Kushtrim Lushtaku arbeitet als Trainer des SGV Freiberg bisher sehr erfolgreich. Foto: Baumann
Sechs Spiele, sechs Siege. Mit einem völlig neuformierten Team mischt der SGV Freiberg die Regionalliga auf. Wo liegt das Erfolgsgeheimnis? Wird diesmal die Drittligalizenz beantragt?
Aris Malaj ist einer der vielen Spieler, bei denen der SGV Freiberg einen extrem guten Riecher hatte. Für den pfeilschnellen Rechtsaußen mit der Pferdelunge hatte beim SV Sandhausen nach der Zeit bei der U19 keiner mehr eine Verwendung. Über eine Kontaktperson lud der SGV ihn zum Probetraining ein, der 19-Jährige überzeugte – und der Fußball-Regionalligist verpflichtete ihn vor dieser Saison. Nach nicht einmal sechs Wochen war er aber schon wieder weg. Bei einem Vorbereitungsspiel gegen den FC Augsburg II glänzte Malaj dermaßen, dass ihn der Bundesligist aus dem Vertrag beim SGV herauskaufte und das Talent mit einem Dreijahresvertrag ausstattete. Nach Informationen unserer Redaktion floss eine Ablösesumme in Höhe von 80 000 Euro.
20 Ab- und 21 Zugänge
Malaj war der 20. Freiberger Abgang vor dem Punktspielstart in dieser Saison. Dem stehen 21 Neuzugänge gegenüber. In solchen Fällen extrem hoher Fluktuation dauert es im Normalfall ein paar Tage länger, bis ein homogenes Team auf dem Platz steht, bis ein Rädchen ins andere greift und eine Mannschaft eingespielt ist. Der SGV stellt diese These vor dem Heimspiel am Samstag (14 Uhr) gegen den Tabellenvorletzten Bahlinger SC ad absurdum. Trainer Kushtrim Lushtaku ist es gelungen, mit einer fast komplett neuen Mannschaft die Liga aufzumischen: Sechs Spiele, sechs Siege, 18:3 Tore – natürlich Platz eins. Auch Mario Estasi reibt sich verwundert die Augen: „Dass es bisher so überragend läuft, konnte keiner ahnen“, sagt der Sportliche Leiter.
Ob es irgendein Erfolgsrezept gibt? Lushtaku antwortet ganz trocken: „Unser Rezept heißt harte Arbeit.“ Man habe ganz einfach gute Verpflichtungen getätigt, Spieler mit viel Qualität, alle Positionen seien doppelt besetzt. „Wer liefert, der spielt“, betont Lushtaku. Als Cheftrainer gibt er seit der vergangenen Winterpause die Kommandos, als Nachfolger von Roland Seitz, der zum Ligarivalen FC 08 Homburg weiterzog. Als zweitbeste Rückrundenmannschaft führte Lushtaku den SGV am Ende der Saison 2024/25 auf Platz drei.
„Opfer unseres eigenen Erfolgs“
Vor der Saison hatte der 35-Jährige mit den Wurzeln im Kosovo erstmals selbst den Hut auf bei den Verpflichtungen. „Das ist jetzt erstmals seine Mannschaft. Wobei wir ja sogar Opfer unseres eigenen Erfolgs wurden“, sagt Estasi. Nicht nur Malaj nahm eine neue, lukrativere Herausforderung an, auch Stammkräfte wie Yannick Osee, Niklas Tarnat (beide SV Sandhausen), Armend Quenaj, Michael Gelt, Hilal El-Helwe (alle zu ihrem Ex-Coach Seitz nach Homburg), Linus Weik (Schalke 04 II) oder Luca Stellwagen (Kickers Offenbach) gingen. Zudem wechselte der bisherige Abwehrchef David Pisot in die Rolle des Co-Trainers.
Der wichtigste Mann blieb jedoch: der zentrale Mittelfeldstratege Marco Kehl-Gomez. Der 33-jährige Kapitän ist der unumstrittene Boss – auf und neben dem Spielfeld.
