Die Funktionäre des Fußball-Bezirks Böblingen/Calw wehren sich gegen die Strukturreform im Verband.

Der Fußballbezirk Böblingen/Calw macht mobil – gegen den Verband, gegen die beschlossene Strukturreform und damit gegen die Zerschlagung in zwei Jahren. Weil die Zahl der Bezirke im Verbandsgebiet von 16 auf 12 reduziert wird, sollen die Vereine des Kreises Böblingen ab der Saison 2024/25 mit Stuttgart zusammengehen, die Calwer mit dem Bezirk Nördlicher Schwarzwald. Der Bezirk Enz-Murr mit den Vereinen aus dem Altkreis Leonberg bleibt unangetastet. „Noch“, sagt der Bezirksvorsitzende Ingo Ernst. „Ich bin überzeugt davon, dass wir wegen der sinkenden Zahl an Mannschaften irgendwann auf das Modell mit drei Landesligen und nur noch neun Bezirken kommen werden.“

 

Ärger über den Beschluss

„Wir fühlen uns über den Tisch gezogen“, bringt Stefan Wiesner aus Holzgerlingen, Hallenreferent im Bezirk Böblingen/Calw, das immer größer werdende Unbehagen der Vereine auf den Punkt. Nicht nur der mit großer Mehrheit zustande gekommene Beschluss stößt ihm und seinen Mitstreitern im Bezirk sauer auf, „auch die Art und Weise, wie mit uns umgegangen wird“.

Zusammen mit Albrecht Liebenstein (Holzgerlingen, Staffelleiter), Michael Rathgeb (Altdorf, Staffelleiter), Rudi Zeeb (Aidlingen, stellvertretender Bezirksjugendleiter) und Dennis Schreiber (Gärtringen, Jugendspielleiter), alle zum Teil seit vielen Jahren Mitarbeiter im noch bestehenden Fußballbezirk Böblingen/Calw, hat er sich in einer eindringlichen Mail an die Kreisvereine und ihre Funktionäre gewandt. Tenor: „Gemeinsam kämpfen – für unseren Bezirk!“

Gründe, sich für das Bestehende und Bewährte einzusetzen, werden gleich eine ganze Reihe mitgeliefert, sollten die Böblinger künftig in Stuttgart kicken müssen. „Vereine werden in Kreisligen gedrängt, schwache Vereine bleiben auf der Strecke, Spieler werden zu größeren Vereinen wechseln“, so Wiesner. Seine Befürchtung: „Sonntags kommen keine Zuschauer mehr auf die Sportplätze, da niemand die Vereine aus Stuttgart sehen will. Auch werden keine Zuschauer mit zu den Auswärtsspielen nach Stuttgart fahren.“ Ergo: „Die Vereine verdienen bei ihren Heimspielen nichts mehr.“ Nicht nur Böblingen/Calw soll aufgeteilt werden, auch die Bezirke Neckar/Fils und Hohenlohe stimmten gegen die beschlossene Neueinteilung. „Mit beiden sind wir in engem Kontakt“, so Wiesner, für den klar ist, „dass hier zwei Bezirke geopfert werden sollen, um drei andere zu retten, dafür hätte es auch andere Lösungen gegeben“.

Rücktrittsdrohung von Staffelleitern

Roland Ungericht, Bezirksvorsitzender Böblingen/Calw, unterrichtete den Verband davon, dass dringend Gesprächsbedarf besteht. „Der Bezirksjugendausschuss und einige Staffelleiter treten sofort zurück, sollte dieses Gespräch nicht stattfinden“, machte Wiesner seiner Entschlossenheit Luft. Um dem Ganzen noch mehr Nachdruck zu verleihen, wurde auch daran gedacht, das zweite und dritte Punktspiel in der Kreisliga A und der Bezirksliga zu boykottieren. „Das heißt“, erklärt Wiesner, „alle Mannschaften treffen sich zwar auf dem Sportplatz, es wird aber nicht gespielt, sondern es gibt eine kleine Demonstration.“ Und noch ein mögliches Druckmittel gibt er den Vereinen an die Hand. „Alle sollten einen Antrag zum Bezirkswechsel noch in diesem Jahr stellen.“

Diesbezügliche Überlegungen gibt es bereits bei vielen Vereinen – und zwar in fast alle Himmelsrichtungen. Für die Klubs im nördlichen Kreisgebiet ist ein Wechsel in den Bezirk Enz-Murr eine Option. Nicht für Ingo Ernst: „Es gibt klare Bezirksgrenzen. Das würde ich jederzeit ablehnen.“ Der Bezirkschef kann die Aufregung der Vereine beim Nachbarn zwar verstehen, hält aber nichts von Drohungen und Protest. „Das war ein Prozess, der über fünf, sechs Jahre gelaufen ist. Die Vereine hatten die Möglichkeit, sich zu beteiligen. Im Ergebnis gab es eine klare Mehrheit. Deshalb finde ich es unmöglich, einen demokratischen Prozess so zu unterlaufen.“

Bezirksvorsitzender sieht Spielbetrieb gefährdet

Zu einem ersten Termin hat sich der Böblinger Bezirkschef Roland Ungericht (Rotfelden) auf der Geschäftsstelle des Württembergischen Fußballverbandes bereits eingefunden. Dort skizzierte er die Folgen, falls Bezirksmitarbeiter und Vereinsfunktionäre ihre Ämter niederlegen sollten: „Es geht da nicht nur um die Hallenrunde, es geht um den kompletten Spielbetrieb der Jugend und teilweise auch der Aktiven. Andere Mitarbeiter werden diese Aufgaben nicht übernehmen, sollte es tatsächlich zu einer Rücktrittswelle kommen.“ Ein Szenario, das offenbar zum Einlenken bewegte. „Stuttgart will jetzt ebenfalls eine Mail an die Vereine und uns Bezirksmitarbeiter schreiben, außerdem wird es möglicherweise doch schneller als gedacht zu einem Treffen mit Vertretern des Verbandes kommen“, lässt Wiesner durchblicken.

Erste Konsequenz daraus für ihn und seine Funktionärskollegen: „Von einem Boykott der Punktspiele wollen wir erst mal absehen und die weitere Entwicklung abwarten.“ Womit aber nicht gesagt ist, dass diese massive Form des Protests damit endgültig vom Tisch ist, als vielleicht letztes Faustpfand soll sie weiter im Spiel gehalten werden. Womit klar ist: Den Verantwortlichen im Bezirk ist es tatsächlich ernst, auch wenn ihr Aufbegehren möglicherweise zu spät kommt.