Vom Kracherduell zum Krisenduell – so können sich die Vorzeichen ändern. Gerade einmal sechs Monate ist es her, dass sich Calcio Leinfelden-Echterdingen und der SV Fellbach einen packenden 3:3-Fight um den Direktaufstieg lieferten. Nun, an diesem Sonntag (Sportpark Goldäcker, 14.30 Uhr), kommt es eine Spielklasse höher, in der Oberliga, für die beiden Lokalrivalen erstmals zum Wiedersehen, und die Brisanz könnte erneut kaum größer sein. Der Unterschied: Diesmal richten sich die Blicke auf die andere Seite des Klassements. Die Fragen sind: Wem gelingt im Tabellenkeller der Befreiungsschlag? Wer durchbricht seinen aktuellen Negativlauf?
Dass es in der jeweiligen Liganeulingsrolle in dieser Saison kein Zuckerschlecken werden würde, hatten sie sowohl in den Goldäckern als auch am Kappelberg geahnt. Die vergangenen Wochen stellten dann aber doch eine Ernüchterung dar. Für Calcio ist es nach dem teils noch beeindruckenden 2:2 vom sechsten Spieltag in Reutlingen wie abgeschnitten. Aus den folgenden acht Spielen haben die Echterdinger nur noch vier magere von 24 möglichen Zählern geholt. Und die Fellbacher? Für die kam es zuletzt mit drei Schlappen bei 1:17 Toren knüppeldick.
Insofern sieht nicht nur der Calcio-Sportdirektor Ioannis Tsapakidis in der anstehenden Begegnung mit seinem Ex-Verein „eine enorme Bedeutung“, fürs eigene Team noch mehr als für den Gegner. Für die Italo-Schwaben geht es auch um den Betriebsfrieden. Ein weiterer Rückschlag wäre nur schwer zu verdauen, konterkarierte ein solcher die eigentlichen Voraussetzungen doch noch ein Stück mehr. Hüben die Echterdinger, die nach dem Aufstieg in einen gewachsenen Kader investiert haben. Ein Ensemble vieler bereits höherklassig erfahrener Kräfte, aus dem in Joao Victor Schick (zum 1. FC Normannia Gmünd) nur ein Leistungsträger verloren ging. Drüben die Fellbacher, denen in Folge der finanziellen Turbulenzen um ihren Hauptsponsor Wohninvest das nahezu komplette Meisterteam weggebrochen ist. Lange war unklar, ob der Kontrahent sein Startrecht überhaupt wahr nehmen würde. Unterwegs ist er unter seinem Coach Tomislav Zoric nun mit einer Art Jugend-forscht-Projekt, sprich mit einem kurzfristig komplett neu zusammengepuzzelten Greenhorn-Aufgebot.
Tsapakidis’ Meinung zu seinem Ex-Verein
Umso erstaunlicher, um nicht zu sagen peinlich, dass dieses bislang mehr Punkte als Calcio eingefahren hat. „Von der individuellen Qualität sind wir besser aufgestellt. Aber das allein zählt halt nicht“, sagt Tsapakidis, der vor Rundenbeginn keinen Hehl daraus gemacht hatte, dass er an der Klassentauglichkeit seines Vorgängervereins zweifelte. Kritisch sieht er nach wie vor die Verhaltensweise der Verantwortlichen. Es habe ihm „ein bisschen weh getan, zu sehen, wie Spieler dort behandelt worden sind“. Spieler, die Tsapakidis noch zu seiner Fellbach-Zeit geholt hatte, die sich dann aber in diesem Sommer in alle Himmelsrichtungen zerstreuten, weil sie ihr Verein im Schwebezustand ließ. Mittlerweile konstatiert er aber auch: „Beeindruckend, wie die nach dem 100-Prozent-Umbruch und in der Kürze der Zeit eine neue Einheit hingekriegt haben.“ An eben jener sowie einer klar erkennbaren Linie fehlt es auf der eigenen Seite bislang. Was Spielsystem, Positionsbesetzungen und Personalauswahl betrifft, scheinen die Echterdinger nach wie vor in einer Findungsphase. „Fellbach gönne ich alles Gute“, sagt Tsapakidis, „was mich wurmt, ist unser bisheriges Abschneiden.“
Den internen Druck hatte der Sportchef deshalb schon vor dem jüngsten 0:1 in Pforzheim erhöht, bei dem die Formkurve immerhin nach oben ging. Aktuell bekräftigt er: „Bis zur Winterpause werden wir ganz genau hinschauen, wer für den Verein alles gibt.“ Eine Mannschaft auf Bewährung, Trainer inklusive. „Auch sie brauchen jetzt ein Erfolgserlebnis“, sagt Tsapakidis.
Wahrscheinlich, dass über die Jahreswende zumindest vom kickenden Personal der ein oder andere gehen muss. Für einen Daniele Cardinale etwa, im Formtief und beruflich bedingt nur eingeschränkt im Training, blieb zuletzt schon kein Platz mehr im Aufgebot. Und im Angriffszentrum hat er seit der Blitzrückkehr des letztjährigen Torschützenkönigs Luan Kukic eh schlechte Karten, auch wenn Letzterer gerade gegen eine Torflaute sowie einen Mangel an Fortune anzukämpfen hat. Sowohl er als auch Calcio insgesamt sind seit knapp 300 Punkspielminuten ohne Treffer. Wer hätte es gedacht, galt doch gerade die Offensive stets als Prunkstück des Filderclubs.
Ferati fällt wohl aus
Zwei andere Akteure dürften wie Tsapakidis am Sonntag besonders brennen. Auch der Kapitän Charalampos Parharidis und Claudio Paterno haben eine Fellbacher Vergangenheit – während der vierte Ex-Kappelbergstädter, Ali Ferati, mit einer Zerrung wohl ausfällt.
Beim erwähnten 3:3 vom Mai hat Ferati noch für den Gegner aufgedreht. Tempi passati. Nun drückt er für Calcio die Daumen. Auch dahingehend, dass das Krisenduell nicht zum einschneidenden Killerduell wird – in puncto Echterdinger Stimmung.