Gaffer bei Verkehrsunfällen Warum die Hemmschwelle sinkt

Eine Schaulustige fotografiert einen Autounfall: Dieses Foto ist gestellt, doch es weist auf einen Trend hin. Foto: RioPatuca Images/Adobe Stock

Immer wieder behindern Gaffer den Einsatz von Rettungskräften. Einem bayerischen Polizisten war das zu viel. Warum tun Menschen das? Und nimmt der Voyeurismus zu?

Nürnberg/Stuttgart - Gaffer bleiben stehen, zücken ihre Handys, verursachen einen langen Stau. Da platzt einem Polizisten der Kragen. Ein aktueller Fall in Bayern hat am Donnerstag eine Debatte ausgelöst. Fragen und Antworten zum Thema.

 

Was ist passiert?

Es war ein tödlicher Lkw-Unfall auf der A6 bei Nürnberg. Gaffer behindern die Rettungskräfte und filmen. Dem Leiter der örtlichen Verkehrspolizei, Stefan Pfeiffer, war das zu viel. „Da liegt er, wollen Sie ihn sehen?“, sprach er auf Englisch einen Autofahrer an, der in Richtung des Toten gefilmt hatte. „Nein? Warum machen Sie dann Fotos ?“ Und: „Schämen Sie sich!“ Einem anderen bot er an, er könne gern aussteigen „und sich die Leiche anschauen“. Doch das wollte niemand, die Schaulustigen verzogen sich. Er habe ihnen einen Spiegel vorhalten wollen, sagte Stefan Pfeiffer später – um zu zeigen, dass das kein Spiel sei, sondern bittere Realität.

Warum gaffen Menschen?

Der Grund für das Verhalten wird bei Analyse des Begriffs deutlich. Gaffen bedeutet laut Duden „verwundert, neugierig, selbstvergessen, mit offenem Mund und dümmlichem Gesichtsausdruck jemanden anstarren, einen Vorgang verfolgen.“ Neugierde und Sensationslust seien angeboren, sagt die Stuttgarter Verkehrspsychologin Susanna Heumann. „Das gab es schon immer.“ Sich Unfälle und Unglücke anzuschauen spreche Emotionen an. „Das ist einerseits schaurig, aber andererseits ist man auch froh, nicht selbst betroffen zu sein“, sagt Heumann. Und noch etwas komme dazu: Man werde plötzlich interessant, wichtig, weil man etwas zu berichten habe.

Was steckt gesellschaftlich dahinter?

„Das ist auf jeden Fall ein gesellschaftliches Problem, das zunimmt“, sagt Diplom-Psychologin Heumann. Feststellbar sei durchaus auch ein gewisser Werteverlust. Durch die sozialen Medien sei die Hemmschwelle gerade bei jüngeren Menschen gesunken, sagt Heumann. Auch vom Automobilclub ADAC heißt es: „Beim Gaffen nimmt die Sensationslust überhand, und Empathie und Einfühlungsvermögen gehen verloren.“ Schaulustige würden zum Smartphone greifen, um den Unfall zu filmen – auch weil sie mit Klicks und Gefällt-mir-Angaben ihr Aufmerksamkeitsbedürfnis bestätigt sehen. Das Problem daran: Gaffer würden sich und andere dadurch gefährden, sagt eine Sprecherin des Automobilclubs – und im schlimmsten Falle die Rettungsarbeiten verzögern.

Warum neigen manche Menschen stärker zum Starren als andere?

Normen, Erziehung und Selbstkontrolle würden eine große Rolle spielen, sagt Susanna Heumann. „Das Bewusstsein dafür, was moralisch richtig ist, kann man erlernen“, sagt Heumann. Einfluss habe aber auch, wenn Menschen beobachten, dass andere am Unfallort bereits gucken und filmen. „Da entsteht ein gewisser Nachahmeffekt.“ Andere Psychologen haben in der Vergangenheit sogar von einem Kick gesprochen, für den manche Personen anfällig seien.

Wird das Gaffen für Rettungskräfte tatsächlich immer mehr zum Problem?

Der Vorfall in Bayern ist absolut kein Einzelfall: Immer häufiger klagen Polizei und Rettungsdienst nach Unfällen über Störungen durch Gaffer. Das bestätigt auch der baden-württembergische Justizminister Guido Wolf (CDU): „Polizisten und Retter berichten leider immer häufiger, dass Gaffer bei Unglücksfällen Tote fotografieren“, sagt Wolf. Der Justizminister spricht von zunehmenden Voyeurismus. „Hinzu kommt vielleicht auch, dass es teilweise eine makabre Jagd nach dem schrecklichsten Bild gibt, bei der mancher „Trophäenjäger“ alle Regeln des Anstands vergisst.“ Der Bundesrat hat den Bundestag vergangene Woche aufgefordert, strengere Gesetze gegen Schaulustige zu beschließen. So soll es explizit verboten sein, Tote zu filmen und zu fotografieren.

Schrecken geltende Strafen nicht ab?

Nach dem Unfall auf der A6 bei Nürnberg hat der Verkehrspolizist vor Ort für einige Gaffer Bußgelder verhängt und deren Starren zum Teil selbst gefilmt, um gegebenenfalls dagegen vorzugehen. So kostet etwa das Benutzen eines Handys am Steuer 128,50 Euro Strafe. Seit 2017 gilt es als Straftat, vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern. Sensationslustigen, die Verletzte und verunglückte Autos fotografieren oder filmen, drohen sogar Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren. 2018 etwa bekam ein Mann 900 Euro Strafe, weil er einen sterbenden Biker filmte. Auch wer Hilfestellung unterlässt muss theoretisch mit hohen Geldstrafen oder sogar Freiheitsstrafen rechnen. Das Problem ist aber häufig die Anwendung: Die Einsatzkräfte müssen das Gaffen erst einmal dokumentieren und die Straftat oder Ordnungswidrigkeit beweisen. Das bedeutet einen hohen personellen Aufwand – der in der jeweiligen Unfallsituation häufig kaum zu bewältigen ist.

Gibt es noch etwas, das wirkt?

Der Polizist, der die Gaffer nach dem Unfall bei Nürnberg zur Rede stellte, hat viel Zuspruch bekommen. Stefan Pfeiffer habe auf eine ganz ungewöhnliche Weise den Leuten ihr eigenes Verhalten vorgehalten, sagt etwa Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). „Wir sind richtig stolz auf ihn.“ Vielleicht sei diese Art von Schocktherapie gut. Die Sprecherin des ADAC fordert zudem dazu auf, Gaffer nicht noch zu bestärken, „indem man womöglich ihre Fotos und Videos liked“.

Das Problem direkt anzusprechen und Gaffer mit ihrem verantwortungslosen Verhalten zu konfrontieren hält zumindest Psychologin Susanna Heumann für durchaus wirkungsvoll. „Dann fangen die Leute an, sich zu schämen, weil sie sich ihres Tuns bewusst werden und so zur Verantwortung gezogen werden.“ Es soll nun aber auch geprüft werden, ob es Möglichkeiten gebe, den Schaulustigen ihre Handys wegzunehmen.

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