Marktgeschichten aus Leonberg Eine Markt-Institution nimmt Abschied
Gärtnermeister Klaus Stammel aus Höfingen geht in den Ruhestand und weil keine Nachfolger gefunden wurden, bedeutet das das Aus für den 1959 gegründeten Familienbetrieb.
Gärtnermeister Klaus Stammel aus Höfingen geht in den Ruhestand und weil keine Nachfolger gefunden wurden, bedeutet das das Aus für den 1959 gegründeten Familienbetrieb.
Im computergesteuerten Glashaus, dem einstigen Stolz des Betriebes, fallen die Sonnenstrahlen auf öden Boden. Die Folientunnels, in denen sonst Ackersalat gedieh, sind verwaist. Im zweiten Glashaus, in dem sich um diese Jahreszeit schon die Blütenpracht abertausender Balkonpflanzen abzeichnete, sind die Pflanztische leer. Vom einst von der Kundschaft überrannten Hofladen zeugen nur noch ein paar leere Regale.
Auf dem Hof im Gewann Am Hafenscherben in Leonberg-Höfingen, wo sonst ein geschäftiges Treiben herrschte und sich viele fleißige Hände regten, ist es still und leer. So sieht es nach 64 Jahren in einer Traditionsgärtnerei aus, wenn das Herz und die Seele des Betriebes in den Ruhestand gehen – und keines der sechs Enkel des Firmengründers sein Werk weiterführen will.
„Ich glaube, ich habe nicht alles falsch gemacht“, sagt Klaus Stammel eine Woche nachdem er auf dem Wochenmarkt an der Leonberger Steinstraße die letzten leeren Gemüsekisten auf den Lastwagen geladen hat, den Verkaufsstand abgebaut und an seinen Abstellplatz gebracht hat. Klaus Stammel ist seit einer Woche Rentner.
Was ihn zu der Annahme bewegt, dass er nicht alles falsch gemacht habe, ist der gefühlsbetonte Abschied, den ihm seine Kundinnen und Kunden bereitet haben, seine Kolleginnen und Kollegen unter den Marktbeschickern, Freunde, Bekannte, Mitarbeiter und natürlich die Kinder.
Da war das kleine Mädchen das sagte: „Ich habe gerne bei Ihnen eingekauft!“ Da war der Junge, der ein Päckchen Gummibärchen als Dankeschön überreichte. Die erste Kundin war schon um 6.20 Uhr am Stand – mit einem Rüblikuchen im Korb. Es war ein Tag, an dem der „harte“ Kämpfer für die Belange der Marktbeschicker viele Tränen unterdrückte, so manche heimlich wegwischte, aber nicht selten so gerührt war, dass er ihnen einfach freien Lauf ließ.
Als dann auch noch, ganz heimlich von Tochter Stefanie, Sohn Sebastian und ihren Partnern organisiert, ein Spalier aus Familienmitgliedern und Mitarbeitern den einfahrenden Lastwagen im Hof der Gärtnerei in Höfingen begrüßte, war es mit der Beherrschung endgültig vorbei. „Da konnte ich es nicht mehr heben und die Tränen sind einfach geflossen“, sagt Klaus Stammel eine Woche später und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Klaus Stammel, Jahrgang 1958, ist in der Gärtnerei seiner Eltern Rosalia und Matthias Stammel groß geworden, er war immer, wie die anderen fünf Geschwister auch, in den von den Pflanzen bestimmten Jahreszyklus aus Säen, Betreuen, Pflegen und Ernten und dann Vermarkten eingebunden. Und so war es für den Gärtnermeister selbstverständlich, den elterlichen Betrieb gemeinsam mit Bruder Matthias und Schwester Roswitha zu übernehmen, zu stärken, auszubauen und weiter zu entwickeln. Doch keines der sechs Enkel des Firmengründers konnte sich jetzt für diese Herausforderung begeistern.
„In einer Gärtnerei geht man nicht von heute auf morgen in den Ruhestand, das will reiflich überlegt werden und es braucht einen langen Anlauf, alles dicht zu machen“, sagt Klaus Stammel im Rückblick. Da lasse sich nicht einfach die Tür zumachen.
