Fußball-Oberliga: Calcio Leinfelden-Echterdingen „Nicht nur filigran, auch Gras fressen“

Innocenzo Di Frisco (links) und Achim Kiesel sind in Sachen Klassenverbleib zuversichtlich. Foto: Günter Bergmann

Interview: Der stellvertretende Vorsitzende Innocenzo Di Frisco und der neue Sportliche Leiter Achim Kiesel sprechen über die Neustrukturierung und den Plan zum Klassenverbleib beim Fußball-Oberligisten Calcio Leinfelden-Echterdingen.

In der vergangenen Woche trennte sich der abstiegsgefährdete Oberligist Calcio Leinfelden-Echterdingen von seinem Sportlichen Leiter Ioannis Tsapakidis. Die Führungsriege wurde neu aufgestellt und überraschenderweise kehrt nun auch Francesco Di Frisco, der im November sein Amt niederlegte, als Trainer zurück. Der stellvertretende Vorsitzende Innocenzo „Nuccio“ Di Frisco und der neue Sportliche Leiter Achim Kiesel – ein alter Bekannter bei den Italo-Schwaben – sind sich sicher, mit diesen Schritten die Weichen zum Klassenverbleib gestellt zu haben, wie sie im Gespräch verraten.

 

Herr Di Frisco, Herr Kiesel, was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe, warum Calcio im Tabellenkeller steht?

Innocenzo Di Frisco: Am Anfang haben wir durch Leichtsinn, vielleicht aber auch fehlende Erfahrung sehr viele Punkte verloren. Wir haben sehr gute Spiele gemacht, auch gegen den Tabellenführer Großaspach hätten wir einen Punkten holen können, wenn uns der Schiedsrichter ein reguläres Tor nicht abgepfiffen hätte. Mit den Misserfolgen ging auch die Moral verloren. Wir haben uns auch deshalb in der Führungsebene neu aufgestellt, um den Jungs wieder beizubringen, dass wir wieder als Team zusammenwachsen müssen. Das Fußballspielen braucht man ihnen nicht zu zeigen, sie können durchaus in der Oberliga bestehen.

Achim Kiesel: Ich sehe das ähnlich. Nach schwächerem Start haben die Jungs gut in die Liga gefunden und haben dann irgendwie den Faden verloren. Die Stimmung war natürlich nach Niederlagen nicht die beste. Jedoch verliert und gewinnt man als Team. Ich sehe es als meine Hauptaufgabe an, die Stimmung irgendwie hochzuhalten, egal wie die Spiele ausgehen. Nur mit einer guten Moral kommen wir raus aus dem Tabellenkeller. Jedoch muss man mit den Spielern behutsam umgehen. Bei den vielen Einzelgesprächen habe ich mitbekommen, dass so mancher ganz schön sensibel ist. Dies gilt es zu beachten.

Bei der aktuellen Konstellation beträgt der Rückstand zum rettenden Ufer sieben Zähler bei noch 14 ausstehenden Spielen. Wie groß ist der Glaube an den Klassenverbleib?

Di Frisco: Sehr groß, wenn es uns gelingt, eine Serie zu starten. Das heißt, aus den ersten drei Spielen gegen Oberachern, Bissingen und Reutlingen mindestens sieben Punkte zu ergattern.

Kiesel: Für mich ist das Spiel gegen Oberaschern immens wichtig. Das habe ich der Mannschaft auch zum Trainingsauftakt gesagt. Da müssen wir buchstäblich Gras fressen und als Team auftreten. Wir dürfen nicht nur filigran auftreten, sondern müssen den Gegnern in den Zweikämpfen auch mal wehtun. Nur so können wir es schaffen.

Nun heißt der Trainer wieder Francesco Di Frisco. Jener Francesco Di Frisco, der Ende November hingeschmissen hat. Warum ist er nun der richtige Mann?

Di Frisco: Er hat es verdient, schließlich hat er mit dem Aufstieg den größten Erfolg in der 51-jährigen Geschichte von Calcio geschafft. Wir glauben an ihn, er hat auch schon mehrere kritische Situationen erfolgreich gemeistert.

Kiesel: Ich kenne die Qualitäten von Francesco Di Frisco, weiß, dass der Verein seine Herzensangelegenheit ist und er sich in den kommenden fünf Monaten voll reinknien wird. Es waren zwar noch zwei Kandidaten in der Verlosung, doch viele Spieler haben in Gesprächen zu mir gesagt, sie wollen es noch mal mit Francesco probieren.

Nun sind Sie, Herr Di Frisco, als stellvertretender Vorsitzender der Onkel von Francesco, sein Vater Gioacchino der Vorstand des Clubs. Das Ganze sieht nach Vetterleswirtschaft aus.

Di Frisco: Keinesfalls. Beim Trainingsauftakt habe ich den Spielern ausdrücklich zu verstehen gegeben, dass mein Neffe keinen Freifahrschein hat, er genauso Leistung bringen muss und an den Ergebnissen gemessen wird. Wir wissen aber was er kann, das hat er in seinen fast acht Jahren als Trainer ja bewiesen.

Kiesel: Dem kann ich auch nur zustimmen. Ich bin auf Francesco gekommen, nachdem sich viele Spieler positiv bei meinen Einzelgesprächen über ihn geäußert haben und sich vorstellen konnten, erneut mit ihm zu arbeiten. Sein Vorteil ist zudem, dass er die Jungs kennt, es also keine Kennenlernphase zwischen Mannschaft und Trainer braucht. Er kann durchstarten.

Rein von den Namen her ist die Mannschaft sicherlich oberliga-tauglich. Freilich, den Beweis ist sie bislang auf dem Platz schuldig geblieben. Nun ist in Denis Zagaria auch noch ein Führungsspieler gegangen. Vor der Winterpause, hieß es, es werden noch weitere Abgänge von Leistungsträgern folgen. Wie ist der Stand der Dinge?

