Die Arme waren so weit ausgebreitet, als wollte er das ganze Stadion umschlingen. Die blonde Haarmähne flog im Jubelsprint. Und aus seinem Mund kamen laute Schreie, ehe sich seine Teamkollegen auf ihn stürzten. Hatte jemand gedacht, dem TV Echterdingen könnten im Abstiegskampf der Fußball-Landesliga bereits die Lebensgeister abhanden gekommen sein? Allein diese eine Szene vom aktuellen Spieltag sollte alle Zweifler eines Besseren belehrt haben. So wie der Kapitän Marvin Kuhn bei seinem Führungstor demonstrierte die ganze Mannschaft, dass sie sich trotz des vorangegangenen Bündels an Rückschlägen nicht aufgegeben hat.
Bleibt freilich die Frage, wie viel der am Samstag schließlich dann sogar deutliche 4:1-Heimsieg gegen den SSV Ehingen-Süd noch nutzt. Einstweilen wahren die drei Punkte zwar die gelb-schwarzen Chancen auf den Klassenverbleib, ändern aber nichts daran, dass der Patient auf der Intensivstation liegt. „Wir wissen natürlich, dass es weitere Schritte braucht“, sagt der Trainer Antonino Rizzo und ahnt: „Das wird jetzt vollends knüppelhart.“
Aus der Oberliga kann nur noch Mutschelbach helfen
Letzteres gilt auch aufgrund der Entwicklung in der Oberliga. Diese lässt befürchten, dass es tatsächlich zum Worst-Case-Szenario mit fünf Direktabsteigern kommen wird – reichen würde also selbst jener Rang nicht, auf den die Echterdinger nun geklettert sind, eben der fünftletzte. Als Hoffnung bleibt der ATSV Mutschelbach. Bewahrheiten sich die Gerüchte, dass die Badener ihre Mannschaft aus der Oberliga zurückziehen, könnte davon einer des württembergischen Hinterbänkler-Trios Bietigheim-Bissingen, Holzhausen und Reutlingen profitieren – was wiederum in der Echterdinger Spielklasse die Situation im Tabellenkeller etwas entschärfte. Dort würde in diesem Fall nur vier Teams das Staffel-Aus ereilen.
Aktuell darf in den Goldäckern immerhin ermutigen, dass vor den beiden verbleibenden Partien in Dorfmerkingen und zuhause gegen Tübingen eine Rückbesinnung auf die nötigen Grundtugenden gelang. Kämpfen, kratzen, beißen. „Alle haben in dieser Hinsicht alles rausgehauen“, sagt der Dauerrackerer Max Bey. Sieht so aus, als hätte der Coach Rizzo den richtigen Punkt getroffen: Vor der Partie schwor er sein zuletzt körperlich und mental angezählt wirkendes Aufgebot mit einem „Motivationsvideo“ ein. Kein Geringerer als die Basketball-Ikone Michael Jordan diente als stimmungstechnischer Vorturner.
Kuhns Tor als „Dosenöffner“
Die Folge war zwar kein fußballerischer Leckerbissen. 65 Minuten lang stand die Begegnung eher unter der Überschrift „verkrampftes Bemühen“. Wenig Torchancen hüben, wenig Torchancen drüben – bis das eingangs erwähnte Kuhn-Hurra kam. Eckball Deniz Bulut, Kopfball Kuhn. „Das war der Dosenöffner“, sagt Rizzo., „damit ist von dem einen oder anderen die Bleiweste abgefallen.“ Auch der schnelle Ausgleich des Ehingers Aaron Akhabue vermochte die Gastgeber nicht mehr vom Erfolgsweg abzubringen.
Bey nach Vorarbeit des Torjägers Caglar Celiktas (74.) sowie zweimal Celiktas selbst (90.+2/90.+5) schossen schließlich den ersten Echterdinger Heimsieg seit sieben Wochen heraus. Sehenswert dabei vor allem der letzte Treffer. In Tipp-Kick-Manier verwandelte Celiktas einen Freistoß direkt – sein insgesamt 18. Saisontor.
Überraschendes Comeback im Tor
Kompensiert waren somit die erneuten Personalprobleme. Seine Abwehr hatte Rizzo sogar komplett umbauen müssen, darunter zwei notgedrungene Überraschungen. So lief der eigentliche Angreifer Anes Handanagic als Verteidiger auf. Und im Tor stand ein gewisser Tim Becker. Der 27-Jährige, ursprüngliche Nummer eins, gab nach siebenmonatiger Verletzungspause sein Comeback – allen anhaltenden Kniebeschwerden zum Trotz. „Er hat sich bereit erklärt, für den Rest der Saison auf die Zähne zu beißen“, sagt Rizzo. Auch, weil beim Ersatzmann Yule Tröger wegen eines Muskelfaserrisses nun seinerseits nichts mehr geht.
Ob Becker dann auch im nächsten Spieljahr noch zum Kader gehören wird, bleibt indes abzuwarten. Er ist einer der Spieler, hinter deren Namen noch ein Fragezeichen steht. Anders als bei zwei mittlerweile sicheren Abgängen. Außer dem bereits ausgestiegenen Reservisten Kelly Karthein verlieren die Echterdinger auch mindestens einen ihrer Leistungsträger: Der Youngster Bey wird nach Abschluss seines Studiums mit seiner Freundin nach Freiburg ziehen.
Ob es ein guter Abschied für ihn wird? Die nächsten zwei bis, im Fall der Relegation, vier Wochen müssen die Antwort bringen. Von Bey dann so oder so wohl eher still und leise. Er gilt als deutlich weniger extrovertiert als der Torjubelmann Kuhn.
Echterdinger „Spieler des Spiels“
Caglar Celiktas. Das zweite Tor vorbereitet, das dritte und vierte selbst erzielt – der Angreifer ließ seiner vorab im Interview geäußerten Forderung, dass nun jeder 125 Prozent bringen müsse, eigene Taten folgen. Auch, indem er sich fast 100 Spielminuten lang in jeden Zweikampf warf. (Nominierungen: 6)
TV Echterdingen: Becker – Handanagic, Heinrich, Kuhn, Miller – Dölker (86. Patricelli), Bulut (90.+3 Reichertz), Bey, Pirracchio (76. Wörne) – Celiktas, Deutsche (67. Vran).
SSV Ehingen-Süd: Gralla – Stoß, Rupp, Daur (80. Schuhmacher), Kästle (85. Wojciechowski) – Paul, Neu – Vogel (73. Filho), Strobel (35. Gross), Teßmann – Akhabue (73. Yannik Bochtler).