Die ersten Vorboten haben sich bereits im September 2022 angekündigt, als keine Pflanzen mehr für die Glashauskulturen bestellt wurden. Bei den Balkon- und Bettblumen war schon im Frühsommer das Aus eingeleitet worden. Dass kein Nachfolger gefunden wurde, sei der Hauptgrund für das Aus, sagt Klaus Stammel. Nicht unerheblich dazu beigetragen habe auch das äußerst schlechte Gemüsejahr 2022. „Wegen der Trockenheit hatte ich viele schlaflose Nächte, wie ich meine Pflanzen durchkriege“, erzählt der frisch gebackene Rentner.
Zudem werde es immer schwieriger, gutes Personal zu finden. „Das zeigt sich schon darin, dass alle meine Verkäuferinnen und Verkäufer von den Kollegen abgeworben wurden, als bekannt wurde, dass sich aufhöre“, sagt der Gärtnermeister. Hinzu komme der Mangel an Saisonarbeitern.
Die ausufernde Bürokratie mache das Arbeiten nicht leichter. Nicht zuletzt habe dann eine nötige Investition von rund einer halben Million Euro in die Holzhackschnitzelheizung das Tüpfelchen auf das i gesetzt.
Mit jedem Argument, das für den Schritt sprach, sei der Druck im Kopf immer kleiner geworden, beschreibt Klaus Stammel sein schweres Ringen mit dem Entschluss aufzuhören. Zufrieden sei er, dass er seiner Mutter habe ersparen können, dass ihr Lebenswerk und das ihres Vaters verkauft wird. „Verpachtet heißt nicht aufgegeben“, meint Klaus Stammel und erzählt, dass er morgens immer noch sehr früh aufwache. „Das verwundert nicht, wenn man seinen Wochenablauf kennt“, sagt Ehefrau Silvia.
Montags sei der Kontrolltag gewesen mit Rundgängen durch die Glashäuser und Inventur in den Kühlhäusern, um nachzusehen, was gekauft, was ersetzt und was an die Tafelläden in Leonberg und Ditzingen verschenkt wird. Dienstag war Einkauf im Großmarkt in Stuttgart angesagt, das bedeutete um drei Uhr nachts losfahren. Mittwoch und Samstag war dann Markttag in Leonberg, und das hieß bei Regen und Schnee, Wind und Wetter ab 5 Uhr den Verkaufsstand aufzubauen. Der Freitag war der Verteilertag, an dem alles gerichtet, geerntet und verteilt wurde, was auf den vier bedienten Wochenmärkten vorrätig sein musste.
„Ohne die Familie wäre das nicht gegangen“, sagt Klaus Stammel mit einem dankbaren Blick in Richtung seiner Ehefrau Silvia. Seit 1985 sind sie ein Paar. „Es ist eine Wochenmarktliebe“, gesteht Klaus Stammel. Wo sonst hätte er die gelernte Krankenschwester wohl kennenlernen können, wenn die Tochter einer Gärtnerfamilie nicht am Verkaufsstand der Familie ausgeholfen hätte. Das Leben geht dabei oft seltsame Wege, denn auch Tochter Stefanie und ihr Partner Steffen sind ein solches Wochenmarkts-Liebespaar.
Ihr Sohn Enzo und der andere Enkel Rafael, von Sohn Sebastian und seiner Frau Daniela, sind der ganze Stolz von Oma Silvia und Opa Klaus. Und sie freuen sich schon auf ein drittes Enkelkind im Sommer. Mit den Kleinen viel, viel Zeit zu verbringen, das hat sich Klaus Stammel für den Ruhestand vorgenommen. Er will Freunden und Bekannten helfen. Geplant ist auch, dass er und seine Ehefrau sich E-Bikes zulegen und den Schwarzwald erkunden. „Am Bodensee wird man uns öfter antreffen und auch unser Ferienhaus in Brandenburg werden wir nun häufiger selbst belegen“, zählt er auf.
Auch das Ehrenamt, insbesondere die Tagesverfügbarkeit in der Feuerwehr, will Klaus Stammel weiterhin aufrecht halten. Vieles in dem Betrieb wird künftig von einem Pächter genutzt, aber nicht alles. Das bedeutet für Klaus Stammel, der einfach nicht still sitzen kann: „Es gibt noch viel zu tun.“