Torhüter riskieren im Eins-gegen-eins-Duell oft Kopf und Kragen: Tom Kaczmarek im Spiel gegen den TSV Oberensingen. Foto: Baumann/Alexander Keppler
Tom Kaczmarek vom TSV Heimerdingen prallt mit einem Gegenspieler zusammen – beide verletzen sich schwer. Der Torhüter erzählt, wie er sich im Krankenhaus mit ihm ausgesprochen hat und wie beide das Video des Unfalls anschauten.
Rund 200 Zuschauer hörten auf dem Sportplatz an der Weissacher Straße den schrecklichen Knall, als am vergangenen Samstag Tom Kaczmarek vom Fußball-Verbandsligisten TSV Heimerdingen mit Noah Feil von den SF Dorfmerkingen mit den Köpfen zusammenprallten. Beide lange blutend am Boden, kamen ins KrankenhausLeonberg – und dort schrieb der Sport eine schöne Geschichte von Fairness und Verständnis. „Wir haben uns ausgesprochen, ich habe mich entschuldigt – er hat es akzeptiert“, erzählt der 21 Jahre alte TSV-Torhüter, der sein Team am Samstag (15 Uhr) im Spiel bei der TSG Tübingen als Fan unterstützt.
Ich habe noch ein wenig Kopfschmerzen, aber sonst den Umständen entsprechend gut. Ich hatte einen zehn Zentimeter große Platzwunde an der Stirn und eine Gehirnerschütterung. Ich durfte aber bereits am Montag das Krankenhaus wieder verlassen.
Wissen Sie wie es Noah Feil geht, mit dem Sie zusammengeprallt sind?
Natürlich. Wir saßen am Montag vor unserer Entlassung in der Klinik Leonberg zusammen, haben eine Tasse Kaffee getrunken und uns unterhalten. Wir sind beide gottfroh, dass wir eigentlich mit dem Schrecken davongekommen sind. Er hat ebenfalls eine Platzwunde und eine Gehirnerschütterung.
Woher wussten Sie, dass er in derselben Klinik ist?
Wir sind ja ziemlich zeitgleich eingeliefert worden und wir waren gemeinsam in der Schlange vor den Untersuchungen – erst war er im CT, danach ich. So haben wir uns kennengelernt.
War der Gesprächsbeginn nicht kompliziert nach dem Vorfall?
Wir haben uns erst gegenseitig versichert, dass es uns gut geht. Ich habe mich dann sofort bei ihm entschuldigt, denn die Aktion ging ja von meiner Seite aus – er hat die Entschuldigung gleich angenommen. Keiner war dem anderen böse. Wäre ich eine Sekunde früher dran gewesen, hätte ich den Ball per Kopf getroffen – nichts wäre passiert ...
Torhüter aus Leidenschaft: Tom Kaczmarek kickt seit er vier Jahre alt ist. Foto: Baumann/Alexander Keppler
Woher wussten Sie vom Ablauf der Situation? Können Sie sich so gut erinnern?
Nein, wir haben uns gemeinsam das Video vom Spiel angeschaut.
Tatsächlich? Haben die Bilder Sie nicht erschaudern lassen?
Zum ersten Mal habe ich es mit einem Mannschaftskollegen angeschaut, der mich besucht hat. Ich wollte das Video sehen, ich wollte sehen, was genau passiert ist – weil man sich selbst ja die Frage stellt: Wie knapp war es? Habe ich etwas falsch gemacht? Aber ich finde: Meine Aktion gilt klar dem Ball, die Chance ist da, ihn zu spielen. Mir war schon wichtig zu erkennen, dass ich kein rüdes Foul begangen habe. Das hat Noah Feil mir bestätigt, das war mir sehr wichtig, dass da nichts zwischen uns zurückbleibt. Der Schiedsrichter hat mein Handeln als grob fahrlässig eingestuft, wie ich später erfahren habe. Deshalb gab es auch den Platzverweis.
Was ist in Ihnen vorgegangen beim erstmaligen Betrachten des Videos?
