Fußball-Verbandsliga Klassenneuling setzt auf den Ekel-Faktor
Unter den bisher zehn Neuzugängen des Aufsteigers TSV Weilimdorf ragt vor dem Saisonstart am Samstag einer heraus. Bei der Zielsetzung tanzt der Trainer Manuel Fischer aus der Reihe.
Unter den bisher zehn Neuzugängen des Aufsteigers TSV Weilimdorf ragt vor dem Saisonstart am Samstag einer heraus. Bei der Zielsetzung tanzt der Trainer Manuel Fischer aus der Reihe.
Zum Einstieg eine kleine Preisfrage: Wann hat eigentlich letztmals eine Mannschaft aus Stuttgart in der Fußball-Verbandsliga gespielt? Der Trainer Manuel Fischer kapituliert mit einer Gegenfrage: „War ich da überhaupt schon auf der Welt?“
Nun ja, ganz so krass dann doch nicht. Aber zur Beantwortung bedarf es in der Tat eines Langzeitgedächtnisses, einer besser frühen Geburt – oder eines guten Archivs. 23 Jahre ist es her, Saison 2001/2002. Damaliger Vertreter: der FV Zuffenhausen, ehe dieser als Tabellenletzter die Segel strich. Seitdem: Ebbe und Flaute. Und allein damit lässt sich das aktuell bevorstehende Revival von der Bedeutung gut einordnen.
Fischer und seine Kicker des TSV Weilimdorf sind dann mal da. Mit „großer Vorfreude“, wie alle Verantwortlichen betonen, fiebern sie der Premiere ihres Vereins in Württembergs höchster Spielklasse entgegen. Das Heimspiel am Samstag (15.30 Uhr) gegen den Oberliga-Absteiger SV Fellbach eröffnet ein neues Kapitel in der Club-Historie an der Giebelstraße, bei dem es wirkt, als müsste sich manch einer immer noch kneifen, um sich zu vergewissern, dass das alles Wirklichkeit ist und nicht bloß ein Traum. „Vor einem guten Jahrzehnt waren wir noch in der Kreisliga A“, erinnert sich der sportliche Leiter Michael Bachmann und fügt an: „Hätte mir jemand gesagt, dass wir einmal da sein würden, wo wir jetzt sind, hätte ich das nicht für möglich gehalten.“
Doch erstens kommt es bekanntlich anders, und zweitens als man denkt. Vor allem seit Fischers Amtseinstieg anno 2023 ging es steil bergauf, mit dem Gewinn des Landesliga-Meistertitels in der vergangenen Saison als Höhepunkt. Nun sagt der Coach einerseits: „Wir sollten unsere neue Aufgabe mit Demut angehen – wir wissen, wo wir herkommen.“ Andererseits ist insbesondere er, der Ex-Profi und einstige VfB-Mann, für seinen Ehrgeiz bekannt. Am Ende der Entwicklung sieht er die Seinen noch lange nicht. Und dabei sollen auch die unverändert vergleichsweise bescheidenen Rahmenbedingungen kein Hindernis sein.
Schon in der Stunde des Aufstiegsjubels war Bachmanns Devise gestanden: „Auch künftig keine verrückten Sachen.“ Gesagt, getan. Die Weilimdorfer sind bei der Kaderplanung ihrer Linie treu geblieben. Wahr machen sie ihre Ankündigung, zuvorderst all jenen die höherklassige Bewährungschance zu geben, die am letztjährigen Erfolg beteiligt waren. Vom Stammpersonal ist in dem Torhüter Zacharias Velvelidis lediglich ein Spieler gegangen.
Demgegenüber prangen unter der Rubrik „Zugänge“ zwar zehn Namen. Doch ebenfalls nur einer ragt als bereits gestandene Größe heraus: Der Allrounder Jonathan Zinram-Kisch bringt von seinen früheren Stationen aus Worms und Trier Regionalliga-Erfahrung mit. „Er wird uns extrem helfen“, ist Fischer überzeugt. Zusammen mit dem Kapitän und Torjäger Bastian Joas sowie dem Mittelfeldstrategen Enis Küley soll der 33-Jährige die Mannschaft führen.
