Im Jahr 1991 übernahm Matthias Uhlig die Kakteengärtnerei und damit die Pflege von mehr als 3000 verschiedenen Arten. Forschen und Ausprobieren liegen dem Chef besonders. Foto: / Stoppel
In Kernen-Rommelshausen ist sie zu finden, die Kakteengärtnerei Uhlig. Dort kümmert sich der Chef Matthias Uhlig mit viel Liebe, Forscherdrang und Expertise um Pflege und Vermehrung der über 3000 speziellen Gewächse in den alten Glashäusern.
Berührungsängste hat er nicht. Warum auch. Matthias Uhlig ist mit Kakteen aufgewachsen, kennt sie in- und auswendig. Er weiß deshalb auch, dass gar nicht alle Sorten piksen, und wenn doch, wie er sie anfassen muss. Und er weiß, dass Kakteen gar keine Stacheln haben. „Eigentlich heißt es bei Kakteen Dornen. Stacheln haben die Rosen. Aber im Volksmund wird es eher umgekehrt verwendet.“
Wer zu Besuch in Kernen ist, kann die über 3000 Exemplare bestaunen
Wer einen Besuch in der Kakteengärtnerei Uhlig im Kernener Ortsteil Rommelshausen macht, kann sich solche Dinge erklären lassen. Er kann auch Fragen zum Düngen, zum richtigen Gießen und zum perfekten Standort stellen. Oder er bummelt einfach durch die großen alten Gewächshäuser und macht sich ein Bild von den über 3000 Kakteen und anderen Sukkulenten, die dort fein säuberlich aufgestellt stehen. Wohin das Auge blickt, reihen sich größere und kleinere, mit und ohne Blüten, mal mit ganz großen Dornen, mal komplett ohne, in unterschiedlichsten Formen und Farben aneinander.
Wenn der Chef mitläuft, wird auf jeden Fall bei der Echinopsis Hybride Sunny Halt gemacht – sie blüht wunderschön und ist aktuell sein Liebling, aber das wechselt oft. Auch bei den „Lebenden Steinen“ bleibt der 65-Jährige stehen – ihr Aussehen erinnert tatsächlich an Steine. Die Pflanze blüht im Spätsommer. „Oft werden sie von Kunden gekauft, und dann sind sie enttäuscht, weil sie ihnen eingehen. Der Grund ist meist, dass sie falsch gegossen wurden“, sagt der 65-Jährige und erklärt, dass die Sukkulenten, die an besondere Verhältnisse angepasst sind und Wasser speichern können, auf keinen Fall zwischen Januar und Ende April gegossen werden dürfen. „Auch nicht, wenn sie schrumpelig werden und einem Leid tun.“
Die Kunden so zu beraten, dass sie erfolgreich sind, ist ihm ein Anliegen
Die Kunden gut und umfassend zu beraten, und zwar so, dass sie Freude und Erfolg mit ihrem Kauf haben, ist ihm ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Anliegen. „Die Fragen der Kunden verständlich zu erklären und dabei auch wissenschaftliche Aspekte miteinfließen zu lassen, das ist mein Ding“, sagt Matthias Uhlig und bleibt schon wieder stehen. Dieses Mal bei den Hoyas, den Wachsblumen aus der Familie der Seidenpflanzengewächse. „Diese kletternden oder niedrig wachsenden Sträucher mit ihren dicken, fleischigen Blättern und sternförmigen Blüten sind sehr faszinierend“, sagt Matthias Uhlig. Er hat zu jeder Art passende Informationen und Hintergrundwissen parat.
