Posse auf den Fildern Kassiert ein Konzern die Trikots behinderter Spieler?

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Das Versicherungsunternehmen HDI droht mit saftigem Ordnungsgeld, weil eine Inklusivmannschaft sein Logo verwendet. Dabei hat das Unternehmen die Shirts gar nicht bezahlt, sondern eine ehemalige Mitarbeiterin, der das Engagement der Sportler ans Herz ging.

Marco Pisacreta hat die All-Inklusiv-Mannschaft gegründet. Foto: TSV Musberg
Marco Pisacreta hat die All-Inklusiv-Mannschaft gegründet. Foto: TSV Musberg

Vaihingen/Musberg - Marco Pisacreta hat sich und anderen Jungs einen großen Traum erfüllt: trotz massiver körperlicher oder psychischer Einschränkungen regelmäßig mit Anderen kicken zu können. Der Mann aus Vaihingen hat die Inklusivmannschaft All-Inklusiv gegründet, und seit gut einem Jahr spielen sie montags im TSV Musberg Fußball (wir berichteten). Neulich hatte das Team im Allgäu sein erstes Turnier und machte prompt den zweiten Platz. Dann wollte ein Versicherungskonzern die Trikots der Mannschaft kassieren, weil sein Logo darauf prangt. Dabei hatte die Firma die Shirts nicht ein mal selbst bezahlt. Eine böse Geschichte drohte, ihren Anfang zu nehmen.

Nicht so schick wie Hannover 96

Die eigentlich Spenderin der Trikots war Karin Graf. Die Versicherungsmaklerin leitete die Stuttgarter Niederlassung der HDI-Versicherung und erhielt eines Tages Post vom TSV Musberg: Ob die HDI Versicherung nicht die neu gegründete Inklusionsmannschaft sponsern wolle. Wollte sie nicht. Der Konzern sponsere zwar Hannover 96, „aber eine Behindertenmannschaft war nicht schick genug“, äzt Graf. So hat sie kurzerhand selbst das Sponsoring übernommen.

Graf ließ ihren Namen samt Logo des Versicherungskonzerns auf die Trikots drucken. Dagegen hatte HDI seinerzeit nichts einzuwenden, war es doch Werbung, die nichts kostete. Doch dann verließ Graf das Unternehmen, und einige Zeit später flatterte ihr eine Unterlassungsforderung von HDI ins Haus: Unter Androhung ordnungsrechtlicher Maßnahmen forderte der Konzern die nun freiberufliche Versicherungsmaklerin auf, Werbung für sich als Sponsorin mit dem Logo der HDI umgehend zu unterlassen. Ihr drohe ansonsten eine Ordnungsstrafe von 5000 Euro je Einzelfall – also je Trikot. Graf war fassungslos über so viel Herzlosigkeit: „Die wollten doch tatsächlich, dass ich den behinderten Sportlern ihre Trikots wieder wegnehme.“

Der Mannschaftsgründer ist sprachlos

Mannschaftsmanager Alexander Schmidt schüttelt den Kopf: „Dass ein Riesenkonzern so ein Theater macht und einer Behindertentruppe auch noch Steine in den Weg legt, finde ich schwach.“ Für die All-Inklusiv-Mannschaft seien die etwa 1500 Euro für Trikots und Trainingsanzüge, die Graf spendete, ein Batzen Geld, für einen Konzern mit zweistelligen Milliardenumsätzen im Jahr nichts. Wenn HDI die Sache nun weiterverfolge, werde er Mühe haben, einen neuen Sponsor für die Trikots zu finden. Denn bislang haben außer Karin Graf nur das Eiscafé Canaletto und die Coacherin Verena Ecker die Mannschaft mit größeren Beträgen gefördert. Es gebe nur kleines Fördergeld und im Notfall lege er auch selbst drauf, sagt Schmidt.

Mannschaftsgründer Marco Pisacreta ist zunächst sprachlos. Es hat den 22-Jährigen, der schwer behindert ist, viel Kraft und Mühen gekostet, die Mannschaft aufzubauen. Dass man ihnen die Trikots wegnehmen will, gleicht für den jungen Mann aus Vaihingen einem persönlichen Angriff. „Das ist schade“, sagt er schließlich gefasst. „Aber deswegen geht das Projekt nicht gleich den Bach runter. Es geht weiter.“

Unterdessen beginnt man in der Konzernzentrale von HDI in Hannover zurückzurudern – jetzt, da der casus unterm Brennglas liegt. Zwar beharrt das Versicherungsunternehmen darauf, dass es in der Sache recht habe und Karin Grafs Trikot-Werbung keineswegs in Ordnung sei. Doch sehe man auch die menschliche Seite, wie Sprecher Andreas Ahrenbeck in einer Stellungnahme schreibt. So sehe man „die gesellschaftliche und soziale Komponente des Engagements von Frau Dr. G. im Hinblick auf diese Mannschaft als sehr wertvoll an. Wir möchten daher vermeiden, dass die aktuelle Diskussion um die Verwendung des HDI Logos zulasten der Mannschaft geht“. Man biete der ehemaligen Mitarbeiterin an, mit ihr kurzfristig „eine pragmatische Lösung zu finden“. Klingt, als dürften Pisacreta und seine Kameraden aufatmen.