Fußball-Oberliga: Calcio Warum ist die Saison so schief gegangen? Sieben Gründe fürs Scheitern

Zumindest an ihm lag es nicht. Tasos Leonidis (rechts) schnürte zum Abschluss sogar einen Toredreierpack. Viele andere enttäuschten in dieser Saison. Foto: Archiv/Günter Bergmann

Trotz Dreifachtorschütze: Die Echterdinger verabschieden sich mit einer 3:6-Niederlage und einem Saison-Negativrekord aus der Liga. Beigetragen haben dazu verschiedene Faktoren.

Lokalsport : Franz Stettmer (frs)

Das war’s dann also mit dem Abenteuer Fußball-Oberliga. Und wenn es für den Aufsteiger und nun Direktwiederabsteiger Calcio Leinfelden-Echterdingen ein zur missratenen Saison passendes Ende geben konnte, dann dieses: Bei der 3:6-Niederlage am Samstag in Hollenbach brachten die Gäste lediglich noch ein 13-Spieler-Aufgebot zusammen, darunter drei Torhüter und in Alessandro Pagano ein eigentlicher Zweite-Mannschaft-Kicker. Auch der Trainer Francesco Di Frisco fehlte. Er weilte auf einer Hochzeit in Gelsenkirchen.

 

„Die Mannschaft hat bei sengender Hitze Charakter gezeigt, aber ohne Einwechselspieler ging dann halt irgendwann nichts mehr“, sagt der sportliche Leiter Achim Kiesel. So wie in der Runde insgesamt irgendwann nichts mehr ging. Die Frage, die sich nun in der Nachbetrachtung stellt, ist: warum eigentlich? Weshalb ist dieses Echterdinger Spieljahr so schief gegangen? Eine Ursachenforschung – mit sieben Gründen.

1.) Die Transferbilanz

Wunschgemäß hätte auf dem Transfermarkt anders ausgesehen – das hatten die Echterdinger Verantwortlichen von vornherein gewusst. So toll der Aufstieg über die Relegation war, so sehr erwies sich die damit spät geklärte Klassenzugehörigkeit bei der Kaderplanung als Handicap. Aber dass die Bilanz derart mau ausfallen würde?

Sommer- und Winterperiode zusammengezählt, hat Calcio 18 neue Spieler geholt. Als Topleistungsträger hat nur einer von ihnen eingeschlagen, der Torhüter Maximilian Otto. Hinzu kommt als Rückrunden-Gewinner der Youngster Tasos Leonidis. Der vom Staffelrivalen 1. CfR Pforzheim umworbene 20-Jährige schnürte zum aktuellen Ausklang sogar einen Toredreierpack. Alle anderen? Die ernüchternde Erkenntnis muss lauten: mehr Masse als Klasse. Mehr Schein als Sein, wie etwa im Fall der Ex-Profis Yilmaz Daler und Stefan Todorovic. Sechs der 18 sind sogar bereits wieder weg, ausgestiegen respektive aussortiert schon während der Saison.

2.) Die Abgänge

Ja, vom Aufstiegskader gingen nur drei Stammspieler verloren. Deren Demission wog allerdings schwerer als gedacht. Für die Flügelzange mit Joao Victor Schick und Mikail Arslan fand sich im Kader bis jetzt kein adäquater Ersatz – vor allem nicht in puncto Tempospiel und Durchsetzungsfähigkeit im Eins-gegen-Eins. Auch, weil sich der eigentlich für die linke Seite vorgesehene Salvatore Varese überwiegend auf der Verletztenliste einreihte.

Der dritte renommierte Aussteiger, der Abwehroldie Josip Pranjic, ist zwar fußballerisch in die Jahre gekommen, hinterließ in den Bereichen Abgezocktheit und Routine aber ebenfalls eine Lücke. Damit direkt zu Punkt drei.

3.) Die Kaderstruktur

Wer sind eigentlich die Führungsspieler bei Calcio, wie sie eine Mannschaft braucht? Die Saison hat in kritischen Situationen gezeigt: viel zu wenige. Im Prinzip waren es nur deren zwei: der Kapitän Charalampos Parharidis und der Abwehrchef Denis Zagaria. Der stieg dann allerdings in der Winterpause beruflich bedingt aus.

Andere von Alter und sportlicher Vita her denkbare Kandidaten wie ein Nedim Pepic oder Lukas Zweigle liefen zu lang der eigenen Form hinterher. Damit zu Punkt vier.