Alle weiteren Neuen fallen mehr oder weniger in die gleiche Kategorie: jung, hungrig, talentiert. Spieler mit Potenzial und Perspektive. Beispiel die neue Nummer eins Matej Barisic (20). Beispiel auch der aus Pforzheim geholte und von dort bereits oberligaerprobte Berzan Ural (20, Mittelfeld). „Sie bringen Spirit und neue Frische rein“, lobt Fischer seine Jugend-forsch-Fraktion, allerdings auch in der Erkenntnis, dass es „beim ein oder anderen etwas Zeit brauchen wird“.
Klar, wollte ihm eine gute Fee drei Wünsche erfüllen, hätte Fischer auch noch ein paar andere Transferideen gehabt. Daraus macht er keinen Hehl. Doch weiß er, „dass das hier kein Wunschkonzert ist. Manches lässt sich machen, anderes eben nicht“. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sich für die Innenverteidigung noch ein Türchen auftun wird. In diesem Bereich möchte der Klassenneuling noch nachlegen. Erst recht vor dem Hintergrund, dass in Josip Biljeskovic (Knieoperation), Rinis Krasniqi (Hochzeit/Flitterwochen) und Anthony Jeremy Raheem (Kahnbeinbruch) drei Abwehrkräfte bis auf Weiteres ausfallen.
Freilich, der Marschplan gilt unabhängig davon. Er lautet laut Fischer: „Eklig für die Gegner sein. Gallig auftreten. Schnell und zielstrebig vors Tor kommen.“ Vor allem an einer Verbesserung des Spiels gegen den Ball sowie der defensiven Stabilität haben die Weilimdorfer in ihren fünf Wochen Saisonvorbereitung gearbeitet.
Und dann? Ja, dann einfach mal schauen, zu was es reichen kann. Während Bachmann, ganz wie es sich für einen Aufsteiger gehört, den Nichtabstieg als Ziel benennt, verzichtet Fischer bewusst auf eine konkrete Formulierung. „Jetzt schon Orakel zu spielen oder irgendwelche Dinge hinauszuposaunen“ machte aus seiner Sicht „wenig Sinn“. „Wir wollen erst mal in der Spielklasse ankommen. Nach zehn Spieltagen werden wir wissen, wo wir stehen“, sagt er. Und: „Wir freuen uns auf geile Spiele in einer geilen Liga und geilen Stadien.“
Für den erwähnten Nachbarn Zuffenhausen reichte es seinerzeit nach dem Wiederaufstieg nur zu zwei Verbandsliga-Jahren am Stück. Aus Weilimdorfer Sicht darf es im eigenen Fall gerne mehr werden.
Zugänge
Matej Barisic, Jonathan Zinram-Kisch (beide Türkspor Neckarsulm), Sunny Simone (SKV Rutesheim II), Berzan Ural (1. CfR Pforzheim), Andrew Addo (FC Holzhausen), Chrysowalandis Kugiumtzidis (SG Weilimdorf), Denis Kiral (Junioren TuS Ergenzingen), Tarik Bouich, Giuseppe Berretta (beide Junioren SGV Freiberg), Matar Njie (Junioren FSV 08 Bietigheim-Bissingen).
Abgänge
Zacharias Velvelidis, Sangar Aziz (beide Calcio Leinfelden-Echterdingen), Hakan Tepegöz, Dennis De Sousa Lourenco (beide TSV Heimerdingen), Patrick Härle (Karriereende/weiterhin Co-Trainer, zudem nun Abteilungsleiter), Furkan Hut (verletzungsbedingte Fußballpause), Admir Fajic (Stand-By-Spieler/weiterhin Torwarttrainer).
Trainer
Manuel Fischer (seit Juli 2023).
Saisonziel
Nichtabstieg (Platzierung in der vergangenen Saison: 1. Landesliga, Staffel 2).
Meistertipp
TSG Hofherrnweiler-Unterrombach.
Abstieg
Da die Staffel mit Überhang spielt, nämlich 17 statt der eigentlich vorgesehenen 16 Mannschaften, gibt es in dieser Saison einen verschärften Abstieg. Mindestens vier Teams müssen direkt absteigen. Die Zahl kann sich aber auch deutlich erhöhen, theoretisch sogar auf bis zu neun. Abhängig ist sie davon, wie viele württembergischen Mannschaften aus der übergeordneten Oberliga absteigen. Entsprechend spielt bestenfalls der Tabellendreizehnte in der Relegation um den Klassenverbleib. Deren Termin: 21. Juni.