Eine WM ist immer etwas Besonderes. Eine Heim-WM sowieso. Auch bei den Junioren. An diesen U-21-Titelkämpfen vom 20. Juni bis zum 2. Juli 2023 in Deutschland teilzunehmen ist auch das Ziel von Fynn Nicolaus. „Davon träumt man schon als kleiner Junge“, sagt der 19-Jährige vom Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart vor dem Heimspiel-Highlight am Samstag (20.30 Uhr/Porsche-Arena) gegen den deutschen Rekordmeister THW Kiel.
Bärenstarker Abwehrmann
Doch von diesem Ziel hat sich Nicolaus durch eine eigene Entscheidung selbst ein Stück weit entfernt. Zwar ist er derzeit gut in Form. Er verteidigt dank seiner körperlichen Robustheit, Zweikampfstärke und schnellen Beinen bärenstark. Und auch im Angriff trug der Rechtshänder zuletzt nach einem 18:23-Rückstand mit drei Toren in der Crunchtime ganz maßgeblich dazu bei, dass der TVB bei Schlusslicht ASV Hamm-Westfalen noch ein 27:27 rettete.
Das Problem mit Blick auf die Junioren-WM: Nicolaus spielt seit der Winterpause nicht mehr am Kreis, sondern im Rückraum. Auf eigenen Wunsch. Da U-21-Nationaltrainer Martin Heuberger sein Potenzial am Kreis viel besser einordnen kann, wie er selbst erklärt, sagt der Auswahlcoach unverhohlen: „Ich habe mich noch nicht endgültig entschieden, und Fynn hätte auch als Kreisläufer keinen Freifahrtschein, aber die Wahrscheinlichkeit, im WM-Kader zu stehen, wäre für ihn als Kreisläufer deutlich größer wie als Rückraumspieler, wo es zudem mehr Alternativen gibt.“
Schweikardt zollt Respekt
Für Fynn Nicolaus ändert das wenig an seiner Haltung: „Ich hatte in der Jugend mit großer Leidenschaft im Rückraum gespielt und wollte einfach wieder auf dieser Position am Ball sein. Jetzt gebe ich alles, um mich auch dort durchzusetzen und bei der WM dabei zu sein.“ Als Nicolaus in der Winterpause mit seinem nicht alltäglichen Wunsch auf Trainer Michael Schweikardt zuging, zeigte sich dieser zwar etwas überrascht, aber auch offen für die Idee. Drei Monate später sagt er: „Ich zolle Fynn großen Respekt, dass er diesen Wunsch laut geäußert hat. Er ist unglaublich fleißig, hat aber lange nicht im Rückraum trainiert, deshalb fehlen ihm die Wiederholungen.“ Auch Heuberger findet es gut, dass sich der Nachwuchsmann klar artikuliert hat, „nur muss er auf dieser Position noch den Beweis seiner Klasse antreten“.
Dass Nicolaus zur Kategorie Ausnahmespieler gehört, war früh klar. Mit 16 Jahren feierte er im September 2019 sein Erstligadebüt in der Posche-Arena gegen die TSV Hannover-Burgdorf. Nicolaus ist damit bis heute der jüngste Spieler der Bundesliga-Geschichte. „Ich bin eine Minute vor Schluss reingekommen, von der Linksaußen-Position an den Kreis gerannt – dann war das Spiel schon aus“, sagt Nicolaus und spielt das historische Ereignis herunter. Was nichts daran änderte, dass ihn manche danach schon als Jahrhunderttalent feierten. Das war ein bisschen dick aufgetragen, aber ein Versprechen für die Zukunft ist das 1,94 Meter große und 104 Kilogramm schwere Kraftpaket auch noch dreieinhalb Jahre später.
Setzt Nicolaus sich durch?
Die große Frage wird sein, ob sich der Allrounder im Rückraum durchsetzt. Eigentlich war die Positionsrochade erst für die kommende Saison geplant. Doch in der WM-Pause taten sich nicht vorhersehbare Dinge: Durch den Abgang von Oscar Bergendahl zum SC Magdeburg kam mit Marino Maric ein Kreisläufer zum TVB, der ganz eindeutig seine Qualitäten im Angriff hat. Zudem wurde die ursprünglich erst für Sommer vorgesehene Verpflichtung von Lukas Laube vorgezogen – und der Schweizer spielt ebenfalls am Kreis.
Für Nicolaus war also der Weg in den Rückraum frei. Auf dieser Position hatte er im Nachwuchs bei der Handballregion Bottwar JSG begonnen, erst in den Auswahlmannschaften des Handball-Verbandes Württemberg (HVW) und des Deutschen Handballbundes (DHB) unter Jochen Bepler und Erik Wudtke erfolgte der Positionswechsel. Auch Heuberger hatte Nicolaus am Kreis eingeplant. „Es bringt aber nichts, einen Spieler zu zwingen, auf einer bestimmten Position zu spielen“, sagt der Mann aus der Ortenau.
Nicolaus muss also neben seiner Abwehrqualität einfach weiter im Rückraum Gas geben, um auf den WM-Zug aufzuspringen. Eine Galavorstellung am Samstag mit dem TVB gegen den Branchenprimus THW Kiel würde dabei garantiert nicht schaden.