Gärtnern an den Gleisen Nur mit Warnweste in den Kleingarten

Gärten längs der Gleise: Die Bahn-Landwirtschaft kümmert sich um die Parzellen in besonderer Lage. Foto: Simon Granville

Der Verein Bahn-Landwirtschaft betreut in Württemberg rund 4000 Parzellen. Knapp 600 Kleingärtner kommen aus Kornwestheim.

Kornwestheim - Roswitha Rißler ist auf einen Sprung und einen Kaffee bei Monika Steffen vorbeigekommen. Die beiden Damen genießen den Spätsommer, nur einen Steinwurf entfernt rumpelt in ihrem Rücken ein Güterzug vorbei. Auch auf der anderen Seite des Kleingartens liegen lauter Schienen. Monika Steffen hat ihr Paradies mit blühenden Blumen, mit Gewächshaus und kleiner Gartenhütte praktisch mitten auf dem Kornwestheimer Rangierbahnhof, erreichbar über ein kleines Sträßle und durch einen kurzen Durchlass unter den Gleisen.

 

Nein, einen Kleingarten vermutet man hier nicht. Und wer seinen Blick über die weitläufigen Gleisanlagen – Kornwestheim hat den zweitgrößten Rangierbahnhof in Baden-Württemberg – schweifen lässt, der entdeckt immer wieder blühende Oasen im Schienengewirr. Edwin Bartsch, Leiter des Unterbezirks Kornwestheim der Bahn-Landwirtschaft, weiß aus der Historie zu berichten, dass in den Anfangsjahren des Rangierbahnhofs Beschäftigte nachgefragt hätten, ob sie auf dem schmalen Streifen zwischen den Gleisen nicht Gemüse anpflanzen, Kaninchen züchten und eine Hütte errichten dürften. Sie durften.

Nicht nur für Bahner

Bahn-Landwirtschaft – was sich wie zwei Wörter liest, die nicht zusammengehören, ist ein Verein mit bundesweit knapp 80 000 Mitgliedern, die in 14 Bezirken organisiert sind. Er kümmert sich um Gartengrundstücke längs der Gleise, auf dem Rangierbahnhof oder im Schatten von Stellwerken. Anfangs durften nur Bahnbeschäftigte einen Garten über den Verein pachten, mittlerweile gibt es diese Einschränkung nicht mehr. Das Interesse an Parzellen sei groß, sagt Dennis Walter, Geschäftsführer des Bezirks Stuttgart der Bahn-Landwirtschaft. Er führt eine lange Warteliste mit Bewerbern. Je nachdem, wo sie einen Garten suchen, beträgt die Wartezeit zwischen fünf und 15 Jahren.

Walter verwaltet zusammen mit seinen Kollegen 2,4 Millionen Quadratmeter Fläche in Württemberg. Es wird tendenziell weniger, denn neue Kleingärten kommen kaum hinzu. Dafür fallen Parzellen immer wieder weg, weil Flächen dem Wohnbau zugeschlagen werden. Wohnungen sind zum einen Mangelware und versprechen zum anderen eine höhere Rendite. Ein weiteres Problem für den Verein: Wenn die Bahn Grundstücke aufgibt, dann hat nicht etwa ihre eigene Sozialeinrichtung, die Bahn-Landwirtschaft, ein Erstzugriffsrecht, sondern die Flächen gehen auf den freien Markt und sind damit für die Nutzung als Kleingarten in der Regel verloren. Mit Preisen, die Investoren zu zahlen bereit sind, kann Dennis Walter einfach nicht mithalten.

Manche müssen ein Bahnübergangserklärung unterzeichnen

Mittlerweile schließt der Verein Verträge über Grundstücke nicht nur mit dem Bundeseisenbahnvermögen ab, sondern auch mit Kommunen oder Privatunternehmen. Die Bahn-Landwirtschaft versteht sich als Dienstleister in Sachen Kleingartenwesen. Man sei stets auf der Suche nach neuen Grundstücken, sagt Walter, denn das Interesse an einem Kleingarten wachse.

Anders als in einem Kleingartenverein werden die Bahn-Laubenpieper von den Nachbarn nicht so kritisch beäugt. Andererseits, so Dennis Walter, beobachte er auch immer wieder einen großen Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe, zum Beispiel beim Verlegen einer Wasserleitung. Die Pächter, die bei der Bahn-Landwirtschaft eine Parzelle ergattern, müssen sich an Regeln halten.

