Fußball-Verbandsliga: Calcio Stunde null nach dem Scherbenhaufen
Die Echterdinger vor dem Ligastart: Warum es zum ganz großen Cut gekommen ist, welche Wunschtransfers gescheitert sind und wo der Verein personell noch nachlegen will.
Die Echterdinger vor dem Ligastart: Warum es zum ganz großen Cut gekommen ist, welche Wunschtransfers gescheitert sind und wo der Verein personell noch nachlegen will.
Eines ist dann schon mal vor dem Anpfiff der neuen Punkteserie geklärt. Bei Pizza, Kaltgetränken und unter kollektivem Grölen ergab sich in dieser Woche ein eindeutiges Ergebnis. Wer in der Mannschaft von Calcio Leinfelden-Echterdingen der beste Sänger ist? „Ganz klar Maximilian Kuchler“, sagt ein lachender Trainer Francesco Di Frisco nach dem obligatorischen Einstandsritual. Wie gehabt hatten alle Neuzugänge vor den Teamkollegen ein Ständchen zu geben, zudem auch noch Kuchler als Nachzügler vom Winter.
Nun, von Sonntag an, muss sich anderes zeigen: Der Stimmen-Gaudi folgt der Fußball-Ernst. Und wohl noch selten hat man beim Filderclub mit größeren Fragezeichen auf eine Saison vorausgeschaut als dieses Mal. Der Grund: Nach dem zuletzt bitteren Lehr- und Desasterjahr in der Oberliga mitsamt sang- und klanglosem sofortigen Wiederabstieg hat der Verein die Uhren auf null gestellt. Die Schlagworte lauten: Komplettumbruch, Neuanfang. Mehrere Wochen lang habe man intern „analysiert und überlegt“, wie der künftige Weg aussehen soll, sagt Di Frisco. Schließlich sei man zu der Erkenntnis gelangt: „Es braucht einen großen Cut.“ Sportlich, aber auch finanziell bedingt.
In beiderlei Hinsicht hat die vergangene Runde Spuren hinterlassen, um nicht zu sagen: Scherben, die es jetzt zusammenzukehren gilt. Wer 26 von 34 Spielen verliert, bei dem ist die Laune zwangsläufig irgendwann im Keller. Aber nicht nur das. „Neben dadurch entstandenen Kopfschmerzen hat uns dieses eine Jahr auch viel Geld gekostet“, weiß Di Frisco, der mittlerweile zudem Teammanager-Aufgaben übernommen hat. Rückblickend ist somit nicht nur für ihn das zunächst vermeintliche Traumkapitel Oberliga zum wohl noch länger nachwirkenden Problemthema gewandelt. Sein Fazit: „Das hat bei uns mehr kaputt gemacht als geholfen.“ Aktuell haben die Echterdinger ihren Etat notgedrungen auf etwa die Hälfte vom Bisherigen zurückgeschraubt. Altlasten sind geblieben. Die einstigen Zeiten, als sich Calcio den Ruf des mit Geldscheinen wedelnden Krösus erarbeitete, scheinen fürs Erste vollends vorbei.
Personell sagt es derweil viel aus, dass von jenem Team, das vor 14 Monaten mit dem Aufstieg den größten Erfolg der eigenen Vereinsgeschichte feierte, gerade mal noch drei Spieler übrig sind (Bozatziolou, Zweigle, Seemann). Alle anderen: weg – entweder aussortiert oder nicht zu halten. Aktuell stehen 15 Namen unter der Rubrik Abgänge. Zumindest mit drei von ihnen hätte Di Frisco „sehr gern weitergemacht“, namentlich Charalampos Parharidis, Bleron Visoka und der Youngster Tasos Leonidis. Aber auch der Torhüter Maximilian Otto dürfte nicht leicht gleichwertig zu ersetzen sein.
Demgegenüber steht zwar eine fast identisch lange Liste mit 16 Einsteigern – entsprechend ausgiebig geriet der Gesangsprogrammpunkt am Mittwochabend. Doch sind die Ausrufezeichen-Transfers heuer eher dünn gesät. In den Routiniers Pero Mamic und Dan Constantinescu stechen lediglich zwei Spieler heraus. Beide bringen Oberliga-Erfahrung mit. Und beide sollen auf dem Spielfeld Führungsrollen übernehmen: der aus Bissingen verpflichtete Zwei-Meter-Mann Mamic als Allzweckwaffe mit positionstechnisch vielseitiger Einsetzbarkeit, der bisherige Reutlinger Constantinescu bevorzugt im defensiven Mittelfeld. Zusammen mit dem zum Kapitän beförderten Jovan Djermanovic und dem Youngster Philipp Seemann sieht Di Frisco in ihnen „die Leader“ in einem Ensemble, dessen Durchschnittsalter bei vergleichsweise jugendlichen 24 Jahren liegt.
