Ein wirklicher Trost ist es ja nicht gewesen. Aber, immerhin: Auch bei der Konkurrenz lief nicht alles reibungslos. An diesem Donnerstag (19 Uhr in Marseille) treten die deutschen Fußballerinnen erstmals beim olympischen Turnier von Paris 2024 an – und die Gegnerinnen aus Australien vermissten nach der Ankunft in Frankreich das eine oder andere Gepäckstück. Allerdings: Was sind schon ein paar Koffer im Gegensatz zum Verlust, den das deutsche Team im Vorfeld der Spiele zu beklagen hatte?!
Ausgerechnet Lena Oberdorf, die Schlüsselspielerin im zentralen Mittelfeld des Teams, zog sich im Testspiel gegen Österreich vor einigen Tagen eine schwere Knieverletzung zu. Die Mannschaft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zuletzt ohnehin selten absolute Weltspitze, muss bei Olympia ohne eine ihrer Besten auskommen. „Diese Nachricht“, sagte Horst Hrubesch, der Janina Minge vom VfL Wolfsburg nachnominiert hat, „tut weh.“
Schmerzlindernd sollen nun dennoch die Auftritte in Frankreich (das Fußballturnier findet im ganzen Land statt) werden. An deren Wichtigkeit hat sich ja ohnehin nichts geändert durch die Verletzung der 22-jährigen Starspielerin. „Für die weitere Entwicklung des Frauenfußballs sind diese Auftritte also sehr bedeutend“, sagt Tabea Kemme.
Die heute 32-Jährige hat 2016 in Rio de Janeiro die bislang einzige olympische Goldmedaille für das DFB-Team gewonnen. Dennoch sagt sie: „Olympia konnten wir in den vergangenen Jahren ja nicht immer besonders gut.“ Denn: Für die Spiele 2012 in London und 2021 in Tokio waren die deutschen Fußballerinnen gar nicht qualifiziert. Dabei ist die Entwicklung der Kickerinnen in Deutschland noch immer von diesen Highlight-Events abhängig. „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Menschen große Lust auf Spiele und Turniere der Frauen-Nationalmannschaft haben“, sagt die Ex-Nationalspielerin, die zuletzt die EM der Männer als TV-Expertin begleitet hat. Aber eben diese Lust muss immer wieder neu befördert werden. Denn ein Selbstläufer ist der immer wieder nächste Sprung nach vorn für die Fußballerinnen nicht.
Lust auf die Frauen-Nationalmannschaft
Nach der starken EM 2022 – das deutsche Team wurde Vizeeuropameister – dämpfte die verkorkste WM 2023 die Euphorie. Zwar gab es plötzlich mehr Zuschauer bei Länderspielen und auch in der Bundesliga, zudem wurden Partien nicht nur im kostenpflichtigen Streamingdienst übertragen. „Die positive Entwicklung beschränkte sich nach diesem zweiten Platz nicht auf die Nationalmannschaft“, bestätigt auch Tabea Kemme, „das sieht man an den Clubs, an den Zuschauerzahlen in der Liga und an den Highlight-Spielen, die nun endlich organisiert werden.“ Und wenn es dieses Angebot gebe, werde es auch angenommen. Aber der Weg bleibt beschwerlich.
„Natürlich fehlt noch die Überzeugung, das regelmäßiger zu machen“, sagt Tabea Kemme mit Blick auf die Ligaspiele in großen Stadien, die im TV entsprechend prominent präsentiert werden. Daher ermutigt sie die Verantwortlichen, weiter zu investieren und ein Angebot zu schaffen – und nicht darauf zu warten, dass der Fußball der Frauen von selbst wächst. Um erst dann groß einzusteigen.
„Man muss das Tempo weiter anziehen“, sagt Kemme, „wenn das gelingt, blicke ich sehr zuversichtlich, ja fast euphorisch in die Zukunft.“ Weil es zuletzt ja auch abseits der Nationalmannschaft und der Frauen-Bundesliga positive Signale zu mehr Akzeptanz und Wertschätzung gegeben hat.
Der Männer-Drittligist FC Ingolstadt hat Sabrina Wittmann erst zur Interims- im Sommer dann zur Cheftrainerin gemacht. Und Marie-Luise Eta war in der vergangenen Saison Co-Trainerin beim Männer-Bundesligisten FC Union Berlin. „Diese Beispiele helfen ganz grundsätzlich allen Beteiligten“, findet Tabea Kemme, „es ist ja schließlich wissenschaftlich bewiesen, dass es für wirklich erfolgreiches Arbeiten Diversität braucht.“ Die beiden hätten aber auch „hartnäckig“ um diese Chancen kämpfen müssen.
2025 findet in der Schweiz die EM statt
Kämpfen, aber auch spielerisch überzeugen – das müssen nun auch die Nationalspielerinnen bei den Spielen von Paris. Nach der Partie gegen Australien trifft die DFB-Elf noch auf die USA und Sambia. „Die Mannschaft wird extrem gefordert sein“, sagt Tabea Kemme. Soll aber natürlich auch das olympische Flair genießen. „Das Erlebnis Olympia ist großartig, sehr speziell und mit nichts zu vergleichen“, sagt der Bundestrainer Horst Hrubesch. Der tritt nach Paris ab, Ex-Bundesligastürmer Christian Wück übernimmt und startet gleich in ein weiteres Turnierjahr: 2025 findet die EM in der Schweiz statt. Dann sollte auch Lena Oberdorf wieder fit sein.
Die deutschen Mannschaften in Paris
Teamstärke
Die deutsche Olympiamannschaft reist mit 428 Athletinnen und Athleten nach Paris. Dass es derart viele sind, liegt auch daran, dass sich für die Spiele 2024 zahlreiche Ballsport-Mannschaften qualifiziert haben.
Fußball
Es war knapp, aber am Ende haben die Fußballerinnen erstmals seit 2016 wieder für Olympia qualifiziert. Nicht dabei nicht dagegen ihre männlichen Kollegen. Die deutschen U-21-Kicker fehlen erstmals seit London 2012.
Handball
Erstmals seit 2008 in Peking sind beide deutschen Handballmannschaften bei den Spielen dabei. Sie haben sich jeweils in einem Qualifikationsturnier durchgesetzt. Für die Frauen ist es die erste Teilnahme seit 2008.
Basketball
Die deutschen Basketballer sind nicht nur qualifiziert, sie haben als amtierender Weltmeister auch eine Medaillenchance. Die Frauen sind derweil zum ersten Mal überhaupt bei Olympischen Spielen am Ball. In der Variante 3x3 sind lediglich die deutschen Frauen vertreten.
Hockey
Die deutschen Hockeyteams gehören zu den Stammgästen bei Olympischen Spielen. Die Männer holten schon viermal Gold, die Frauen einmal. Auch in Paris wollen beide Teams um die Medaillen mitspielen. Über Qualifikationsturniere haben sie sich jeweils das Olympiaticket gesichert.
Volleyball
2012 in London war letztmals ein deutsches Männerteam im Hallenvolleyball bei den Spielen vertreten. Anfang des Jahres hat das Nationalteam beim Qualifikationsturnier in Brasilien das Ticket für 2024 gebucht. Die deutschen Volleyballerinnen sind dagegen nicht dabei.