Fußball-Oberliga: Calcio Leinfelden-Echterdingen Ein Rückkehrer-Tor und zwei späte Unglücksraben

Aktuell der Mann mit der Maske: Jovan Djermanovic traf bei der Rückkehr an die alte Wirkungsstätte gegen seinen Ex-Verein. Foto: imago/Sportfoto Rudel

Der Aufsteiger Calcio spielt in Reutlingen eine Hälfte lang groß auf – und hadert am Ende mit dem Ergebnis, nur einem 2:2. Warum dabei ein Spieler Grund zur Genugtuung hat und ein anderer deutliche Kritik von seinem Trainer erhält.

Lokalsport : Franz Stettmer (frs)

Die einen ließen sich beim Abpfiff wie vom Blitz getroffen auf den Rasen fallen. Die anderen entschwanden gestikulierend in die Kabine. Allein diese Bilder beantworten dann schon die Frage, ob es vom Empfinden ein gewonnener oder zwei verlorene Punkte waren. Die Tatsache, als Klassenneuling auch an diesem Spieltag wieder Ausrufezeichen gesetzt zu haben, geriet für die Oberliga-Fußballer von Calcio Leinfelden-Echterdingen am Ende zur Nebensache. Was überwog, war die Enttäuschung übers Ergebnis. „Es ist ärgerlich, dass wir uns das nach einer überragenden ersten Halbzeit selbst so kaputt gemacht haben“, sagte der Torjäger Jovan Djermanovic nach dem 2:2 am Mittwochabend bei seinem Ex-Verein SSV Reutlingen. Damit drückte er die allgemeine Stimmung aus.

 

Insgesamt zeigten die Reaktionen auf Gästeseite, wie schnell es in der Branche gehen kann. Nun ja immerhin in vier Partien nacheinander unbesiegt, in der Tabelle als Aufsteiger auf Platz sechs – und dennoch Unzufriedenheit. Sollte bei den Echterdingern je Ehrfurcht vor der in dieser Saison neuen Herausforderung vorhanden gewesen sein, so haben die Beteiligten sie im Haurucktempo abgelegt. „Wir sind definitiv in dieser Liga angekommen“, befand der Sportdirektor Ioannis Tsapakidis, fügte aber ebenfalls ein „Schade“ an. Das kollektive Aber resultiert daraus, dass bei allem bemerkenswerten Auftreten nun halt schon zum wiederholten Mal die Gewissheit blieb: Möglich war eigentlich mehr.

„Klassenunterschied“ in Hälfte eins

Ja, um auf Djermanovics obige Kurzanalyse zurückzukommen: 45 Minuten lang spielte die Calcio-Elf ihren prominenten Gegner an die Wand. Von Beginn an hohes Pressing, mutiger Angriffsmodus. Dazu Pässe, die messerscharf durch die Reutlinger Abwehr schnitten. „Einen Klassenunterschied“ erkannte der Trainer Francesco Di Frisco gar. Ebenso folgerichtig wie hoch verdient war die 2:0-Pausenführung. Nach Jonathan-Martin Swieters 16-Meter-Schlenzer trocken neben den Pfosten (8.) setzte just Djermanovic noch einen drauf. Als sein Kontrahent Onesi Kuengienda an einem Flankenball von Charalampos Parharidis vorbei sprang, hatte der 23-Jährige leichtes Spiel (30.). Inwieweit mit persönlicher Genugtuung, ist dabei im spekulativen Bereich.

Ein Nachkarten verkniff sich Djermanovic hinterher. Grund hätte er als einer von gleich sechs Echterdingern mit Reutlinger Vergangenheit (außerdem Tsapakidis, Di Frisco, Torwarttrainer Jurkovic, Pepic und Visoka) durchaus gehabt, lief es für ihn an seiner vorherigen Stätte zuletzt doch ziemlich bitter, um es vorsichtig zu formulieren. Erst floppte sein Reutlingen-Comeback, weil den dortigen Verantwortlichen ein Antragsfehler unterlief. Die Folge: Djermanovic war für die komplette Rückrunde der vergangenen Saison gesperrt. Dann, als er im aktuellen Spieljahr endlich wieder angreifen wollte, die nächste unliebsame Überraschung: Der Ex-Zweitligist plante nicht mehr mit ihm und seinem Bruder. „Das“, sagt Djermanovic, „war schon sehr, sehr enttäuschend.“ So landete der frühere Junioren-Bundesligakicker des VfB schließlich bei Calcio.