Zwei andere, denen Gleiches zugedacht war, fallen noch für mehrere Wochen aus. Durch das Verletzungspech von Lukas Zweigle (Haarriss im Fuß) und Julian Unger (Knocheneinblutung) tut sich vor allem in der Innenverteidigung gerade eine Baustelle auf. Für weitere Positionen halten die Echterdinger die Augen noch offen. Bei allem Sparzwang – für die Sechs sowie den Angriff gäbe das Budget laut Di Frisco noch einen Nachschlag her. Mal schauen, was geht. Ob mehr als bei vorherigen Wunschkandidaten. Eine Rückholaktion der Ex-Leistungsträger Denis Zagaria (hatte schon beim Staffelrivalen Heilbronn unterschrieben), Joao Victor Schick (nun Oberliga in Pforzheim) und Mikail Arslan (nun erste Liga in Luxemburg) hat sich zerschlagen. Auch der Tübinger Torjäger Tim Steinhilber entschied sich anders (nun Holzhausen).
Ansonsten, mit dem Vorhandenen, ist viel Bastelarbeit gefragt. Die Aufgabe: aus den reichlich neuen Puzzleteilen eine wieder schlagartige Einheit formen. „Qualitativ haben wir verloren“, gibt sich Di Frisco keinen Illusionen hin. Zugleich hat die Saisonvorbereitungsphase für ihn aber auch schon eine „sehr erfreuliche Erfahrung“ gebracht: Charakterlich passe es perfekt. Stimmung top, Kameradschaft top. Das ist schon mal ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zu zuletzt.
Abzuwarten bleibt freilich der Einflussfaktor „Spielergebnisse“. Auftaktgegner ist am Sonntag (Goldäcker, 15 Uhr) im Vorjahresdritten TSV Oberensingen gleich einer der Mitfavoriten. Was insgesamt herausspringen kann und soll? Da halten die Echterdinger den Ball lieber flach. Als Ziel nennt Di Frisco, der selbst in seine zehnte (!) Calcio-Saison geht, einen einstelligen Tabellenplatz. „Wir wollen jetzt ein, zwei Jahre in Ruhe etwas Neues entwickeln“, sagt der Coach.
Weniger stimmlich – obgleich es laut Di Frisco auch da noch Verbesserungspotenzial gibt. Neben dem „Caruso“ Kuchler habe manch ein anderer „eher einen Stock im Arsch“ gehabt. Vor allem aber mannschaftlich und fußballerisch.
Zugänge
Pero Mamic (FSV 08 Bietigheim-Bissingen), Georgios Kaligiannidis (FV Neuhausen), Matino Schlotterbeck (VfR Aalen), Patrik Seemann (SV Spielberg), Andrei-Lucian Ulici, Casian-Matei Ulici (beide TSV Heimerdingen), Enes Isik (TSG Balingen II), Sangar Aziz, Zacharias Velvelidis (beide TSV Weilimdorf), Nick Olteanu, Dan Constantinescu, Qlirim Zekaj (alle Young Boys Reutlingen), Gustavo Vieira (SV Westerhausen), Alessandro Pagano (eigene zweite Mannschaft), Isaiah Pharell Thompson, Davide Vittorio (beide Junioren SG Sonnenhof Großaspach)
Abgänge
Charalampos Parharidis (TSG Backnang), Maximilian Otto (VfR Aalen), Salvatore Varese (Young Boys Reutlingen), Nedim Pepic (SSV Reutlingen), Yilmaz Daler, Luan Kukic (beide FV Ravensburg), Adin Kajan (TSV Neu-Ulm), Tasos Leonidis (FC Nöttingen), Adrian Körtge Corral (SV Böblingen), David Micko (FC Esslingen), Renato Peric (GSV Maichingen), Bleron Visoka (FV Vorwärts Faurndau), Viktor Ribeiro (VfL Kirchheim), Daniele Cardinale (FSV Waiblingen), Rigon Spahiu (erste Liga Nordmazedonien), Jonathan-Martin Swieter (verletzungsbedingte Pause).
Trainer
Francesco Di Frisco (seit Januar 2017).
Saisonziel
ein einstelliger Tabellenplatz (Platzierung in der vergangenen Saison: 17. Oberliga).
Meistertipp
Young Boys Reutlingen, FC Holzhausen, TSV Oberensingen.
Aufstieg
Der Meister steigt in die Oberliga auf. Der Vizemeister hat die Chance, es ihm in einer Extraschicht nachzutun: Er bestreitet Aufstiegsspiele gegen den Gewinner des Duells zwischen dem südbadischen und dem nordbadischen Verbandsliga-Zweiten. Die Spieltermine für Hin- und Rückspiel: 13. und 21. Juni.