Fußball-Nationalmannschaft Wie die Wende unter Rudi Völler gelang – und wie es jetzt im DFB-Team weitergeht

Torschütze Thomas Müller feiert mit den deutschen Fans. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat unter Interims-Bundestrainer Rudi Völler das Team aus Frankreich geschlagen. Vieles war deutlich besser als zuletzt. Doch die Aufgabe, die nun wartet, wird nicht minder schwierig wie das Duell mit den Franzosen.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Die Abwehrspieler warfen sich in jeden Ball, der Torhüter Marc-André ter Stegen parierte noch ein paar gefährliche Schüsse der Franzosen, kurz vor dem Abpfiff erzielte Leroy Sané den zweiten deutschen Treffer – und wenig später war er vollbracht: der erfolgreiche Neuanfang unter dem Interims-Bundestrainer Rudi Völler. Und das Publikum in Dortmund dankte es den Nationalspielern und ihrem Anführer auf Zeit mit einem zuletzt so selten erlebten warmen und dankbaren Applaus. 2:1 gegen Frankreich – das tat der geschundenen deutschen Fußballseele sichtbar gut. „Es war“, sagte Thomas Müller, „ein kleiner emotionaler Befreiungsschlag.“ Ter Stegen meinte, der Sieg sei „Balsam für die Seele“. Und der Kurzzeit-Bundestrainer sagte schlicht: „Es tut einfach gut.“

 

Völler, der gemeinsam mit Hannes Wolf (Sportdirektor und Nachwuchstrainer) und Sandro Wagner (Nachwuchscoach) die Verantwortung für dieses eine Spiel übernommen hatte, war nicht ohne Veränderungen gegenüber dem 1:4 gegen Japan in die Partie gegangen. Nico Schlotterbeck, Kai Havertz und der angeschlagene Joshua Kimmich standen nicht in der Startelf, stattdessen durften Benjamin Henrichs (links in der Viererkette), Jonathan Tah (rechts in der Viererkette) und Routinier Thomas Müller (zentrale Spitze) von Beginn an ran. Vor allem Müllers Hereinnahme zeugte vom Versuch, der Mannschaft wieder eine Hierarchie und Struktur geben zu wollen. Doch sie zahlte sich schnell auch sportlich aus.

Nicht einmal dreieinhalb Minuten waren gespielt, da eroberte Ilkay Gündogan einen zunächst verlorenen Ball am eigenen Strafraum zurück. Über mehrere Stationen gelangte die Kugel wieder zum Kapitän der deutschen Mannschaft. Gündogan verlagerte nach links, wo anfangs Henrichs und Serge Gnabry gut harmonierten, dann kam der Ball scharf nach innen – wo Müller entschlossen abschloss. Und traf. 1:0 – und wenn es tatsächlich so etwas wie einen Völler-Effekt geben sollte, dann war dieses Tor ein Ausdruck dafür. Aber nicht nur.

Vor allem die Einstellung zum Spiel, dem ersten nach der Ära Hansi Flick, stimmte. Eine gute Körpersprache zeigten die Spieler vom Start weg, nach Ballverlusten wurde der Gegner schnell attackiert, und das Zusammenwirken zwischen den Mannschaftsteilen funktioniere ebenso. „Wir waren fleißig und haben uns in den richtigen Momenten belohnt“, erklärte Müller. Völler sah „in der ersten halben Stunde eine Topleistung“. Und ter Stegen lobte die Konzentration auf die „Einfachheit“ nach den „kuriosen Tagen“ mit der Flick-Freistellung.

Frankreichs Stars teils auf der Bank

Klar, die Franzosen hatten auf Stars wie Kylian Mbappé, Ousmane Dembelé und Dayot Upamecano in der Startelf verzichtet – dennoch begeisterte der deutsche Auftritt gegen die trotzdem noch stark besetzte Equipe tricolore das Publikum. Nach zuletzt vier Niederlagen in fünf Partien schwappte sogar die La Ola über die Tribünen. Doch so ganz reibungslos ging es nicht weiter.

Nachdem Gündogan nach nur 25 Minuten den Platz angeschlagen verlassen musste – für ihn kam Pascal Groß –, fehlte dem deutschen Spiel sein bis dahin zentrales Element. Und die Franzosen übernahmen mehr und mehr Anteile der Spielkontrolle, zwei Kopfballchancen durch Aurélien Tchouaméni blieben aber ungenutzt.

Das DFB-Team verringerte nach der Pause das Risiko im Spiel nach vorne und stand recht stabil in der zuletzt so anfälligen Defensive. Völlers Worte vor der Partie („Das Wichtigste ist das Abwehrverhalten“) waren gehört worden. Und weil es sein Team schaffte, bis auf den Elfmetertreffer von Antoine Griezmann zum 1:2 (89.) ohne Gegentor zu bleiben, ist Teil eins des Neuanfangs fast genau neun Monaten vor dem EM-Eröffnungsspiel in München (14. Juni) gelungen. Teil zwei wird mindestens genauso schwer.

DFB-Chef Neuendorf schließt nichts aus

Denn nun muss Völler in seiner eigentlichen Funktion als Sportdirektor einen neuen Bundestrainer finden. Am 14. und 18. Oktober stehen schon die nächsten Länderspiele an, die ersten vermeintlichen Kandidaten sind bereits aus dem Rahmen der Möglichkeiten gefallen. Am Dienstag etwa erklärte der Berater von Jürgen Klopp mit Verweis auf dessen Vertrag beim FC Liverpool: „Er steht nicht zur Verfügung.“ Vom FC Bayern kamen dagegen Signale, dass man dem noch in München unter Vertrag stehenden Julian Nagelsmann keine Steine in den Weg legen würde. In den nächsten Tagen werde man das Anforderungsprofil für den Flick-Nachfolger erstellen, kündigte der DFB-Präsident Bernd Neuendorf an und betonte: „Wir schließen keine Optionen aus.“ Auch erstmals ein Bundestrainer aus dem Ausland sei grundsätzlich denkbar.

Immerhin: Seit dem Auftritt am Dienstagabend in Dortmund scheint die Aufgabe, das deutlich verbesserte deutsche Team zur Heim-EM zu führen, wieder ein bisschen reizvoller geworden.

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