Fußball-Oberliga: Calcio Leinfelden-Echterdingen Fliegt Calcio der Kader um die Ohren?

Bereits sicher: Der Abwehrchef Denis Zagaria gibt am Sonntag seine Abschiedsvorstellung bei Calcio. Foto: Archiv Baumann

Vor dem Alles-oder-nichts-Spiel am Sonntag gegen den FC Zuzenhausen rumort es bei den Echterdingern. Viele Spieler wollen den Verein verlassen, drei stehen bereits als Abgänge fest. Derweil kursieren für den Trainerposten die ersten Kandidatennamen.

Lokalsport : Franz Stettmer (frs)

Der Mann ist ein Schaffer. Und er ist Optimist. Beides kann in der aktuellen Situation höchst hilfreich sein. Jedenfalls hat der Sportdirektor Ioannis Tsapakidis die Hoffnung auf „entspannte und ruhige Weihnachten“ noch nicht aufgegeben, dem Problemberg, der sich beim Fußball-Oberligisten Calcio Leinfelden-Echterdingen im Jahresendspurt in allmählich gefühlter Mount-Everest-Größe auftürmt, zum Trotz.

 

Wo soll man anfangen? Sportlich ist es so, dass der Filderclub an diesem Sonntag (14 Uhr) bereits zur Saisonhalbzeit vor einem Alles-oder-nichts-Spiel steht. Zuhause gegen den Mitaufsteiger FC Zuzenhausen hilft nur noch ein Sieg, um eine realistische Chance auf den Klassenverbleib zu wahren – bleischwer wiegt dabei die Hypothek von zuletzt acht Niederlagen in Serie. Eine aktuelle weitere bedeutete tief im Tabellenkeller schon jetzt praktisch das Aus. Und personell lautet die Mammutaufgabe: Die Echterdinger brauchen ein neues Trainerteam, ein neues Präsidium, einen neuen Spielleiter – und, die Anzeichen dafür verdichten sich, wohl auch viele neue Spieler. Denn, plakativ formuliert: Ihr bisheriger Kader droht ihnen um die Ohren zu fliegen.

„Es gibt zurzeit viele Spieler, die unzufrieden sind“, räumt Tsapakidis ein. Deutlich mehr als jene ungefähre Handvoll, wie jeder Verein sie immer hat, weil halt zwangsläufig die einen mehr Einsatzzeiten haben und andere weniger. Ein Mannschaftsinsider spricht von „acht bis zwölf Mann, die weg wollen“. Bereits sicher sind drei Abgänge, vor allem jener des Abwehrchefs Denis Zagaria. Der Ex-Kickers-Profi, der erst im vergangenen Winter gekommen ist, orientiert sich beruflich bedingt um. Er wechselt zum Enz/Murr-A-Kreisligisten TSV Grünbühl, nachdem ihm die dortigen Verantwortlichen eine Ausbildungsstelle in der Krankenversicherungsbranche vermittelt haben. Eine Perspektiventscheidung für den weiteren Lebensweg, bei der sich Zagaria über eines gleichwohl wundert: „Etwas überrascht hat mich, dass man mich bei Calcio offenbar auch gar nicht unbedingt halten wollte.“ Umstimmungsversuch habe es nach seiner Bitte um Vertragsauflösung keinen gegeben.

Ebenso fix ist der Ausstieg von Denis Werner nach nur vier Calcio-Monaten sowie des Langzeitverletzten Markus Obernosterer. Und auch bei Daniele Cardinale, Lukas Zweigle und Stefan Todorovic könnte es auf einen Schlussstrich hinauslaufen. Weitere Namen sind in der Schwebe, wobei Tsapakidis zwar betont: „Fast alle haben laufende ligaunabhängige Verträge. Keiner kann den Verein also einfach so verlassen.“ Zugleich weiß aber natürlich auch er, dass es zwecks Teamharmonie und Schlagkraft auf Dauer wenig Sinn machen würde, Akteure aufzuhalten, die nicht mehr mit dem Herzen bei der Sache sind. Bevorstehen dürfte mithin in der Tat ein großes Kommen und Gehen mitten in der Saison, das so auf keinem Planzettel stand.

