Fußball-WM 2018 Löws neuer Liebling

Von Marco Seliger 

Sandro Wagner soll angeblich bittere Tränen nach seinem WM-Aus vergossen haben. Andreas Petersen weinte auch – vor Freude. Sein Sohn Nils steht vor dem Höhepunkt seiner Karriere.

Der ideale Joker für Bundestrainer Joachim Löw: Der Freiburger Nils Petersen Foto: dpa
Der ideale Joker für Bundestrainer Joachim Löw: Der Freiburger Nils Petersen Foto: dpa

Stuttgart - Die jüngere Geschichte von Nils Petersen und der Nationalelf begann an einem Strand in Dubai. Im Januar dieses Jahres weilte Andreas Petersen, der Vater von Nils, im Kurzurlaub. Zufällig fiel ihm ein Mann auf: Dieser lässige dunkle Typ da mit den schwarzen Haaren und der Sonnenbrille, das ist doch . . . Tatsächlich! Das ist: Joachim Löw. Der Bundestrainer ließ am Meer von Dubai ebenfalls die Seele baumeln. Petersen senior, der damalige Coach und künftige Sportdirektor des Nordost-Regionalligisten Germania Halberstadt und generell ein eher forscher Typ, wollte nach Sichtung seines Trainerkollegen sofort ein Fachgespräch führen. „Ich wollte den Bundestrainer fragen, was er denn vom Nils hält und wie seine WM-Chancen stehen“, erzählt Papa Petersen im Rückblick: „Aber ich habe mich dann doch nicht getraut.“

Nils sei darüber heilfroh gewesen, berichtet Andreas Petersen weiter: „Der hätte mich ansonsten wahrscheinlich geköpft.“ Denn: Nils Petersen, die Bescheidenheit in Person, wäre so ein nassforsches Auftreten seines Vaters wohl noch zehnmal unangenehmer gewesen als jede Blutgrätsche eines Abwehrspielers.

Jetzt, ein knappes halbes Jahr später, sagt Andreas Petersen diese Sätze: „Ich habe geheult wie ein Schlosshund. Ich konnte gar nicht antworten, weil mir die Tränen in die Augen schossen.“ Papa Petersen weinte Freudentränen. Weil sein Sohnemann es geschafft hat.

Verlässlichkeit, Bescheidenheit, Torgefahr

Überraschend nominierte Joachim Löw ihn in den vorläufigen Kader für die Fußball-WM in Russland. Weil er Nils Petersens ganz speziellen Stürmermix auch ohne die Expertise des Vaters schätzt: Verlässlichkeit, Bescheidenheit und Torgefahr. 15 Treffer in der vergangenen Bundesliga-Saison erzielte Petersen als Stammkraft des SC Freiburg – der Bundestrainer hob jedoch vor allem auch seine fast schon in Vergessenheit geratenen Jokerqualitäten hervor.

Früher war dieser Petersen ja tatsächlich nur so etwas wie die erste Alternative von SC-Coach Christian Streich – und hatte seine erste starke Szene immer schon vor seiner Einwechslung. Seine Vollsprints von der Aufwärmfläche schräg hinter dem Tor bis zur Seitenauslinie sind in Freiburg längst legendär. Schon mit diesem ersten Antritt riss Petersen die tobenden Fans mit. Und als der Stadionsprecher seine Einwechslung ankündigte, schwang immer eine Botschaft mit: Freunde, gleich passiert hier was. Und es passierte oft. 20 Tore als Joker. Das ist Ligarekord.

Petersens Fähigkeiten, sofort in ein Spiel zu finden, sind nun sein vielleicht großer Pluspunkt im Kreise der Nationalelf. Der andere ist seine menschliche Reife, sein integrer Charakter, der seinen Trainer Christian Streich schon mehrfach zu Tränen rührte. Etwa dann, als der SC 2015 abstieg und Petersen trotzdem blieb. An solche Gegebenheiten erinnerte sich nun auch der Bundestrainer. Löw sagt, dass es bei der WM-Nominierung nicht nur um fußballerische Erwägungen ging: „Wir werden lange zusammen sein, das Team muss funktionieren.“

Bittere Tränen bei Sandro Wagner

Lange ging man ja eher davon aus, dass Löw Mario Gomez vom VfB Stuttgart und Sandro Wagner vom FC Bayern München in der Vorbereitung in ein Duell um einen WM-Platz schickt. Das aber hätte allen voran vonseiten des extrem selbstbewussten Sandro Wagner („Ich bin der beste deutsche Stürmer“) Unruhe bringen können. Wagner übrigens soll nach der Verkündung seines WM-Aus bittere Tränen auf dem Trainingsplatz des FC Bayern vergossen haben, aber das nur am Rande.

Nils Petersen (29) dagegen ist der derzeit wohl glücklichste Stürmer der Welt – und die Ruhe in Person. Joachim Löw weiß, dass dieser Mann nicht murren wird, wenn er nicht spielt. Zudem ist der Angreifer nach Löws Ansicht ein Typ, der „mit seinen Aufgaben wachsen kann“. Von Petersen, so Löw weiter, „verspreche ich mir einiges“.

Solche Sätze passen eher weniger zu einem Spieler, der womöglich noch aus dem endgültigen Aufgebot gestrichen wird, weshalb es denkbar ist, dass Löw ohne Wagner und den verletzten Lars Stindl und dafür mit Timo Werner, Gomez und eben Petersen nach Russland fährt. Für den Freiburger spricht auch seine Weiterentwicklung im Breisgau. Sein starker, trockener und beidfüßiger Abschluss hob ihn schon länger von anderen Angreifern ab. Beim SC hat Petersen auch das Kämpfen und das Mitspielen gelernt. Er ist mittlerweile ein kompletter Stürmer.

Andreas Petersen ist all das nicht verborgen geblieben. Allein schon deshalb, weil er täglich mit seinem Sohn telefoniert. Wenn man so will, hat Nils Petersen als einziger Profi zwei Cheftrainer: den regulären, also Christian Streich in Freiburg – und den anderen am Telefon in der Heimat. „Wir werten jedes Spiel aus, welcher knapp 30-Jährige lässt sich das von seinem Papa noch gefallen? Aber Nils hört immer zu“, sagt Andreas Petersen dazu. An der Standleitung nach Russland soll er dem Vernehmen nach gerade mit Hochdruck arbeiten.