„Ich habe mir sehr viele Gedanken mit Blick auf die Kaderplanung gemacht“, versichert Lushtaku. Mehr Schnelligkeit wollte er im Team. Diese Eigenschaft, die sich nicht lernen lässt, bringt etwa Marius Köhl (bisher SG Barockstadt Fulda-Lehnerz) mit. Der Flügelflitzer ist einer der Neuzugänge, der voll einschlug. Erarbeiten konnte Lushtaku dagegen ein höheres Fitnesslevel, zudem stieg er sehr früh in die Taktikschulung ein.
Karlo Kuranyi spielt für Freiberg und Panama. Foto: Baumann
Auch zwei ehemalige Spieler des VfB Stuttgart II kamen hinzu: Mittelfeldmann Lukas Laupheimer und Stürmer Karlo Kuranyi, der nach dem Spiel an diesem Samstag für mindestens vier Wochen fehlen wird. Er nimmt für Panama an der U-20-WM in Chile teil. Dass es der Club ernst meint in dieser Saison, zeigen auch die vier Nachverpflichtungen: Henrick Selitaj (1. Göppinger SV), Paul Polauke (SF Siegen), Julian Kudala (SSV Ulm 1846) und Meghon Valpoort (RW Erfurt) kamen kurz vor Schließung des Transferfensters. Estasti: „Es hat sich vor allem bei talentierten Spielern herumgesprochen, dass Freiberg ein optimales Sprungbrett sein kann.“
„Dritte Liga hätte uns überrollt“
Bleibt die Frage aller Fragen, die sich nicht nur die Fans von Ligarivale Stuttgarter Kickers stellen: Wird der SGV im Gegensatz zu den vergangenen beiden Jahren diesmal eine Lizenz für die dritte Liga beantragen? „Wir sind erst am sechsten Spieltag und bleiben demütig. In den vergangenen Jahren war der Verein noch nicht so weit. Die dritte Liga hätte uns überrollt und kaputt gemacht. Jetzt aber würde man alles tun, damit die Mannschaft im Fall der Fälle auch belohnt wird“, sagt Estasi. „Wir bleiben alle auf dem Boden. Aber die Jungs wissen, dass diesmal alles in die Wege geleitet werden würde“, ergänzt Lushtaku.
Dies deckt sich mit den Aussagen von Präsident Emir Cerkez, der mit seinem Unternehmen Refa Dachbau einen nicht unbeträchtlichen Teil des rund 1,2 Millionen Euro hohen Etats aufbringt. Kernproblem wäre die Heimspielstätte. Denn klar ist: im heimischen Wasenstadion wären keine Drittligaspiele denkbar.
Heilbronner Frankenstadion am ehesten denkbar
Selbst in der Regionalliga kann dort nur mit einer Ausnahmegenehmigung gespielt werden. Die wahrscheinliche Ausweichspielstätte wäre das Heilbronner Frankenstadion. Dort würde das Fassungsvermögen (17 284 Plätze, davon 2784 Sitzplätze) passen, auch die infrastrukturellen Grundvoraussetzungen wären gegeben. Doch das sind längst nicht alle Hürden, die der Verein nehmen müsste.
Aris Malaj wirbelte nur kurz für Freiberg. Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler
Der Anforderungskatalog des für die dritte Liga zuständigen Deutschen Fußballbundes (DFB) ist um ein Vielfaches umfangreicher, als der für die Regionalliga. Was das wirtschaftliche Zulassungsverfahren betrifft, ist in der vierten Liga lediglich eine Bankkaution in Höhe von 50 000 Euro nötig. Clubs der dritten Liga, deren Gesamterträge zu 80 Prozent oder mehr für Personalaufwendungen im Spielbetrieb verwendet werden, müssen eine zusätzliche Liquiditätsreserve in Höhe von einer Million Euro hinterlegen.
Bei den technisch-organisatorischen Voraussetzungen wird hundertprozentige Hauptamtlichkeit gefordert, zum Beispiel bei Ämtern wie Sicherheits- und Fanbeauftragter oder Pressesprecher. Eine Geschäftsstelle muss von Montag bis Freitag ganztags erreichbar sein. Alles Dinge, mit denen der SGV nach aktuellem Stand mächtig zu kämpfen hätte, weshalb sich der Verein mit dem Traum vom Drittliga-Aufstieg auf dünnem Eis befindet.