Gérard Depardieu wird 70 Der Klotz, dem man alles zutraut

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Der Schauspieler Gérard Depardieu wird siebzig Jahre alt und kämpft mit einem ramponierten Ruf. Seit er 2013 die russische Staatsbürgerschaft angenommen hat, gilt er vielen als durchgeknallt.

Gérard Depardieu ist mit den Jahren schon ein wenig feist geworden. Foto: dpa
Gérard Depardieu ist mit den Jahren schon ein wenig feist geworden. Foto: dpa

Stuttgart - Man kann das feist nennen, wie der französische Schauspieler Gérard Depardieu mittlerweile aussieht. Er ist auf jene Weise dick, wie bestimmte Autos dick sind, als wolle da jemand aggressiv signalisieren, dass er unbedingt mehr Platz auf dieser Welt zu beanspruchen vorhat, als ihm zusteht. Aber ist das eine sinnvolle Interpretation dieser Wampe, bei einem, der doch das französische Kino der vergangenen Jahrzehnte so omnipräsent und energisch mitbestimmt hat, dass man vermuten musste, da machten sich Sechslinge einen Spaß daraus, mit einem einzigen gemeinsamen Personalausweis die Welt zu foppen?

Vielleicht ist Depardieus Leibesfülle einer anderen Art Speck geschuldet, dem Kummerspeck, mit dem sich einer gegen die ihm zunehmend feindlich gesinnte Welt abzupolstern versucht. Denn dieser am 27. Dezember 1948 geborene Mann, der stets alles spielen konnte, ohne auffällig unterschiedlich zu agieren, der sich einfach vor die Kamera schob und durch ein paar innere Umverteilungen andere Typen schuf, ist in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend zu einem durchgeknallten Popanz erstarrt.

Wie einst als Tunichtgut

Man sieht ihn als egoistischen, eitlen Steuerflüchtling, der sich aus gekränkter Eitelkeit Wladimir Putin als Propagandahelfer an die Brust warf, der sich 2013 einen russischen Pass geben ließ, als könne er so seine französischen Mitbürger erschrecken – wie Eltern, die einst in Zeiten schwarzer Pädagogik ihren Kindern damit drohten, sie ganz im Stich zu lassen, sollten sie künftig nicht braver sein.

Und Depardieu ist fraglos einer, der lospoltert, wenn er sich missverstanden fühlt, der kleine Kränkungen mit großen Beleidigungen ahndet, der in Konfliktsituationen noch immer die Reflexe aufruft, die er sich in seiner Zeit als jugendlicher Tunichtgut und Kleinkrimineller angeeignet hat: keine Schwäche zeigen, die anderen einschüchtern, immer unberechenbar bleiben.

Ein anderer Blick

Die Boulevardmedien konnten mit ihm zeitweise ein fröhliches Schlachtfest veranstalten. Mittlerweile hat im Zug der Metoo-Debatte eine junge Schauspielerin Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn erhoben, die mangels gerichtsverwertbarer Beweise oder Zeugen wohl nie geklärt werden können. Aber ein fast achselzuckend verächtliches „Zuzutrauen wär’s ihm ja“ scheint Konsens bei vielen zu sein.

Gegen dieses gefällige grelle Bild stemmt sich ein Stück Comicjournalismus: „Gérard: Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ (auf Deutsch beim Reprodukt-Verlag) von Mathieu Sapin. Der Zeichner war in den Jahren des Durchknallens nah dran an dem Wüterich und bietet uns eine ganz andere Sicht auf einen Mann, dem vieles missrät. So würden wir das ja auch in jedem Depardieu-Film erwarten: dass dieser grobe Klotz ein kompliziertes Innenleben enthält.