Klärung der Trainerfrage mit höchster Priorität

Ein Problem dabei im Problem: Unklar ist weiterhin, wer künftig als Trainer die Kommandos gibt. Und so lange dies gilt, wird es schwer, neue Kicker anzuwerben. Wer wechselt schon zu einem Verein, bei dem er nicht weiß, wer sein Chef sein wird? Folglich hat die „Lösung dieser Baustelle“, wie Tsapakidis es nennt, „nun höchste Priorität“. Vollzug melden wollen die Echterdinger innerhalb der nächsten beiden Wochen. Stichwort „entspannte Weihnachten“. Siehe oben.

Aktuell fungieren Tsapakidis selbst sowie Marijo Marinovic wie berichtet ein letztes Mal als Interimscoaches. Ihre bisherige Ausbeute: vier Spiele, null Punkte, jedoch auch mit Pech des Spielplans, der zuletzt just in dieser Phase überwiegend Hochkaräter-Gegner bescherte.

Osipidis und Greco auf der Kandidatenliste

Als Nachfolgekandidaten werden unter anderen zwei einstige Tsapakidis-Weggefährten gehandelt: Pavlos Osipidis (34, zuletzt beim Staffelrivalen TSG Backnang entlassen) und Giuseppe Greco (44, momentan TSV Schornbach, zuvor SV Fellbach). Ein weiterer Name wabert hartnäckig: Francesco Di Frisco – so sehr dieser eine aberwitzig anmutende Volte darstellte. Jener Mann, der nach acht Calcio-Amtsjahren vor viereinhalb Wochen erst die Brocken hingeworfen hat. Gemunkelt wird im Echterdinger Umfeld, Di Frisco wäre zumindest unter gewissen Umständen einem schnellen Comeback nicht abgeneigt. Die Voraussetzung: unter einer anderen sportlichen Leitung als bisher.

Das gleichzeitig kursierende Gerücht, dass er selbst vor dem Abpfiff im Verein stehen könnte, verortet Tsapakidis freilich im Märchen- und Fabelreich. „Wenn ich merken würde, dass ich das Vertrauen nicht mehr habe, würde ich den Weg frei machen“, sagt er. Doch dafür erkenne er keine Anzeichen.

Postenneubesetzungen auch auf der Funktionärsebene soll es dennoch geben. Der Grund: Auch die bislang mit Spielleiter-Aufgaben betrauten Giovanni Di Gregorio und Boris Bistrovic sind fortan raus. Erstgenannter, zudem Stadionsprecher, gibt zeitlich bedingt am Wochenende seinen Ausstand. Derweil ist der Präsidentenjob, der seit dem Rücktritt von Franjo Biberovic vakant war, inzwischen wieder belegt. Einer hat sich bis auf Weiteres zur Übernahme bereit erklärt: Tsapakidis.

Jener ist damit aktuell: Präsident, Sportdirektor, Teammanager, Trainer und bei den Spielen auch noch Kassierer. Eine erstaunliche Aufgabenfülle, deren Machtfülle sich aber durch die speziellen Calcio-Gegebenheiten relativiert. Posten hin, Posten her: Das entscheidende Wort hat bei den Echterdingern in allen Angelegenheiten unverändert nur einer – Propizio Sirignano, der Mann im Hintergrund, Geldgeber und Gründer des Vereins.

Ob auch er sich nach ruhigen, entspannten Weihnachten sehnt? Man darf es annehmen. Inwieweit es trotz aller derzeitigen Probleme noch so kommen kann, hängt vom nun bis dato wichtigsten Saisonspiel ab, der letzten Begegnung 2024 am Sonntag mit dem Tabellennachbarn Zuzenhausen.

Im schlechteren Fall könnte gelten: keine stille Nacht, sondern das nächste große Beben bei Calcio.

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