Kiesel: Ich kenne das Geschäft von der Pike auf und es ist klar, dass zur Winterpause immer mal wieder Einer unzufrieden ist. Die Mannschaft hat das Niveau, um um Platz vier bis zehn in der Oberliga zu spielen. Der Kader ist breit und qualitativ gut, da ist es klar, dass nicht jeder zum Zug kommt, so wie er sich das erhofft hat, und unzufrieden ist. Dass auch ein Ali Ferati mehr Einsatzzeiten fordert, weil er weniger spielt als zuvor in Fellbach, ist normal. Auch die Jungen, zum Beispiel David Micko und Tassos Leonidis, die sich mehr ausgerechnet haben und viel Talent mitbringen, sollten auch so viel Ehrgeiz haben und demütig sein, dass, wenn sie mal nicht spielen, sie sich aber dennoch durchbeißen wollen. Also Unzufriedene gibt es im Kader, aber wie gesagt, zu diesem Zeitpunkt ist das normal.

Konkret, sind Spieler bereits weg?

Kiesel: Wechselwillige gibt es, aber konkret ist noch nichts.

Und Torhüter Maximilian Otto. Er wurde ligaintern zum besten Torhüter gewählt. Das weckt bei anderen Clubs Interesse?

Kiesel: Klar hatte er Angebote, unter anderem von unserem Konkurrenten VfR Aalen. Ich habe mich lange mit Ottos Berater Hans-Georg Felder ausgetauscht und ihm verständlich gemacht, dass ein ligainterner Wechsel, zumal es in Aalen ja auch nicht läuft wie gewünscht, auch nicht erstrebenswert ist. Zudem hat Maxi bei uns einen Vertrag bis 2026 und auf seine Dienste können wir im Abstiegskampf nicht verzichten. Er ist eine Schlüsselfigur in unserem Spiel.

Apropos Schlüsselfigur. Wo will Calcio noch nachlegen?

Di Frisco: Wir wollen auf jeden Fall noch etwas in der Innenverteidigung machen. Da ist Handlungsbedarf, schließlich waren 44 Gegentore aus 20 Spielen definitiv zu viel.

Doch in der Winterpause sind Neuverpflichtungen auch immer ein Frage des Geldes. Gibt der Etat noch einen Top-Mann her?

Kiesel: Das Zeitfenster geht bis 31. Januar, da ergibt sich sicherlich noch etwas. Die Verpflichtung muss natürlich im finanziellen Rahmen liegen und uns sofort weiterbringen. Wenn wir solch einen Akteur nicht finden, vertrauen wir lieber auf die aktuelle Gruppe und versuchen es über Emotionalität, über Intensität, über Kameradschaft. Weil damit holst du aus meiner Erfahrung auch Punkte.

Di Frisco: Aktuell haben wir einen Spieler aus der zweiten bosnischen Liga, ohne seinen Namen zu nennen, im Auge und hoffen, dass das einer ist, der uns weiterbringen wird. Fix ist aber noch nichts.

Kommen wir zur Trennung von Sportdirektor Ioannis Tsapakidis, der laut eigener Aussage monatlich etwa 120 Stunden mit Calcio beschäftigt war. Ein Grund sei wohl gewesen, dass sich der Verein neu aufstellen wollte, warum?

Di Frisco: Ioannis Tsapakidis hat hier über zwei Jahre gute Arbeit geleistet, war aber als Mädchen für alles unterwegs. Das wollen wir nun ändern. Aus bislang drei engagierten Personen werden nun mindestens zehn, sodass sich die Arbeit von 120 Stunden auf mehreren Schultern verteilt wird und jeder auf sein Tätigkeitsfeld konzentrieren kann. Dementsprechend wollen wir uns auch regelmäßig mehrmals pro Monat treffen und austauschen.

Kiesel: Die Umstrukturierung war auch deshalb nötig, weil sich verdiente Sponsoren allmählich zurückziehen.

Nun ist eine Umstrukturierung oder Neuausrichtung ein Ansatz, es müssen aber Taten folgen. Mit welchen weiteren Ideen wollt Ihr die Mannschaft motivieren beziehungsweise positiv auf sie einwirken?

Di Frisco: Wir haben mit unserem ehemaligen Kapitän Josip Pranjic ein Bindeglied zwischen Mannschaft und sportlicher Leitung als Koordinator geschaltet, der die Spieler bestens kennt und sie in der Kabine motivieren kann. Das andere Bonbon ist das viertägige Trainingslager im Februar in Kroatien, das über Sponsoren abgedeckt ist. Wir werden zudem durch verschiedene Feiern in der Kabine versuchen, die Stimmung zu erhöhen. Wir sehen den Tabellenplatz, wie gesagt nicht als Qualitätsproblem, vielmehr als mentale Sache. So wollen wir den Knoten lösen und über eine Serie das Ding noch drehen. Ich bin davon überzeugt, dass wir es noch schaffen.

Herr Kiesel, Sie kehren nun zum dritten Mal zu Calcio zurück. Was ist dieses Mal anders?

Kiesel: Damals mit Trainer Erich Schmeil und dann mit Sascha Gavranovic war ich meist als Alleinunterhalter unterwegs. Nun kann ich mich voll und ganz auf meine Arbeit als Sportlicher Leiter konzentrieren und den Bereich Marketing vorantreiben.

Und wenn es nichts wird mit dem Klassenverbleib?

Di Frisco: Dann geht die Welt auch nicht unter und wir können dennoch mit Stolz auf das blicken, was wir in der Vergangenheit als kleiner Verein geleistet haben.

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