Beim ersten Anschauen hatte ich schön Gänsehaut, weil man da auch den Knall ganz genau hört und man danach sieht, wie wir beide daliegen. Was mich überwältigt hat: Wie sich alle anderen sofort um uns gekümmert haben, da war nichts mehr von Rivalität zwischen beiden Teams. Dieses Miteinander hat mich sehr beeindruckt.
Noah Feil (re.) von den SF Dorfmerkingen im Spiel gegen den VfR Aalen im Jahr 2023 Foto: Imago//Michael Schmidt
Haben Sie selbst überhaupt eigene Erinnerungen an die Situation?
Ich weiß nur, dass ich zum Ball gehen wollte und das laut signalisiert habe – was dann passiert ist, also der Zusammenprall, fehlt mir. Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als mich mein Teamkollege angeschaut hat, als ich auf dem Boden lag. Noah Feil fehlt viel mehr. Er hat mir erzählt, dass ihm das gesamte Spiel und noch einiges mehr vom Samstag fehlt.
Waren Sie irgendwie panisch oder beunruhigt über Ihre Situation – mit all dem Blut und den Erinnerungslücken?
Nein, es war enorm hilfreich und beruhigend, dass so viele Leute da waren, die sich um mich gekümmert haben. Das lief aus meiner Sicht sehr professionell ab, und deshalb fühlte ich mich sicher.
Noah Feil wird von den Ersthelfern versorgt (li.), die Notärzte sind auf dem Spielfeld in Heimerdingen. Foto: Jürgen Kemmner
Sie konnten – im Gegensatz zu Noah Feil – den Platz zwar gestützt, aber doch auf eigenen Beinen verlassen.
Das war sehr wichtig für mich. So habe ich registriert, dass bei mir im Grunde alles in Ordnung ist. Ich war schon sehr froh, dass ich alle Körperteile gespürt habe. Erst als am Abend das Adrenalin in meinem Körper nachgelassen hat, habe ich gemerkt, wie erschöpft ich bin.
Ihre gesamte Familie hat das Spiel verfolgt – wie haben Ihre Eltern reagiert?
Auch meine Großeltern waren dabei. Die waren natürlich auch entsetzt, als sie den Knall gehört haben – sie haben auch Schlimmstes befürchtet. Aber als sie sahen, dass es mir soweit gut geht, waren sie wieder beruhigt.
Als Torhüter hat man oft solche Situationen, in denen man ins Risiko geht: Wenn du rausgehst, musst du den Ball haben – ganz oder gar nicht.
Aber genau das macht diese Position doch so spannend. Ich war schon beim Hausarzt, habe schon einen Termin fürs Fäden ziehen – ich freue mich darauf, wieder aufs Feld zurückzukehren und wieder im Tor zu stehen.
Keine Angst oder kein bisschen Bammel vor der nächsten kritischen Eins-gegen-eins-Situation?
Überhaupt nicht. Ich sehe das so: Wenn man von einem Pferd fällt, sagt man, man solle sofort wieder drauf steigen und sich beweisen, dass es geht. Ich werde wieder Vollgas geben, sobald das Sportverbot in etwa 14 Tagen aufgehoben ist.
Der tschechische Torhüter Petr Cech spielte nach einer Verletzung nur noch mit Kopfschutz. Foto: e/IMAGO/James Marsh
Der ehemalige tschechische Nationaltorhüter Petr Cech hat nach einer Gehirnerschütterung nach einer ähnlichen Situation nur noch mit Kopfschutz gespielt. Für Sie eine Überlegung?
Das ist für mich keine Option. Das würde mich jedes Mal nur dran erinnern, was alles passieren könnte. Ich möchte mit einem positiven Mindset in die Spiele gehen und nicht mit einer Befürchtung. Ich spiele seit ich vier bin 17 Jahre lang Fußball und in all dieser Zeit bin ich nun erst einmal von einem Krankenwagen abtransportiert worden. Ich finde, das ist doch eine ordentliche Bilanz.
Am Samstag spielt der TSV bei der TSG Tübingen. Sind Sie dabei als Zuschauer?