4.) Das Formtief vermeintlicher Leistungsträger

An dieser Stelle sind zuvorderst zwei Spieler zu nennen: eben Pepic sowie der Torjäger Luan Kukic. Groß war das Echterdinger Hurra, als der letztjährige Verbandsliga-Schützenkönig nach einem sommerlichen Ravensburg-Kurzgastspiel schnell wieder als Rückkehrer vor der Haustür stand. Nicht minder groß ist mittlerweile allerdings die beidseitige Enttäuschung. Hat Kukic das Knipsen verlernt? Ist die Oberliga vielleicht doch eine Preisklasse zu hoch?

Zur Wahrheit gehört auch, dass es dem Angreifer zum einen häufig an tauglichen Vorlagen mangelte – siehe fehlende Flügelzange. Und zum anderen, dass ihn der Coach Di Frisco teils positionsfremd auf der linken Außenbahn einsetzte. Damit zu Punkt fünf.

5.) Die vielen Umstellungen

Klar, es war mitunter notgedrungen. Urlauber, Verletzte oder Kranke ließen keine andere Wahl. Doch alles in allem wirkte es auch nach 30 Spieltagen noch so, dass da ein Verein ein der Findungs- und Experimentierphase steckt. Das Trainerteam versuchte viel, probierte dies und probierte das. Mal Viererabwehrkette, mal Fünferabwehrkette. Mal ein Sechser, mal zwei Sechser. Mal ein Stürmer, mal zwei Stürmer. Mal der eine Spieler hier, dann wieder dort. Ein Daler etwa tauchte auf gar fünf verschiedenen Positionen auf. Zum Einsatz kamen 16 (!) unterschiedliche Innenverteidigungen. Und: nur zweimal hatte Calcio an zwei aufeinanderfolgenden Spieltagen dieselbe Startelf.

Ein stabiles Gefüge mit stabilem Fahrplan konnte sich somit nicht entwickeln.

6.) Die verpasste Trainerchance

Di Friscos Verdienste um den Verein sind unstrittig. Achteinhalb Jahre im Amt, Aufstiegstrainer. Als er jedoch im November ob eines zunehmend kriselnden Verhältnisses zum damaligen Sportdirektor Ioannis Tsapakidis die Brocken hinwarf, verpassten die Echterdinger eine Chance – nämlich die, für frischen Input von außerhalb zu sorgen. Keiner kann sagen, ob mit einem anderen Coach noch die Wende im Tabellenkeller gelungen wäre, aber es wäre zumindest einen Versuch wert gewesen.

Stattdessen öffnete Calcio die Tür für Di Frisco zum Januar-Comeback. Interne familiäre Bande wirkten stärker als der Mut zu einem Neuanfang. Beiseite schoben die Verantwortlichen die rasante Ergebnis-Talfahrt schon der Hinrunde. Die von wo auch immer erhoffte Initialzündung blieb somit aus.

7.) Die Konkurrenz

Freilich, eines sollte man bei aller kritischen Betrachtung nicht vergessen: Calcio war als Klassenneuling unterwegs. Calcio hatte mit geschätzten 150 000 Euro einen der niedrigsten Etats. Und: die Echterdinger hatten es mit Gegnern zu tun, bei denen manch einer nah an der Grenze zum Halbprofitum in ganz anderen Sphären schwebt. Insofern darf man dann schon auch mal verlieren. Nicht von ungefähr steigen nun alle vier Aufsteiger sogleich wieder ab, außer Calcio auch Fellbach, Zuzenhausen und Villingen II.

Was definitiv schmerzt: der Filderclub tut es als schlechtestes württembergisches Team in der 47-jährigen Geschichte der Staffel. Nur 18 Punkte – damit unterbietet er den bisherigen Negativrekord des SSV Reutlingen und des 1. FC Normannia Gmünd (1982/83 und 2018/2019, jeweils 19).

Die Statistik zum Spiel in Hollenbach

FSV Hollenbach
Lang – Breuninger (46. Schappes), Minder (77. Scherer), Faßbinder, Nzuzi (77. Krieger), Schiek, Henning (46. Hofmann), Specht, Mütsch, Dörr (55. Knapp), Beslic.

Calcio Leinfelden-Echterdingen
Günther – Kuchler, Peric, Spahiu, Unger, Zweigle – Pagano, Daler, Kajan, Cardinale – Leonidis.

Tore
0:1 Leonidis (21.), 0:2 Leonidis (26.), 1:2 Dörr (29.), 2:2 Minder (37.), 2:3 Leonidis (40.), 3:3 Knapp (68.), 4:3 Beslic (74.), 5:3 Hofmann (77.), 6:3 Faßbinder (90.)

Besonderes
Lang (Hollenbach) wehrt Foulelfmeter von Leonidis ab (39.)

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