Gärtringen Das Puppenhaus von Rainer König: Liebe zum Detail – und einige Überraschungen

, aktualisiert am 20.01.2026 - 10:41 Uhr
Rainer König verbringt jede freie Minute damit, sein Puppenhaus einzurichten. Foto: Stefanie Schlecht

Rainer König stattet ein Mini-Fachwerkhaus im Stil der 30er Jahre aus. Er gießt Werkzeug aus Zinn, näht den Figuren Kleidung. Fehlt ihm dafür eine Maschine, baut er sie selbst.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

In der Werkstatt wird geschafft. Ein Installateur schneidet ein Gewinde, ein Flaschner klopft ein verbeultes Regenrohr, der Praktikant lötet ein Blech, ein Kollege verteilt Weckle für die Vesperpause. An der Wand hängen Sägen und Zangen, daneben der Erste-Hilfe-Kasten. Alles ist genau so, wie es sich für eine Werkstatt gehört – und doch ist nichts normal, denn das Ganze spielt sich im Miniaturformat in einem ein Mal ein Meter großen Puppenhaus im Keller von Rainer König in Gärtringen ab. Alles ist täuschend echt und detailreich gestaltet in dieser eigenen, kleinen Welt.

 

Und mit der Werkstatt ist es nicht getan. Eine Treppe führt in den ersten Stock mit Schlafzimmer, Bad und Wohnküche. Dort glimmt das Feuerholz im Ofen, im Spülbecken liegen abgewaschene Teller und das Geschirrtuch ist zum Trocknen aufgehängt. Der Tisch ist festlich eingedeckt, der Gänsebraten steht bereit.

In der Werkstatt fehlt es an nichts. Foto: Stefanie Schlecht

Miniaturwelt in Gärtringen – „Gewerkelt hab’ ich von klein auf“

Die Miniaturwelt von Rainer König ist das Werk von etwa fünfzehn Jahren Arbeit, in denen er in jeder freien Minute in seiner Werkstatt tüftelt, sich Details ausdenkt und mit Materialien experimentiert. Wie kam er dazu? „Gewerkelt hab’ ich von klein auf“, sagt der 62-Jährige. Seinem Vater, einem Landwirt, habe er bei allem helfen dürfen und „es hat immer was zu reparieren gegeben“. Er ist aufgewachsen mit der Mentalität, alles selber zu machen. Später, als Flaschner und Installateur, konnte er seine Liebe zum handwerklichen Arbeiten auch beruflich nutzen. Seit zehn Jahren ist er aufgrund gesundheitlicher Probleme in Frührente, seither nahm das Projekt Puppenhaus an Fahrt auf. Wie oft er daran arbeitet? „Jeden Tag.“ Beim Werkeln vergesse er seine Schmerzen.

Das Fachwerkhaus, das in der Nachkriegszeit erbaut wurde, hat König schon vor 40 Jahren von einer Firma übernommen, die es wegwerfen wollte. Lange stand es im Keller herum, bis ihm die Idee kam, darin eine Flaschner-Werkstatt einzurichten. Eine Abkant-Bank, mit der Flaschner Bleche biegen, war das erste Stück, das er im Maßstab 1:10 erbaute. „Danach habe ich immer wieder andere Werkzeuge gebaut, Stück für Stück.“

Zum Anfertigen der Kleidung bringt Rainer König sich Nähen bei

Sein Ziel ist, das ganze Haus einzurichten. Unterm Dach plant er ein Büro und ein Kinderzimmer, zurzeit arbeitet er am Schlafzimmer und fertigt dafür seinen eigenen Holzschrank maßstabsgetreu in klein an. Das Bett mit sechseckigen Pfosten steht schon, ebenso Nachtschränkchen mit marmorierter Platte. Die Einrichtung soll aus den 1930er Jahren stammen – was zu der Zeit passt, recherchiert König im Internet. Auch die Kleidung der Figuren, mit denen er das Haus belebt. Zuletzt hat er für drei Flaschner die Zunftkleidung selbst genäht, detailverliebt mit Westenknöpfen, Gürtel mit Koppelschloss, Meterstab und Bleistift in der Hosentasche. „Das ist ein Heideng’schäft“, sagt König. Nähen konnte er bis dahin nicht, „das hab’ ich mir halt beigebracht“. Genau wie das Gießen von Werkzeugen, Tellern oder Wasserhähnen aus Zinn.

Sich zu verlieren in den Kleinigkeiten ist es, was König liebt. Werkzeuge lassen sich aufklappen, aus dem Kochtopf dampft es. Zum Beispiel beim Schweißwagen: Die Flaschen für Sauerstoff und Acetylen werden mit einer Kette zusammengehalten, angebracht sind Druckminderer, Schweißbrenner und Schweißstäbe, lange Schläuche lassen sich auf- und abwickeln. „Die Details machen’s aus, das muss sein“, sagt König und grinst, als er hinzufügt: „Man schüttelt den Kopf.“ Sein liebstes Beispiel ist der Kugelhammer, dessen Griff wie im Original vorne schmal ist, dann breiter wird und wieder schmaler. Der Keil, der dafür sorgt, dass sich der Griff nicht dreht, ist zwei Millimeter groß. Wie er das geschafft hat? „Ich hab mir eine Mini-Drechselbank gebaut.“

„Aufgeben ist keine Option“ – Königs unermüdlicher Ehrgeiz

Selten klappen seine Basteleien aufs erste Mal. Er baut auseinander, plant um, probiert erneut, bis alles perfekt ist. Oft braucht es drei Versuche. „Da brauch’sch Geduld und Ehrgeiz“, sagt der 62-Jährige und strahlt übers ganze Gesicht, als er von dem Gefühl erzählt, wenn der Plan aus seinem Kopf plötzlich aufgeht. Sein Grundsatz: „Aufgeben ist keine Option.“ Zukaufen tut er nur, wenn es gar nicht anders geht.

Im Ofen lodert das Feuer. Foto: Stefanie Schlecht

Fertig wird das Haus wohl nie, denn König fallen immer neue Sachen ein. „Ich habe Ideen auf Jahre hinaus.“ Als nächstes soll sich in der Werkstatt eine Schiebetür automatisch öffnen, ein Freund baut dafür die Elektrik ein. Eine Herausforderung wird sein, Damenkleidung der 30er Jahre zu nähen. Außerdem verrichtet König Maurertätigkeiten, um an der Außenwand Folie durch winzige Backsteine zu ersetzen. Am Dach würde ihm eine Fledermaus-Gaube gefallen und vielleicht ein Rundbogenfenster. Den Wetterhahn will er vergolden, am Morgen hat er einen ersten Versuch gestartet. Sich selbst will er oben am Dach platzieren als Figur, die eine Dachrinne an der Dachgaube anbringt. Man glaubt ihm, wenn er sagt: „Mein Kopf schafft Tag und Nacht an dem Haus.“

Aber für den Moment soll Schluss sein. König schaltet die Elektrik aus, die Figuren stehen wieder still. „Feierabend, meine Kameraden“, sagt er.

Öffentlich gezeigt hat König das Puppenhaus erst einmal beim Tag des offenen Denkmals in Oberjesingen. Ein weiteres Mal ist geplant zum 20-jährigen Bestehen der Bauflaschnerei Marquardt in Nufringen am 13. und 14. Juni.

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