Gabriele Siedle Unternehmerin baut spektakuläres Kunstmuseum
Mehr als zwei Jahrzehnte prägte Gabriele Siedle das drittälteste Familienunternehmen in Baden-Württemberg. Nun gibt sie ihrer Kunstsammlung eine Heimat.
Mehr als zwei Jahrzehnte prägte Gabriele Siedle das drittälteste Familienunternehmen in Baden-Württemberg. Nun gibt sie ihrer Kunstsammlung eine Heimat.
Verkehrte Welt an der derzeit wohl spannendsten Baustelle im Hochschwarzwald. Da steht man mitten in einem Haus und schaut doch statt auf Innenwände auf eine Außenfassade aus gegossenem Beton. Fenstersimse, Schindeln, Risse, Löcher und sonstige Unebenheiten und Macken sind detailgetreu übernommen worden. Vorlage war das baufällige Wohnhaus, das bis zum Abriss an jener Stelle stand und eng mit dem Furtwanger Unternehmen S. Siedle & Söhne Telefon- und Telegrafenwerke OHG, dem bekannten mittelständischen Hersteller von Türkommunikationsanlagen, verbunden ist. Ein Negativ vom Original, eine invertierte Architektur, eine beeindruckende Raumwirkung, ein Ausrufezeichen – und das Vermächtnis der Siedles.
Es handelt sich um ein Haus im Haus, denn über dem Betonquader thront ein imposantes, neu interpretiertes und bis auf den Boden heruntergezogenes 1400 Quadratmeter großes Schwarzwalddach – eine architektonische Hommage an die vielen stattlichen Höfe in der Region. 100 000 Schindeln aus kanadischem Zedernholz und 270 000 Stahlnägel sind auf dem Dach verbaut. Die Glasfassade ist an ihrer höchsten Stelle 13 Meter hoch. Die Grundfläche dieses verkehrten Hauses hat 150 Quadratmeter, ebenfalls 13 Meter sind es bis zum Dachfirst. An den Wänden, an diesem erstaunlichen Relief, sollen ab 2026 Werke aus der 400 Gemälde umfassenden Kunstsammlung der Siedles präsentiert werden – womit sich die Familie einreihen wird in die Liste baden-württembergischer Sammler und Mäzene wie Frieder Burda in Baden-Baden, Reinhold Würth in Künzelsau oder die Familie Grässlin aus St. Georgen im Schwarzwald.
Gabriele Siedle, Jahrgang 1951, und ihr 2019 im Alter von 80 Jahren nach langer schwerer Krankheit verstorbener Ehemann Horst Siedle haben schon in den 1990er-Jahren angefangen, Kunst zu sammeln. Sie haben Arbeiten von Fernand Léger, Oskar Kokoschka, Emil Nolde oder Alexej von Jawlensky erworben, aber auch Bilder und Serien von Pablo Picasso und nicht zuletzt von Ernst Ludwig Kirchner und anderen Expressionisten aus dem Umfeld der Künstlergruppe „Brücke“. Viele Darstellungen von Frauen sind es. Was das alles kostet? Die Investition für das Siedle Haus sei dem Wert der Sammlung angemessen, sagt Gabriele Siedle, eine elegante, distinguierte und dennoch zugewandte Frau. Sie wolle den Menschen hier oben etwas zurückgeben, das Haus sei ein Herzensprojekt von ihr und ihrem Mann.
Sie, die sich vor zwei Jahren aus der Geschäftsführung zurückgezogen hat, sitzt in der Siedle Villa, dem baugleichen Gegenüber des verkehrten Hauses aus dem Jahr 1892, dem einzig erhaltenen historischen Gebäude auf dem Areal, und schwärmt vom Neubau nebenan: „Was lange visionär war, das ist nun griffig. Unsere Geschichte ist in Beton gegossen, Siedle hat ja als Gießerei für Glocken begonnen.“
Tradition verpflichtet. Das 1750 gegründete Familienunternehmen liegt laut Stiftung Familienunternehmen auf Platz 34 im Ranking der ältesten im Familienbesitz befindlichen deutschen Unternehmen. Vor Siedle in der Liste ist der saarländische Porzellanhersteller Villeroy & Boch (1748), hinter Siedle die Bierbrauer von der Warsteiner Gruppe (1753). Auf Baden-Württemberg bezogen ist Siedle das drittälteste noch existierende Familienunternehmen, Kleinbetriebe ausgenommen.
