Gärtringer Schlachthof ist zu Bauern müssen lange Wege in Kauf nehmen

Noch immer ist der Gärtringer Schlachthof geschlossen. Von nächster Woche an tagt ein runder Tisch, der die Wiedereröffnung plant. Foto: factum/Simon Granville
Noch immer ist der Gärtringer Schlachthof geschlossen. Von nächster Woche an tagt ein runder Tisch, der die Wiedereröffnung plant. Foto: factum/Simon Granville

Seitdem der Gärtringer Schlachthof geschlossen ist, müssen die Bauern große Strecken fahren, um ihre Tiere an den Mann zu bringen – auch das gefährdet das Tierwohl.

Esslingen: Ulrich Stolte (uls)

Kreis Böblingen - Die Viehzüchter im Landkreis Böblingen belastet die Schließung des Gärtringer Schlachthofes, das teilt Hans-Georg Schwarz vom Falkenhof in Leonberg/Gerbersheim mit, der auch stellvertretender Vorsitzender des Kreisbauernverbands ist. Nicht nur er, sondern auch viele seiner Kollegen müssen nun die Tiere nach Balingen oder Göppingen fahren, was für die Landwirte bedeutet, dass sie pro Tiertransport zwei bis drei Stunden Fahrt zusätzlich aufwenden müssen- „Das geht vom Privatleben und von der Familie runter“, sagt Hans-Georg Schwarz.

Besonders hart trifft es dabei die Schweinezüchter, die direkt vermarkten, also letztlich die Betriebe, die in den vergangenen im Fokus für gesunde Lebensmittel stehen. „Schweine sind schnell wachsende Tiere. Wenn sie zu groß werden, weil sie nicht rechtzeitig geschlachtete werden können, dann wird es viel schwieriger sie zu verarbeiten“, sagt Hans-Georg Schwarz.

Lange Fahrten zu den Schlachthöfen

Christian Werner hat einen Hof in Bondorf. Er musste eigens einen Lastwagen anschaffen und fährt mittlerweile seine Schweine zum Schlachthof Bühl bei Rastatt. Das bedeutet sieben Stunden Fahrt, zum Schlachthof in Gärtringen waren es nur 15 Kilometer. Neben dem Zeitaufwand, dem Umweltschutz und den Kosten hat Werner auch das Tierwohl im Blick. Nicht nur für ihn ist es schwierig einzusehen, dass der Schlachthof einerseits aus Tierschutzgründen geschlossen wurde, aber andererseits jetzt die Tiere lange Fahrten überstehen müssen.

Friedrich Kempf ist Senior auf dem Obsthof Kempf in Ehningen. Er hat den Schlachthof Gärtringen mitgegründet, aber mittlerweile die Schweinemast aufgegeben, weil sie aufgrund ihrer Größe unrentabel gewesen war. Aus seiner Erfahrung heraus sei das Grundübel des Gärtringer Schlachthofs gewesen, dass er privatwirtschaftlich organisiert gewesen sei, was für die Mitarbeiter dort bedeutet habe, immer mehr und immer schneller arbeiten zu müssen, was letztlich die Probleme verursacht habe.

Diese Probleme hat die Tierrechtsorganisation Soko Tierschutz mit einem Video aufgezeichnet, das Misshandlungen und unzureichende Betäubungen von Tieren im Gärtringer Schlachthof zeigt. Daraufhin war die Anlage vom Landratsamt geschlossen worden.

Runder Tisch trifft sich am Montag

Niemand rechnet ernsthaft damit, dass der Schlachthof vor Mitte des Jahres wieder geöffnet hat. Der Runde Tisch Neustart Schlachthof werde sich nächste Woche am Montag treffen, und sich die die Pläne eines Architektenbüros vorstellen lassen sowie das weitere Vorgehen mit allen Beteiligten besprechen, berichtet Benjamin Lutsch vom Böblinger Landratsamt.

Derweil hat die CDU im Böblinger Kreistag eine weitere Strategie entwickelt und tritt dafür ein, Gärtringen zu einem Innovations- und Forschungsschlachthof zu entwickeln, Die CDU-Fraktion im Böblinger Kreistag und deren Vorsitzender Helmut Noë haben sich angesichts der anstehenden Umstrukturierung des Schlachthofes und der dafür notwendigen hohen Investitionen mit einem entsprechen Antrag an den Landrat Roland Bernhard gewandt.

Die Fraktion will auch, dass der Landrat über seine Behörde die Schlachthof-Genossenschaft Gärtringen beim Antrag von Investitionszuschüssen aus dem neu aufgelegten Förderprogramm „Tierschutz für Nutztiere in Baden-Württemberg“ des Ministeriums unterstützt. Außerdem soll der Landrat mit den Nachbarlandkreisen klären, ob sie und bereit sind, sich sowohl an den Investitionen als auch an dem Betrieb eines regionalen Schlachthofs zu beteiligen.

„Die CDU-Fraktion geht davon aus, dass erhebliche Investitionen zu tätigen sind. Neben den bereits bekannten baulichen Mängeln sind unserer Auffassung nach umfangreiche Maßnahmen für eine tierwohlgerechte Schlachtung vorzunehmen“, sagt Daniel Töpfer. Der Weissacher Bürgermeister ist der Pressesprecher der CDU-Fraktion im Kreistag.

„Diese Investitionen dürften so erheblich sein, dass die Genossenschaft sie nicht alleine wird aufbringen können“, rechnet Helmut Noë vor. Helfen könnten dabei die Gelder aus dem Förderprogramm „Tierschutz für Nutztiere in Baden-Württemberg“ mit einem Volumen von etwa zehn Millionen Euro. Damit sollen speziell Maßnahmen zur Förderung von mehr Tierwohl an regionalen Schlachthöfen unterstützt werden.

„Darüber hinaus ist der Gärtringer Schlachthof ein fester Bestandteil der regionalen Fleischerzeugung, weshalb nach den bekanntgewordenen Mängeln nun die Chance genutzt werden muss, Qualität und Expertise in den Schlachthof zu holen“, sagt Noë. An der Universität Hohenheim werde die gesamte Wertschöpfungskette in der Nahrungsmittelproduktion erforscht. Dabei spiele auch eine entscheidende Rolle, wie die letzten Stunden eines Tieres gestaltet werden.

Standort für praxisnahe Forschung

Die Gemeinde Gärtringen sei über die S-Bahn und die A 81 gut zu erreichen. Deshalb könnte der Schlachthof gemeinsam mit der Universität Hohenheim ein Standort für die praxisnahe Lehre in den Tierwissenschaften und in der Forschung sein, erklärt die CDU-Fraktion. Gerade auch was eine optimale bauliche Ausgestaltung von Schlachtstätten betrifft.

Vor diesem Hintergrund gelte es weiterhin zu klären, ob die Universität Hohenheim den Schlachthof in Gärtringen künftig wissenschaftlich begleiten möchte. Ebenfalls sei zu klären, ob das Ministerium dafür Zuschüsse gewähren könnte. Neben der Wissenschaft würden in jedem Fall die Verbraucher und auch der Schlachthof profitieren, schätzt die CDU-Kreistagsfraktion.




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