Fußball-Traditionsclub ist am Ende Rainer Adrion ist erschüttert über das Aus von 07 Ludwigsburg

Von Jürgen Frey 

Die Mitglieder der SpVgg 07 Ludwigsburg haben das Aus des Vereins beschlossen – ehemalige Größen des traditionsreichen Fußballclubs wie Rainer Adrion reagieren geschockt auf die Verschmelzung mit der MTV Ludwigsburg. Ein kleiner Überblick.

Fußball in den Liga-Niederungen: Die SpVgg Ludwigsburg schlug in der Bezirksliga Enz-Murr am 17. März den TV Aldingen mit 3:1 – SpVgg-Torhüter Maximilian Hübsch  ist vor dem Aldinger Patrick Hübner am Ball. Foto: Baumann
Fußball in den Liga-Niederungen: Die SpVgg Ludwigsburg schlug in der Bezirksliga Enz-Murr am 17. März den TV Aldingen mit 3:1 – SpVgg-Torhüter Maximilian Hübsch ist vor dem Aldinger Patrick Hübner am Ball. Foto: Baumann

Ludwigsburg - 250 000 Euro Schulden waren zu viel. Die Mitglieder der SpVgg 07 Ludwigsburg haben vor einer guten Woche das Aus des Vereins beschlossen und der Verschmelzung mit dem MTV Ludwigsburg zugestimmt. Unter diesem Namen will der traditionsreiche Fußballclub in der neuen Saison in der Bezirksliga antreten. Vier ehemalige Fußballgrößen sind darüber betroffen. Rainer Adrion: „Dass dieser Traditionsverein von der Bildfläche verschwindet, ist sehr bedauerlich. Das tut richtig weh“, sagt der 65-Jährige. Als Spieler gelang ihm an der Seite des späteren Gladbach-Profis Frank Schäffer 1974 der WFV-Pokal-Sieg mit 07. Als Trainer führte er die Schwarz-Gelben ins Finale der deutschen Amateurmeisterschaft 1991 gegen Werder Bremen (1:2). „Da waren 4500 Zuschauer im Jahnstadion“, erinnert sich der Ex-VfB-Profi. Der Kontakt zu 07 riss nie ab. 2004 übernahm Adrion als Vorstand Sport Verantwortung. „Es wurde von Jahr zu Jahr schwieriger, das Team zu finanzieren“, sagt Rainer Adrion. Einnahmen zu generieren, fiel immer schwerer. „Ludwigsburg hat viele Vereine, und die Stadt setzt ihre Prioritäten lieber in den Bereichen Basketball und Tanzen.“ Clubs aus Nachbarorten wie SGV Freiberg oder FSV 08 Bissingen zogen vorbei, schafften den Sprung in die Oberliga und konnten Spielern aus der Region bessere Angebote unterbreiten. Der Absturz sei während seiner Amtszeit nicht aufzuhalten gewesen. Auf eines legt der frühere Trainer der U-21-Nationalmannschaft aber wert. „Die Finanzen waren zu meiner Zeit geordnet, die Infrastruktur wurde verbessert.“ Rainer Widmayer: Fünf Jahre spielte der aktuelle Co-Trainer des Bundesligisten Hertha BSC in den 1990er Jahren für 07 – mit Teamkollegen wie Bernd Klaus, Dennis Mödinger oder Martin Deutsch. „Die Fans waren immer der Hammer“, fällt Widmayer als Erstes ein. Die Glanzzeiten hängen für ihn mit einem Namen zusammen: Kurt Knecht. Der 2018 im Alter von 84 Jahren verstorbene Ehrenbürger der Stadt Ludwigsburg habe den Verein lange Zeit am Leben gehalten. Der Architekt war Mäzen, machte aber nicht nur selbst den Geldbeutel auf, sondern verfügte über glänzende Kontakte zur Kommunalpolitik und zu Unternehmen. „Er unterstützte uns aber nicht nur finanziell, er förderte auch wie kein anderer den Zusammenhalt in der Mannschaft“, erinnert sich Widmayer. Auch bei Nachbarvereinen wie dem FC Marbach in Person von Karl Reinhard und den TSF Ditzingen (Eberhard Ruf) begann der Absturz, als Macher nicht mehr zur Verfügung standen. Dass es 07 künftig aber gar nicht mehr gibt, ist für den künftigen VfB-Co-Trainer „ein Unding“. Von außen sei das zwar leicht gesagt, „aber den traditionsreichen Vereinsnamen hätte man erhalten müssen“, findet der 51-Jährige. Obwohl er sein Geld im Profifußball verdient, hofft er, dass dem Amateurfußball nicht vollends die Luft ausgeht: „Es wird zu viel Sport im TV gezeigt, Fußball hautnah geht verloren. Ich hoffe, es findet ein Umdenken statt und es wird wieder stärker ein Herz für die Kleinen gezeigt.“ Günther Schuh: „Ich bin fassungslos. Als mir Timo die Nachricht geschickt hat, war ich baff“, sagt der 78-Jährige. Der Vater von Nationalspieler Timo Werner hat die großen Zeiten bei 07 eingeleitet. Er schoss die Spielvereinigung 1971 mit zwei Toren im Entscheidungsspiel in Rastatt gegen den SV Waldhof zum Aufstieg in die Regionalliga Süd. In er damals zweithöchsten Spielklasse hielt sich 07 zwei Jahre. „Gegen 1860 München, den 1. FC Nürnberg, den KSC und den VfR Heilbronn war das Stadion mit 15 000 Zuschauern ausverkauft“, erinnert sich Schuh, der mit Sturmpartner Wolfgang Holoch nach dem Aufstieg zu den Kickers gewechselt war. „Jahr für Jahr ist es weniger geworden, Ludwigsburg ist einfach keine Fußballstadt“, lautet die Einschätzung von Schuh. Tomislav Maric: Für den späteren Bundesliga-Profi (VfL Wolfsburg, Borussia Mönchengladbach) und Kickers-Stürmer war 07 die erste Station nach seiner Jugendzeit beim VfR Heilbronn. „Ich finde es jammerschade, dass die Geschichte zu Ende ist und dieser Traditionsverein ausgelöscht wird“, sagt der 46-Jährige. „Das war ein toller Club mit einer familiären Atmosphäre, wir haben uns 1994 für die Regionalliga qualifiziert.“ Maric ist seit seiner letzten Trainerstation beim slowakischen Erstligisten DAC Dunajska Streda ohne Job. Er lebt wieder in seiner Geburtsstadt Heilbronn. Den Niedergang des dortigen VfR hat er hautnah miterlebt. Eine Parallele zu 07. Ex-Zweitligist VfR wurde 2003 zum FC Heilbronn (Fusion mit Heilbronner SpVgg) und dann 2012 zum FC Union Heilbronn (Fusion mit Union Böckingen). Vor Beginn dieser Saison hoben Traditionalisten wieder den VfR aus der Taufe, gründeten den VfR 96-18 und starteten den Neuanfang in der Kreisliga B. Maric findet’s gut: „Vielleicht geschieht in Ludwigsburg mit etwas Abstand Vergleichbares, möglicherweise ausgehend vom Fan-Club Brigade Schwarz-Gelb.“ Einer Fusion steht er nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber: „Wenn gut und professionell gearbeitet wird und sich der sportliche Erfolg einstellt, kann es dadurch wieder nach oben gehen.“ Das hoffen sie auch in Ludwigsburg, ist aber für traditionsbewusste 07er ein schwacher Trost.