Eine Flagge löst eine Schlägerei auf dem Spielfeld aus: Nach dem abgebrochenen EM-Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien tritt nun die Politik nach.

Korrespondenten: Thomas Roser (tro)

Belgrad - Am Ende sind die anderen schuld. Selbst die Ordner im Belgrader Partizan-Stadion hätten im Kabinengang noch auf die albanischen Nationalspieler eingeprügelt, empörte sich Kapitän Lorik Cana nach dem vorzeitig abgebrochenen Gastspiel in Serbiens Hauptstadt: „Wir waren psychisch einfach nicht in der Lage, das Spiel noch fortzusetzen.“ Serbiens Außenminister Ivica Dacic sprach von einer „geplanten politischen Provokation. Für den Abbruch dieses Spiel trägt Serbien keinerlei Verantwortung.“ Der Vizepräsident des serbischen Fußballverbands, Goran Milanovic, zog historische Parallelen: „Stellen Sie sich nur mal eine Situation vor, in der Israel Deutschland in Tel Aviv empfängt und jemand eine Hakenkreuzfahne mit dem Kopf Adolf Hitlers entrollt. Etwas Ähnliches hat sich gestern abend im Partizan-Stadion ereignet.“

 

40 Minuten hatte der auf den Rängen wütende Mob den Gästen lautstark sexuellen Missbrauch und Totschlag angedroht, während sich auf dem Rasen die Kicker im Feuerwerkskörper-Hagel verbissen beharkten. Ein Glimmen hinter dem serbischen Tor kündete in der 41.Minute das Ende des torlosen Spieles an: Von unsichtbarer Hand gesteuert stieg eine Drohne mit einer großalbanischen Flagge auf und kreiste minutenlang über den Köpfen des vor Wut rasenden Publikums. Zwar gab es zwischen Albanien und Serbien seit mehr als einem Jahrhundert keine direkten Waffengänge, doch es ist der Streit um das überwiegend albanisch besiedelte Kosovo, der die Beziehungen zwischen den nur wenige Hunderte Kilometer entfernten Ländern belastet.

Chaos schon vor dem Spielbeginn

Nordalbanien war im Kosovokrieg 1999 die Aufmarsch-Basis für die Untergrundarmee UCK. Gleichzeitig war Albanien 2008 einer der ersten Staaten, die die von Serbien bis heute als illegal betrachtete Unabhängigkeit des Kosovo anerkannten. Und weil das Kosovo noch immer nicht Mitglied der Uefa ist, tragen ein halbes Dutzend Kosovaren das albanische Nationaltrikot.

Eigentlich hat Albaniens Anhang keinen schlechten Ruf. Doch aus Angst vor kosovo-albanischen Anhängern hatte der serbische Fußballverband FSS ein Anreiseverbot für die Gästefans durchgesetzt. Aber trotz eines Großaufgebots von 4000 Polizisten herrschten in dem beengten Stadion schon vor dem Anpfiff chaotische Zustände.

Mehrere Hooligangruppen hatten die Ordner überrannt und drangvolle Enge im völlig überfüllten Stadion verursacht. Als kurz vor der Pause Albaniens Adler über dem Stadionrund zu kreisen begann, explodierte die Stimmung: Spieler, Betreuer und Hooligans lieferten sich minutenlang eine Schlägerei auf dem Platz. Es war Serbiens Verteidiger Stefan Mitrovic vom SC Freiburg, der die Fahne aus der Luft fischte. Sein Heimatclub SC Freiburg äußerte gestern Verständnis dafür. Albaniens Adler wollten die Gäste jedoch nicht zerknüllt sehen. Der britische Schiedsrichter war überfordert, doch angesichts der wachsenden serbischen Übermacht retteten sich die Gäste schließlich in die Kabine.

Verdächtigt wurde der Bruder von Albaniens Premier

Ausgerechnet der Bruder von Albaniens Premierminister Edi Rama wurde von Serbiens Polizei verdächtigt, aus der Ehrenloge die Drohne gesteuert zu haben: Als erster albanischer Regierungschef seit siebzig Jahren sollte der Regierungschef nächste Woche eigentlich zu einem Staatsbesuch nach Belgrad reisen. Offenbar erst nach Intervention ausländischer Diplomaten vermochte der zeitweise festgesetzte Olsi Rama in der Nacht zu Mittwoch noch das Flugzeug nach Tirana zu besteigen. Mit dem Drohnenflug habe er „absolut nichts“ zu tun, versicherte er nach der Heimkehr. In Tirana und in der Kosovo-Hauptstadt Pristina feierten Fans und Politiker ihre Stars mit Feuerwerk, Hupkonzerten und Gesängen.

Bei Olsi Rama sei die Fernsteuerung für die Drohne gefunden worden, berichteten serbische Medien und verurteilten die „perfide Provokation der Albaner“. Ob Premier Edi Rama nächste Woche nach Belgrad reist, scheint jetzt zweifelhaft. Wie das abgebrochene Spiel gewertet wird, hat die Uefa zu entscheiden, die gegen beide nationale Verbände Disziplinarverfahren eingeleitet hat. Ungeschoren dürften die Gastgeber wegen der mangelnden Sicherheitsvorkehrungen kaum davonkommen, auch wenn Serbiens Kapitän Bane Ivanovic und Kollegen im Kabinentunnel die Gäste noch zu schützen versucht haben.