Siedle hat sich schon immer neu erfunden, neu erfinden müssen. Aus der Glockengießerei wurde ein Hersteller von Telefonapparaten, in den 1920er-Jahren spezialisierte man sich auf Türkommunikationstechnik. Anspruchsvolles Design und Technik, keine Massenware für den Baumarkt. Am Eingang zum Deutschen Bundestag steht eine Siedle-Anlage aus edlem Stahl, ebenso an der Oper von Oslo oder an der Tür des Polizeipräsidiums Hamburg, ganze Krankenhäuser bestreiten ihre interne Kommunikation mit Siedle, und an Millionen deutschen Haustüren erfolgt die Türkommunikation über Gegensprechanlagen aus Furtwangen.
Produziert und entwickelt wird ausschließlich im Hochschwarzwald. Schon immer. Die Zahlen stimmen: 2024 haben bei der Siedle-Gruppe 420 Mitarbeitende für einen Umsatz von 77 Millionen Euro gesorgt, ein Zuwachs von sechs Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Ein starkes Zeichen in Zeiten schwächelnder Baukonjunktur.
Gabriele Siedle, die in Gaggenau eine Lehre als Bankkaufmann – die Bankkauffrau gab es im damaligen Sprachgebrauch noch nicht – machte und später nach Baden-Baden wechselte, hat in der langen Unternehmensgeschichte Spuren hinterlassen. Was nicht abzusehen war. Ihrem Anfang hier oben wohnte ein Fremdeln inne: Die Geschichte mit ihrem ersten Winter im Hochschwarzwald erzählt die gebürtige Gaggenauerin immer noch gerne. Wie sie damals, Mitte, Ende der 1990er-Jahre und frisch vermählt, angekommen war mit ihren eleganten Schuhen und im BMW Cabriolet. Was für ein Unterschied zum mondänen Baden-Baden! Wie sie dann einmal in der Nähe des Wohnhauses auf 950 Metern Höhe herumgeirrt war, vor lauter Schnee die vertrauten Wege nicht mehr fand und von ihrem Mann eingesammelt wurde. Und wie ihr die Menschen hier oben zu verstehen gegeben haben: „Wenn du hier länger bleiben willst, dann brauchst du andere Schuhe und ein anderes Auto.“ Gabriele Siedle, schon alleine wegen ihres damaligen Berufs als Leiterin der Vermögenskundenabteilung bei der Dresdner Bank eine gute Zuhörerin, verstand: Winterschuhe wurden angeschafft, ebenso ein wintertaugliches, wenn auch nicht so schickes Auto, ein Audi Quattro. Und sie ist geblieben. Mehr als ein Vierteljahrhundert schon.
In Furtwangen, das muss man wissen, zeigt sich der Schwarzwald nicht von seiner pittoresken Seite. Knapp 8500 Menschen leben hier noch, früher waren es mehr als 11 000. Die Jungen ziehen weg, es gibt weder einen Bahnhof noch ein Kino, von einem Nachtleben kann trotz der vielen Studierenden nicht die Rede sein – außer vielleicht an Fasnet. Auf der Fahrt die Hauptstraße hinunter in den Talkessel zum Siedle-Werk reiht sich ein mittelständisches Unternehmen ans andere: Scherzinger-Pumpen, Dold-Relais, weiter unten der Getriebehersteller Benedikt Ketterer Söhne oder die E. Wehrle GmbH, die seit 1842 Wasserzähler produziert. Hier wird geschafft, Furtwangen hat seit jeher eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in Deutschland, viele sogenannte Hidden Champions sind hier angesiedelt, die renommierte Hochschule, hervorgegangen aus der Uhrmacherschule, bildet aus. Ein Standortnachteil: Es regnet und schneit viel hier oben, Furtwangen muss man wollen.
Gabriele Siedle wollte und will es. Sie, die schon immer ihr eigenes Geld verdient hat, fängt an in der Unternehmenskommunikation und im Finanzbereich, sie setzt mit Siedle Steel auch gegen den anfänglichen Widerstand ihres Mannes eine neue, ästhetisch anspruchsvolle und hochwertig Designlinie durch. „Mein Mann war skeptisch, schließlich war die Umstellung auf Kunststoff wenige Jahrzehnte zuvor ein Kraftakt gewesen. Doch ich habe nicht locker gelassen, ich habe ihn lange damit genervt. Von den Außenstationen macht Siedle Steel heute rund 30 Prozent des Umsatzes aus“, sagt sie nicht ohne Stolz. Eine Bestätigung. Auch für ihren Führungsstil: Statt durchregieren, die Menschen überzeugen und mitnehmen.