Dort steht der Mann, der aktuell in Folge eines Nasenbeinbruchs mit Maske spielt, bei mittlerweile vier Saisontoren. Und unterm Kreuzeiche-Flutlicht deutete sich in mehreren Szenen an, welch explosives Gespann aus ihm und dem Last-Minute-Rückkehrer Luan Kukic werden kann. Um beide aufbieten zu können, stellte der Coach Di Frisco vom bisher praktizierten 4-2-3-1 auf ein Spielsystem mit zwei Spitzen um.

Warum es letztlich dennoch nicht zum greifbar nahen Auswärtscoup gereicht hat? Erstens, weil der ersatzgeschwächte Gegner mit drei Wechseln zur Pause die Schlagzahl erhöhte. Zweitens, weil der eigene Joker Bleron Visoka mit einem schlampigen Querpass die Großchance zum vorentscheidenden Drei-Tore-Vorsprung verdaddelte. Drittens aber vor allem, weil „wir uns“, wie Di Frisco knurrend anmerkte, „dann zwei Eier selbst eingeschenkt haben“.

Ribeiro und Seemann patzen

Die finalen Unglücksraben hießen Viktor Ribeiro und Philipp Seemann. Der eine, indem er den Ball nicht richtig traf und ihn somit der Reutlinger Offensive servierte. Der andere mit einem unnötigen Foulspiel an der Strafraumgrenze, das spät zum Elfmeter führte. Cedric Guarino und Kuengienda nahmen für die Gastgeber vor gut 1000 Zuschauern dankend an (70./87.).

Vor allem für Seemann eine Tragik, hatte der Youngster doch auch schon vor zweieinhalb Wochen im Spiel in Zuzenhausen kurz vor Schluss verhängnisvoll gepatzt. Beim dortigen 1:1 hatte er einen Freistoß verursacht, der noch den Ausgleich bescherte. Unterschied dieses Mal: Diesmal konnte er auf keine Milde seiner Vorgesetzten bauen. „Zwei Aktionen, die uns vier Punkte gekostet haben“, rechnete Di Frisco schmallippig vor. Zusatz: „Wenn man in dieser Liga spielt, zählt nicht Jung oder Alt, sondern nur, ob man etwas gut macht oder schlecht.“ Tsapakidis derweil gab eine Empfehlung mit: „Aus so etwas muss er nun schnell lernen.“

Am besten schon bis Sonntag. Dann steht für Calcio gegen den FC Nöttingen gleich die nächste Aufgabe an. Dann wieder im kleinen heimischen Rahmen – und nicht in einem Ambiente, neben welchem der Sportpark Goldäcker wie eine Playmobil-Version wirkt. Als die letzten Echterdinger immer noch hadernd vom Rasen trotteten, war im 15 000-Plätze-Stadionklotz an der Kreuzeiche bereits gespenstische Leere.

Calcio-„Spieler des Spiels“

Jonathan-Martin Swieter. Gewohnt lauf- und zweikampfstark, Antreiber im Calcio-Spiel – und dazu diesmal auch noch Führungstorschütze. Der 28-Jährige setzte sein aktuelles Formhoch fort. (Nominierungen: 1)

SSV Reutlingen: Hozlinger – Antonio (46. Walz), Puseljic, Plattenhardt, Schiffel – Guarino, Toth – Breuninger (46. Dierberger), Adrovic (46. Wally), Kuengienda – Meixner (88. Röhm).

Calcio Leinfelden-Echterdingen: Otto – Todorovic, Zagaria, Parharidis, Ribeiro (75. Zweigle) – Ferati – Swieter, Pepic (73. Seemann), Varese (46. Visoka) – Kukic (63. Werner), Djermanovic (89. Leonidis).

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