Fußball-WM 2018 Einmal Wagner, nimmer Wagner

Von Marco Seliger 

Mit seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft tritt Sandro Wagner die alte Typen-Debatte wieder aufs Neue los.

Im letzten Länderspiel gegen Brasilien (0:1) durfte Sandro Wagner noch für die DFB-Elf ran. Foto: dpa
Im letzten Länderspiel gegen Brasilien (0:1) durfte Sandro Wagner noch für die DFB-Elf ran. Foto: dpa

Münchewn - Sie ist eine treue Wegbegleiterin. Sie folgt Joachim Löw gefühlt überall hin, vor acht Jahren ging es sogar bis nach Südafrika, vor vier Jahren dann war ihr auch die Reise nach Brasilien nicht zu weit. Jetzt hat die treue Gefährtin, so scheint es, auch ihren Flug nach Russland gebucht. Fast könnte man meinen, dass es sich um eine besonders perfide Form des Stalkings handle.

Die Debatte über die angeblich fehlenden Typen im Team des Bundestrainers lässt irgendwie einfach nicht locker – und Jogi Löw vor jeder WM nicht los. Erschwerend hinzu kommt für den Bedrängten, dass die nicht abebbende Diskussion sogar mehrere Gesichter hat. Das neueste gehört nun einem ziemlich speziellen Typen, der auf den Namen Sandro Wagner hört.

Löw wiederum, davon kann man seit dem späten Dienstagabend ausgehen, hört von nun an nicht mehr allzu genau hin, wenn dieser Wagner mal wieder etwas von sich gibt. Das ist ja wahrscheinlich sogar die beste Form, wenn ein besonders penetranter Zeitgenosse in seiner Eitelkeit gekränkt ist. Einfach weiter ignorieren, irgendwann wird dann hoffentlich schon Ruhe sein.

Wagners Rücktritt ist skurril

Sandro Wagner also, nach eigener Wahrnehmung der beste Stürmer Deutschlands, darf nicht mit zur WM, woraufhin er via „Bild“ seinen Rücktritt aus der Nationalelf erklärte. Das ist an sich schon mal recht skurril – und in etwa so, als wenn ein gerade verlassener und in seiner Ehre gekränkter Ehemann seiner eigentlich immer noch heiß und innig geliebten Braut zwei Tage später mitteilt, dass er sie jetzt selbst für immer verlassen werde. Wagner nun garnierte seinen Rücktritt noch mit Vorwürfen – und trat damit die gute alte Typendebatte in der Nationalelf unter dem Bundestrainer Joachim Löw los. „Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse“, sagt der Stürmer.

Damit stehen nun wieder die bekannten Fragen im Raum, die sich überspitzt so zusammenfassen lassen: Setzt Löw nur auf stromlinienförmige Spieler, die niemals aufmucken und widersprechen, die keine andere Meinung haben, die nicht murren und die, Achtung, weder auf noch neben dem Platz Typen sind? Typen wie Wagner, die ihr Selbstbewusstsein offen zur Schau stellen, die gerne und oft anecken?

Typen, Thesen, Temperamente – es ist ein Thema, das Löw nicht loslässt. Führungsspieler, die irgendwie anders sind und polariseren, braucht das Land, das war schon zu Fritz Walters Zeiten die einhellige Meinung, bei Beckenbauer auch, bei Lothar Matthäus und in diesem Jahrtausend auch bei Michael Ballack. Typen, die Zeichen setzen und wenn es sein muss auch mal auf den Trainer und seine Ansichten pfeifen.

Das galt lange Zeit als unverzichtbar im Kreis der Nationalelf – bis Jürgen Klinsmann und sein Trainerteam von 2004 an den Rumpelfußball entrümpelten und mit dem Geist der Zeit gingen. Flachere Hierarchien, Teamgeist, technisch anspruchsvoller Fußball – nach der WM 2006 vollendete Löw dann als neuer Chef den Wandel.

In der WM-Elf von 2014 wimmelte es von Typen

Später, bei der WM 2010 emanzipierten sich die Neuers, Lahms, Schweinsteigers und Khediras von ihrem verletzten Anführer Michael Ballack und läuteten mit Werten wie Zusammenhalt und eher flachen Hierarchien ihre eigene Ära ein. Was das ehemalige Alphatier Ballack selbst und sein Umfeld dazu veranlasste, so wie Wagner jetzt zurückzuschlagen und Löws inneren Zirkel und sein Handeln aufs Schärfste zu kritisieren. Kein Platz mehr für echte Kerle, sondern nur noch für Weichspüler, das war damals der Vorwurf aus dem Ballack-Lager, und der ist es jetzt bei Wagner.

Einer, der Löw gut kennt, hat nach der Ausbootung Wagners eine klare Meinung. Fredi Bobic, Europameister von 1996 und einst Spieler unter Löw beim VfB Stuttgart, sagt, dass ihn Wagners Aussagen überrascht hätten: „Dass er nicht nominiert wurde, weil er zu unbequem ist, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen“, meint Bobic: „Jogi geht es bei der Auswahl um rein sportliche Gesichtspunkte.“ Und sicher auch um den Teamgedanken, denn Löw erhofft sich von den bescheidenen Mario Gomez und Nils Petersen hinter dem gesetzten Timo Werner im Angriff Ruhe und Harmonie, die er sich beim extrem forschen Wagner so nicht vorstellen konnte.

Was in der oft überhitzt geführten Debatte manchmal untergeht, ist, dass es etwa in der Weltmeisterelf 2014 und im aktuellen WM-Kader geradezu von sogenannten Typen wimmelt. Teamfähigkeit und Harmonie schließen Führungsstärke und klare Kante auf dem Platz nicht aus – frag nach bei Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, bei Jérôme Boateng oder auch bei Joshua Kimmich, der beim Confedcup im vergangenen Sommer vornewegmarschierte und sich mit den Gegenspielern anlegte, dass sogar alte Kämpen wie Paul Breitner oder Stefan Effenberg ihren Spaß daran hatten. Ähnliches hat Kimmich nun wieder in Russland vor. Und wer weiß, vielleicht hat sogar Sandro Wagner daran im stillen Kämmerlein ja auch bald seine Freude.