Ab 2005 mit der Erkrankung von Horst Siedle muss sie ganz alleine entscheiden, viele fragen sich damals: „Kann sie das? Eine Frau?“ Zumal die Rahmenbedingungen damals nicht besonders gut sind: Der Aufschwung Ost ist zu Ende, der Markt in den neuen Bundesländern gesättigt, dazu die Herausforderungen der Globalisierung und Digitalisierung. Die Umsätze gehen zurück, Siedle steht unter Druck. Heute kann Gabriele Siedle über ihre Zeit als Firmenchefin sagen: „Ich habe in vielen Dingen richtig gehandelt. Ich bin stolz, dass es uns als Familienunternehmen so noch gibt, das ist keine Selbstverständlichkeit.“ Weil sie, in Abstimmung mit Horst Siedle, das Unternehmen in eine Familienstiftung überführt hat. Das Unternehmen als Ganzes ist dadurch erhalten geblieben, auch wenn es nun das erste Mal in der Geschichte und nach sieben Generationen nicht von Familienmitgliedern geführt wird. Die Geschäftsführung muss sich an den von Gabriele Siedle verfassten Leitplanken orientieren. Soziale Verantwortung, Standorttreue, die Bewahrung von Eigenständigkeit und anderes sind darin festgeschrieben.
Gabriele Siedle ist Geschäftsführerin der Holding-Gesellschaft geblieben, in der alle Gesellschaften der Siedle-Gruppe gehalten werden. Kann sie, die Patriarchin, die nie daran gemessen werden wollte, dass sie eine Frau ist, sondern an dem, was sie geleistet hat, loslassen? „Ich halte mich weitgehend aus dem Tagesgeschäft heraus, das sendet auch das Signal, dass ich anderen vertraue.“
Und nun? „Ich freue mich fast jeden Tag“, sagt sie, lacht und schenkt dem Gast Kaffee ein. Das kleine Glück im Leben: Besuche auf dem Wochenmarkt, gutes Essen, Städtereisen in ihrem Lieblingsland Italien. Am Morgen zuerst der Blick auf die Umsätze des Unternehmens, die stimmen. Und oft fährt sie an der Baustelle vorbei. Inspiration für den Neubau war ein Aquarell von Horst Siedles Vater Max. Entworfen hat das Siedle Haus der in Berlin ansässige Architekt Arno Brandlhuber, das Freiburger Büro hotz + architekten ist mit diesem eine Kooperation eingegangen und setzt die Pläne um, verantwortlich vor Ort ist Michael Eichmann.
Für den Betonabguss des verkehrten Hauses sei „ein spezielles und bisher einzigartiges Verfahren entwickelt, welches in dieser Form und Größe weltweit noch nie umgesetzt worden ist“, erläutert Eichmann beim Ortstermin. Mit Laservermessung und Fotos, der sogenannten Photogrammetrie-Methode, sei zuerst ein 3D-Abbild der Fassade geschaffen worden – eine Unmenge von Daten und die Basis für die Herstellung der Matrizen für den Abguss.
Gebäudehülle und Dach sind fertig, der Innenausbau soll bis zum Herbst folgen. Im Innern dominiert Sichtbeton, eine bis zu 13 Meter hohe Spiegelwand trennt den öffentlichen Raum von den Büros und dem Lager. Viel Raum, viel Licht, viel Luft. „Wir wollen mit der Architektur Transparenz erzeugen, eine einladende Geste von innen nach außen schaffen“, sagt Eichmann. Das gesamte Areal zwischen Siedle und dem Flüsschen Hintere Breg werde neu gestaltet, der Ort solle zur Begegnung einladen.
Auch Gabriele Siedle betont, dass es sich beim Siedle Haus nicht nur um ein Museum handeln soll. Ein Forum solle entstehen, viele Veranstaltungen seien geplant, die Menschen in Furtwangen sollen mit einbezogen werden: „Kunst ist immer auch Anregung für einen gesellschaftlichen Diskurs“, sagt sie. Im Frühjahr 2026 kommt die erste Ausstellung. Alles ziemlich wow für eine Kleinstadt wie Furtwangen.