InterviewFußball vor Publikum „15 000 Zuschauer? Völlig illusorisch!“

Von Dirk Preiß 

Die Fußball-Bundesliga will im September wieder vor Publikum spielen. Der renommierte Mediziner Michael Geißler ist da eher skeptisch

Zuletzt waren in den Stadien, wie hier in Gladbach, Pappkameraden aufgestellt worden Foto: AFP
Zuletzt waren in den Stadien, wie hier in Gladbach, Pappkameraden aufgestellt worden Foto: AFP

Stuttgart - Der Mediziner Michael Geißler sieht es skeptisch, wenn jetzt darüber diskutiert wird, ob die Fußball-Bundesliga im September wieder vor Publikum spielen soll. Er warnt: Viele Leute sähen die Krise mittlerweile zu locker und hielten sich nicht mehr an die Beschränkungen.

Herr Professor Geißler, als die Fußball-Bundesliga Mitte Mai den Neustart nach der Corona-Pause wagte, waren Sie eher skeptisch.

Aber heute muss ich sagen, dass sie das sehr gut hinbekommen haben.

Nun geht es um die Zulassung von Zuschauern im Stadion – ist die Ausgangslage vergleichbar?

Nein. Wenn man sich die aktuelle Entwicklung der Fallzahlen ansieht, ist ein mit 15 000 bis 20 000 Zuschauern gefülltes Stadion völlig illusorisch.

Die DFL hat Maßnahmen beschlossen, um wieder Zuschauer in die Stadien lassen zu können.

Keine Gästefans, keine Stehränge, die Nachverfolgbarkeit der Beteiligten, kein Alkohol – das ist für mich alles richtig. Vor allem das Alkoholverbot. Man hat in den letzten Wochen mehrfach beobachten können, wie sich Menschen verhalten, die unter Alkoholeinfluss stehen und womöglich Corona leugnen oder viel zu leicht nehmen.

Die Maßnahmen reichen nicht aus, um eine beträchtliche Zahl an Zuschauern dabeizuhaben?

Was mir bislang fehlt, ist ein klares Konzept für An- und Abreise sowie den Zugang ins Stadion. Das müsste in gewissen Zeitfenstern geschehen, mit verpflichtendem Mund-und-Nasen-Schutz sowie der Einhaltung der Abstandsregeln. Übervolle Busse oder Bahnen darf es auf keinen Fall geben.

Dann könnte auf jedem zweiten oder dritten Sitz ein Zuschauer Platz nehmen?

Aus meiner Sicht reicht das an Abstand nicht aus. In den Stadien haben Sie kaum Wind, wenn da ein infizierter Gast hustet oder niest, sind zwei Meter Abstand nicht genug – zumal die Sitzschalen ja auch sehr eng montiert sind.

Was also tun?

Aus meiner Sicht wären kleine Pilotprojekte bei einzelnen Vereinen sinnvoll – mit vielleicht 1000, 2000, in einem Stadion mit einem Fassungsvermögen von 80 000 vielleicht auch 5000 Zuschauern. Danach könnte man nächste Schritte diskutieren. Dass alle Vereine auf einmal mit 10 000 oder mehr Zuschauern starten, halte ich nicht für realistisch – und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Politik dafür aktuell ihren Segen geben würde.

Es ist Urlaubszeit, die Fallzahlen steigen . . .

. . .  ja, aber eben nicht nur wegen der Urlauber. Deren Anteil wird zwar bis in den Herbst noch steigen, da in Baden-Württemberg und Bayern die Sommerferien erst begonnen haben, Unvernunft, Un­verständnis und Leichtsinn sind zuletzt aber auch bei den Daheimgebliebenen ­gestiegen.

Was bedeutet das für die gesamte kommende Saison der Fußball-Bundesliga?

Realistisch betrachtet werden Großveranstaltungen bis weit ins kommende Jahr, also womöglich bis Ende der Saison 2020/2021, nicht funktionieren – unabhängig davon, ob es im neuen Jahr einen Impfstoff geben wird. Und noch einmal: Fußballspiele mit mehreren Tausend Zuschauern wären aktuell auch das falsche Signal. Der Fußball hat hier nach wie vor eine Vorbildfunktion. Was wäre dann mit Kulturstätten oder Clubs?

Auch andere Sportarten ringen um Konzepte – teils für kleine Hallen mit einem Viertel oder Fünftel an Auslastung.

Aus meiner Sicht ist das nicht machbar. Oder eben nur unter ganz besonderen Bedingungen. Je mehr Menschen im Verhältnis zur Kapazität im Stadion oder in einer Halle sind, desto wichtiger ist es, dass alle einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Und zwar über die komplette Dauer einer Partie. Das ist nicht sehr attraktiv für die Fans und außerdem nicht zu kontrollieren.




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