Kein Wunder: Der Gärtnereichef liebt seine Kakteen und schreibt gerne Bücher über sie. „Kakteen machen nur ein bis zwei Prozent aller Pflanzen aus, die verkauft werden. Das ist eine wirklich extrem kleine Nische. Entweder mag man Kakteen oder man hasst sie. Jeder hat schon mal schlechte Erfahrungen mit Kakteen gemacht und verschenken lassen sie sich auch nicht wirklich gut“, sagt Matthias Uhlig, der 1991 die Kakteengärtnerei von seinem Vater übernahm und sie seither mit seinem Geschäftspartner Uwe Mergel führt. Um die Auswahl an Pflanzen ständig zu erweitern und zu verbessern, bezieht er die Kakteen und anderen Sukkulenten auch von vielen anderen Gärtnereien aus der ganzen Welt. „Auch bei den Kunden haben wir Liebhaber von Kakteen und anderen Sukkulenten aus über 60 Ländern.“
Die stacheligen Schönheiten haben eine Fangemeinde. /Gottfried Stoppel
In der Erinnerung hat er nie woanders hingehört, als in die Gärtnerei
In seiner Erinnerung hat er nie woanders hingehört, als in die väterliche Gärtnerei. An diesem speziellen Ort hat er Zeit mit seinem Papa verbracht, hat sich wohlgefühlt und die Gärtnerei als Abenteuerspielplatz betrachtet. „Ich konnte so Schritt für Schritt eintauchen in diese tolle Welt. Vor die Frage gestellt, ob ich die Gärtnerei mal übernehmen möchte, war ich trotzdem erst mal überfordert.“ Er machte eine Gärtnerausbildung in der Wilhelma und war angesichts der dortigen Artenvielfalt richtig froh, sich auf Kakteen konzentrieren zu können. Die Entscheidung hat er nie bereut, aber interessiert hätten ihn auch noch andere Dinge. Besonders die Wissenschaft und das Forschen haben ihn immer gereizt. „Ein Biologiestudium wäre auch was gewesen, aber das ging mit der Entscheidung, den Betrieb mal zu übernehmen, nicht mehr.“ Das hat er auf andere Weise kompensiert – durch ein Studienjahr am Goetheanum in Dornach, durch die Bücher, für die er forscht und durch Fernsehbeiträge, in denen er über die Kakteenwelt erzählt.
Der jüngste Sohn wird die Gärtnerei bald übernehmen
Und wenn er dann durch seine Gewächshäuser läuft – vorbei an Wüstenrose und Aloe Vera – dabei das jüngste seiner drei Kinder anleitet, das mal übernehmen wird und Abläufe im Betrieb optimiert, ist er voll und ganz zufrieden. „Der Produktionsgartenbau hat zu kämpfen, deshalb sind wir froh, wenn wir mit unserem extremen Nischenprodukt über die Runden kommen.“ Dass dies gelingt, dafür sorgen vor allem Stammkunden, aber auch Laufkundschaft und Neulinge. Für Letztere setzt sich Uhlig ein. Sie sollen so begeistert sein und wissen, wie man die Kakteen richtig pflegt, dass sie wiederkommen. „Der richtige Dünger ist das Wichtigste. Sehr viel läuft über unseren Online-Shop, das hat uns während Corona gerettet.“ Sie hätten keinen leichten Stand, sagt Uhlig und erinnert sich an einen spektakulären Auftrag – eine Firma hat einen fünf Meter großen Kaktus im Wert von 10 000 Euro bestellt. „Das ist die Ausnahme. Im Alltag setzen wir auf die ein bis zwei Prozent Kunden, die unser extremes Nischenprodukt so lieben wie wir“, sagt der Chef, der sich sein Wissen in erster Linie durch Ausprobieren beigebracht hat – genau wie einst Vater Karlheinz.
1959 gründete der Seniorchef Karlheinz Uhlig die Gärtnerei in Kernen
1959 gab der seine erste Kaufliste heraus – der Beginn von Kakteen Uhlig. „Er hat sich bereits als Kind für Kakteen interessiert und die Sammlung wuchs stetig. Nach und nach entwickelte er aus dem Hobby die weltweit vernetzte Gärtnerei mit heute rund 4000 Quadratmetern.“
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