Noch bis Freitagmittag hat der Transfermarkt im Profifußball geöffnet. Gerade ganz am Ende passieren häufig die verrücktesten Dinge.

Stuttgart - Ausschließen will Michael Reschke nichts. Warum auch? Gerade zum Ende der Transferfrist ergeben sich Optionen, ereignen sich Szenarien, kommen Varianten ins Spiel, die auch einen  erfahrenen Kaderplaner noch einmal nachdenken lassen. „Situationen können sich sehr schnell ändern, auch wenn man eine Strategie verfolgt und seine Hausaufgaben eigentlich erledigt hat“, sagt der Mann, der bei Bayer Leverkusen seit zehn Jahren die Transferpolitik steuert. Der 56-Jährige weiß: „Am Ende kann noch eine Lösung herauskommen, die man gar nicht auf dem Zettel hatte. Speziell große Transfers in England lösen oft diesen Dominoeffekt aus.“ Und siehe da: am Mittwoch soll der FC Arsenal ein Angebot für den Schalker Julian Draxler in Höhe von rund 30 Millionen Euro abgegeben haben. Allerdings liegt die festgeschriebene Ablösesumme für den 20-Jährigen bei 45 Millionen.

 

Der Donnerstag, der Freitag, da sollte man sich besser nicht viel vornehmen. Bei den Managern, die sich vor hektischen Anrufen kaum retten können. Bei den Agenten, die sich für heikle Fälle gerne schnell noch eine Geheimnummer zulegen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Christian Heidel im Geschäft, der Manager des FSV Mainz erinnert sich noch gut, als die Geschäftsstelle von Faxen geflutet wurde. Diese Zeiten seien heute glücklicherweise vorbei. „Das meiste läuft heute über E-Mails oder SMS“, sagt Heidel.

Täglich werden bis zu 80 Spieler angeboten

Am Anfang des Monats waren es rund 20 täglich, nun ist die Tendenz stark steigend. „Gerade aus dem Ausland bekommt man sehr viel angeboten“, erzählt Thomas Eichin, der Managernovize vom SV Werder Bremen, „das sind pro Tag 50 bis 80 Spieler, das ist unglaublich.“ Und selbst der Zweitliga-Sportdirektor Uwe Stöver vom FSV Frankfurt berichtet: „In dieser Zeit rufen täglich zehn bis 20 Berater an. Dazu kommen bis zu 80 E-Mails.“ Einer wie Heidel öffnet viele E-Mails schon gar nicht mehr: „Wenn mir wieder fünf Innenverteidiger angeboten werden, obwohl ich keine suche, lese ich das gar nicht mehr.“

Seit 2003/2004 gibt es die Transferperiode II, die vom 1. bis zum 31. Januar den Clubs ein zweites Mal erlaubt, Spieler zu verpflichten. Davon macht die Bundesliga rege Gebrauch. Im Durchschnitt leisteten sich die 18 Erstligisten in dieser Phase 36 Zugänge bei gleichzeitig 50 Abgängen. Es ging also vielerorts eher darum, den Kader zu verkleinern statt vergrößern. Doch im letzten Jahrzehnt gab die Liga unter dem Strich doch mehr Geld aus, als sie einnahm.

Bei Choupo-Moting streikte das Faxgerät

Das Interesse am Wechselfieber nimmt ständig zu. An diesen Tagen verzeichnet die Plattform transfermarkt.de rund 1,5 Millionen Besucher am Tag, die sich auf dem Laufenden halten wollen. Denn je näher das Fristende rückt, desto mehr Bewegung kommt noch in den Markt. Offen einsehbar auf der Transferliste. Dieses Tool, das auf der offiziellen Bundesliga-Homepage einen Überblick verschafft, ist für jeden transparent. Nur wer hier bis Freitag, 12 Uhr, gelistet ist, kann wechseln. Bis um 18 Uhr nimmt die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die Transferunterlagen entgegen. Entweder im Original, als Fax oder als E-Mail. Beinahe legendär ist ja schon jene Episode, in der vor drei Jahren der Wechsel des heutigen Mainzers Eric-Maxim Choupo-Moting vom HSV zum 1. FC Köln nicht zustande kam, weil bei Choupo-Moting das Faxgerät streikte. Erst um 18.11 Uhr trafen die Unterlagen ein. Zu spät.

Jeder Transfer produziert 25 Seiten Papier

„Die Fristen müssen eingehalten werden“, sagt Andreas Nagel, der sich wie jedes Jahr auf einen arbeitsreichen 31. Januar eingestellt hat. Als DFL-Direktor Spielbetrieb gehen seit mehr als zehn Jahren die Unterlagen über seinen Schreibtisch. Neben dem Mustervertrag hat ein Spieler mehrere Erklärungen zu unterschreiben; nicht zeitkritisch sind am letzten Tag allein die Sporttauglichkeitsuntersuchung und die Spielervermittlervereinbarung.  Jeder Transfer produziert mindestens 25 Seiten Papier – die Umstellung aufs elektronische Archiv befindet sich erst in Vorbereitung.

Internationale Transfers können bis um Mitternacht abgewickelt, sie laufen über die von der Fifa eingeführte online-basierte Applikation TMS („Transfer Matching System“), an die 6000 Clubs  in 209 Ländern angeschlossen sind. Und übrigens auch 6000 Spielervermittler.