Die Schrebergärtner sollten etwa ein Drittel der zur Verfügung gestellten Fläche bewirtschaften, und für den Bau von Gartenhäuschen müssen Anträge beim Unterbezirk gestellt werden. Wer seinen Garten nur erreichen kann, wenn er Gleise queren muss, der muss sogar eine „Bahnübergangserklärung“ unterzeichnen. Und darin ist unter anderem vorgeschrieben, dass vorm Betreten der Gleisanlage auf dem Weg in den Kleingarten eine Warnweste übergestreift werden muss. Kinder dürfen auf keinen Fall allein den Weg zum Schrebergarten nehmen.

Langjährige Pachtverhältnisse

Nur ganz, ganz selten, sagt Heinz Erb, der Edwin Bartsch bei der Arbeit des Unterbezirksleiters unterstützt, geben Pächter ihre Parzelle zurück – und seien die Bedingungen, das Grundstück zu erreichen, noch so schwierig. Er selbst hat seinen Garten, zwischen Kornwestheim und Ludwigsburg gelegen, schon 42 Jahre und denkt nicht im Traum daran, das Stückchen Erde zu verlassen.

Den Lärm, den die Züge links und rechts ihres Garten verursachen, nimmt Monika Steffen schon gar nicht mehr wahr. An diesem Nachmittag horcht sie nur einmal auf und schaut über ihren Zaun, als eine Dampflok an ihrem Garten vorbeifährt. Das sind Geräusche, die auch sie nicht jeden Tag hört. Die Kornwestheimerin, die den Kleingarten schon 27 Jahre hegt und pflegt, liebt das Grundstück, der ungewöhnlichen und nicht immer leisen Umgebung zum Trotz. Sie baut Tomaten und Gurken an, die Kartoffelernte 2021 hat sie schon eingefahren, weshalb der Kaffee an diesem Nachmittag besonders gut mundet.

Was der Profi rät

Experte
 Volker Kugel ist seit 24 Jahren Direktor des Blühenden Barocks in Ludwigsburg – begonnen hat er am 1. November 1997. Der 62-Jährige ist Baumschulgärtner und hat an der Fachhochschule im bayrischen Weihenstephan Gartenbau studiert.

Nutzgarten
 Viele Gartenbesitzer haben keinen Nutzgarten mehr. Der war früher vom Rest des Gartens abgetrennt und diente der eigenen Versorgung mit Gemüse, oft auch Beerenobst und Obst. Heute gibt es meist Stauden- und Zierbeete.

Trend
Die Kernidee dieses Trends lautet: Wer Gemüse anbauen will, muss dazu nicht seinen ganzen Garten ändern, sondern nur etwas umgestalten! Das heißt: In vorhandene Staudenbeete und in Beete mit Sommerblumen wird einfach Gemüse so elegant eingebaut, dass die Grenzen zwischen Zier- und Nutzpflanzen verschwinden.

Beginn
Ein Start-Projekt wäre zum Beispiel ein sonniges Staudenbeet, das schon ein paar Lücken hat – und in diese Lücken pflanzen wir unsere Gemüsepflanzen.

Foodscaping
Genauso kann man ins Beet mit Sommerblumen, das man normalerweise anlegt, verschiedene Kräuter integrieren, rotlaubiger Basilikum, Salbeiarten, silberlaubiges Currykraut oder einfach glatte und krause Petersilie. Hauptsache, die Pflanzen haben etwa die gleichen Standortansprüche. „Foodscaping“ nennt sich dieser Trend aus England.

Beispiele
Noch ein Beispiel: In ein Staudenbeet mit gelben Taglilien und Ziergräsern passt Blattkohl mit roten krausen Blättern, der 50 cm hoch wird. In weitere Lücken wird krausblättriger grüner Kopfsalat gesetzt. In dem Beispiel ist die Taktik klar: Der Blattkohl kann von Mai bis Oktober stehen bleiben mit seiner rot-violetten Farbe. Den Salat können wir Mitte Juli genießen, oder wir lassen einige Köpfe „schießen“, bis sie blühen. 

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