Gaffer Wenn aus Neugierde Sensationslust wird

Kaum passiert etwas am Flughafen, möchten gleich viele in den sozialen Netzwerken wissen, was los ist. Foto: dpa

Immer wieder gibt es Fälle von Gaffern, die bei Unfällen mit dem Smartphone zur Stelle sind und im schlimmsten Fall die Ersthelfer bei ihrer Arbeit stören. Warum gibt es so viele schaulustige Menschen? Und was kann die Polizei tun?

Filderzeitung: Rebecca Anna Fritzsche (fri)

Filder - Hier ist überall Blaulicht. Weiß jemand, was los ist?“ – „Gerade sind drei Krankenwagen an meinem Fenster vorbeigefahren, weiß jemand was?“ – „Am Flughafen ist ganz viel Blaulicht und Sirene, ist was passiert?“ Solche Posts häufen sich in den sozialen Netzwerken, beispielsweise auch auf der Facebookseite „Filder-Pinnwand“, jüngst auch Ende Juni, als ein Airbus, der eigentlich auf dem Weg ins französische Toulouse war, auf dem Stuttgarter Flughafen zwischenlanden musste. Das hatte ein Aufgebot an Einsatzfahrzeugen zur Folge, die in Filderstadt unterwegs waren.

 

Sensationslust hat mit Nervenkitzel zu tun

Aber wo endet die Neugierde, und wo beginnt die Sensationslust? „Menschen sind von Natur aus neugierige Wesen“, sagt die Psychologin Sarah Seidl, die eine Praxis in Bonlanden hat. „Neugierde hilft bei der Orientierung, beim Überblicken von gefährlichen Situationen: Was passiert da? Betrifft es mich? Wie könnte ich reagieren? Kann ich etwas tun, kann ich helfen?“

So weit, so gut. Ein Schritt weiter wäre dann aber schon die Sensationslust, „die hat viel mit Nervenkitzel zu tun“, erklärt Seidl. „Es geht um die Lust daran, aus der eigenen Sicherheit heraus andere im Unglück zu beobachten: Man ist dem Unglück nahe, ohne selbst in Gefahr zu sein – das gibt einen Adrenalinkick.“ Dabei spiele auch ein intensives Gefühl von Leben und Sicherheit eine Rolle: „Jemandem geht es schlecht, oder jemand wird unerwartet aus dem Leben gerissen. Man denkt: So schnell kann es gehen – aber mir geht es ja gut“, sagt die Psychologin. So könnte man beispielsweise auch erklären, warum so viele Menschen 1908, nach dem Brand des Zeppelins auf den Fildern zur Unglücksstelle gepilgert sind, um sich die Sache anzusehen.

„Wir müssen uns fragen, wie wir gesellschaftlich damit umgehen“

Die nächste Eskalationsstufe ist dann das Fotografieren, Videofilmen, in den sozialen Netzwerken dazu etwas zu posten. Weit weg von der reinen Neugierde oder der Sorge, ob man selbst betroffen sein könnte, geht es hier um Anerkennung: „Man möchte auf sich aufmerksam machen, das Unglück für sich instrumentalisieren: Schau her, was ich erlebt habe, was ich gesehen habe“, erklärt Sarah Seidl. „Die meisten wissen, dass sie damit eine Grenze überschreiten, dass das nicht in Ordnung ist.“

Darum gibt sie auch den Rat, die Leute direkt darauf anzusprechen: „Wenn man an einer Unglücksstelle sieht, dass dort Leute stehen und zuschauen, kann man einfach hingehen und sagen: Du mit dem Handy! Setz doch mal einen Notruf ab. Oder eben sagen: Das ist nicht in Ordnung, was du da machst.“ Oft helfe es auch, die Gaffer zu fragen, wie sie sich verhalten würden, wenn es Verwandte oder Freunde wären, die da auf der Straße liegen. „Die Sensationslust ist in uns Menschen angelegt, der eine gibt ihr nach, der andere nicht“, sagt die Psychologin. Weiter geschürt werde sie oft durch das Internet und die sozialen Medien, die Möglichkeit der Verbreitung: „Wir müssen uns fragen, wie wir gesellschaftlich damit umgehen: Was sind unsere Werte, was sind unsere Normen?“

Beim Fotografieren und Filmen sind schnell Persönlichkeitsrechte verletzt

Auch bei der Polizei weiß man um das Problem mit den sozialen Medien: „Der Drang von Schaulustigen, immer näher an das Geschehen heranzukommen, um zu fotografieren oder Videos zu filmen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, sagt Andrea Kopp, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Reutlingen. „Das geht mit der allgemeinen Entwicklung in den sozialen Netzwerken einher.“ Schaulustige seien besonders bei schweren Verkehrsunfällen oder Bränden ein Thema. Eine signifikante Zunahme von Fällen habe es aber nicht gegeben. „Manchmal fallen gravierende Einzelfälle auf, beispielsweise wenn eine Mutter extra mit ihrem Kind zu einem tödlichen Verkehrsunfall fährt, um das Geschehen zu beobachten“, berichtet Kopp, „das ist ziemlich schwer verständlich, aber per se nicht strafbar“.

Anders sieht es im Übrigen beim Fotografieren und Filmen an Unglücksorten aus: Da seien schnell Persönlichkeitsrechte verletzt. „Es kann eine Straftat vorliegen“, weiß Andrea Kopp, ebenso bei unterlassener Hilfeleistung oder wenn jemand andere Menschen am Helfen hindert. „Das bedenken viele nicht. Für sich selbst nimmt jeder gerne Persönlichkeitsrechte in Anspruch, aber wenn es um andere geht, verschwenden manche keinen Gedanken daran.“

An einem Unfallort handelt die Polizei nach Vorschrift, wenn es um Schaulustige geht: Es wird abgesperrt, unter Umständen können auch Platzverweise ausgesprochen werden. „Die kann man auch, sofern nötig, zwangsweise durchsetzen“, sagt Andrea Kopp. „Aber das bindet natürlich Kräfte, die man eigentlich für andere Aufgaben bräuchte.“

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