die U-21-Auswahl in Georgien und Rumänien das besorgniserregende Erscheinungsbild mit einem EM-Vorrundenaus bei den Männern komplett machte. Kaum rüber zu den DFB-Frauen gereist, erlebte Chatzialexiou in Australien, wie die DFB-Frauen bei der WM dem Desaster noch die Krone aufsetzten. Wie eine Nation mit einem derartigen Reservoir in einer Gruppe an Marokko, Kolumbien und Südkorea scheitern konnte – Nationen, die teilweise über weniger als 1500 Spielerinnen in ihrem Land verfügen oder bis vor Kurzem noch Lichtjahre von professionellen Ansprüchen entfernt waren – das erschließt sich nicht wirklich.
Die Fehler wiederholen sich
Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg schien fast alle Fehler von Flick kopieren zu wollen: Quartier im namenlosen Nirwana, Vorliebe für Akteure von bestimmten Vereinen, Coaching nach dem Zufallsprinzip. Die deutschen Fußballerinnen hatten an einem Donnerstagmorgen ihr historisches WM-Aus beklagt, als Völler mit Neuendorf zu besagtem Termin in Hanau fuhr. Der DFB-Boss sprach dort schnell Voss-Tecklenburg das Vertrauen aus. Seine Botschaft: „Wir müssen Ruhe bewahren.“ Bis zur EM im nächsten Jahr, wo ja automatisch alles wieder gut wird. Ansonsten macht man halt zur Ablenkung eine Reise in die Vergangenheit.
Die Termine der Nationalmannschaft
9./12. September
Testspiele gegen Japan und Frankreich
14./18. Oktober
Testspielreise in die USA mit Partien gegen die USA und Mexiko
21. November
Testspiel in Österreich
14. Juni
Eröffnungsspiel der Heim-EM in München